Eine groß angelegte Studie des Instituts Gezici Araştirma Merkezi nahm die Generation Z in zwölf türkischen Provinzen unter die Lupe - vor allem sollte die Untersuchung Erkenntnisse über deren religiöse Überzeugung, ihre Weltanschauung und ihre Wahlpräferenzen gewinnen.

"Diese Generation wird bei den kommenden Parlamentswahlen im Jahr 2023 der entscheidende Akteur sein", prognostiziert Institutsleiter Murat Gezici. Die Jugendlichen würden zwölf Prozent der Gesamtstimmen ausmachen und der Wahl ihre Themen aufdrücken - das seien vor allem "Gerechtigkeit" und "Einkommen".

Forscher Gezici beschreibt diese jungen Menschen "als umweltfreundlicher, mitfühlender, sensibler und reflektierter" als die älteren Generationen. Zudem habe die Studie ergeben, dass 55 Prozent der Generation Z Einfluss auf das Wahlverhalten ihrer Eltern haben. Andersherum gilt das aber nicht: "87,5 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, dass ihre Eltern ihre Wahlpräferenzen nicht beeinflussen können", Gezici. Es sehe danach aus, dass sie von traditionellen Werten nicht viel halten, so der Institutsleiter.

Unzufriedenheit in der Generation Z

Dass die türkischen Youngsters sich für Erdoğans Partei begeistern lassen, ist auch mit Hinblick auf die Wirtschaftskrise nicht zu erwarten - die Jugendarbeitslosigkeit befindet sich in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren laut des türkischen Statistikamts (TÜIK) seit Monaten auf einem Stand von ungefähr 25 Prozent. Viel junge qualifizierte Türken verschlägt es daher ins europäische Ausland - eine Talentabwanderung, die sich langfristig negativ auf den türkischen Arbeitsmarkt auswirken könnte.

Der türkische Präsident Erdoğan beim Youtube-Chat; Foto: picture-alliance/AA/Turkish Presidency
Verlorene Glaubwürdigkeit: Ihren Unmut ließen die Jugendlichen den türkischen Präsidenten auf ihre Art und Weise spüren: Als Erdoğan sich einen Tag vor dem Zentraltest in einer Liveübertragung auf Youtube bei einem "Treffen mit der Jugend" mit netten Worten an die jungen Nachwuchswähler wendete, machten viele Teilnehmer keinen Hehl daraus, dass sie wütend sind.

Für Barış Ülgen, der gerade ein Studium der Elektrotechnik an der Istanbuler Sabancı Universität abgeschlossen hat, gibt es keine Partei, von der er sich vollständig repräsentiert fühlt und der er seine Stimme geben würde. Er sieht die Zukunft der Türkei pessimistisch. "Ich liebe mein Land, aber ich glaube, dass ich für einige Zeit ins Ausland gehen werde."

Auch die 17-jährige Schülerin Simge Koraltan klagt über die Unsicherheit in ihrem Land. "Hier kann man nicht vorhersagen, was in den nächsten zwei Jahren passieren wird". Sie habe dank ihrer Schulbildung Möglichkeiten im Ausland, doch eigentlich wolle sie ihr Land nur ungern verlassen.

Eine Politik nur für die Alten?

Nach Ansicht des Journalisten und Akademikers Can Ertuna sei es nicht möglich, diese jungen Menschen auf "dem alten Weg" zu erreichen. Da die Generation Z vor allem in den sozialen Netzwerken unterwegs sei, benötige man eine völlig neue Sprache. "Wir reden hier von jungen Leuten, die Youtube als Suchmaschine verwenden und Nachrichten auf Instagram verfolgen." Zudem müsste man dringend mehr Lösungen für ihre altersspezifischen Probleme bieten, so Ertuna.

Der Politologe Nezih Onur Kuru kritisiert die Regierung, weil die islamisch-konservative AKP und die ultranationalistische MHP vor allem ältere Menschen, Konservative und die Landbevölkerung ansprechen würden. Sie seien zu weit vom jugendlichen Lebensstil entfernt. "Die Empörungswelle rund um die Zentralprüfung war ein Wendepunkt. Genau wie die kommenden Parlamentswahlen im Jahr 2023 ein Wendepunkt sein werden, wenn die Wähler der Generation Z das Zünglein an der Waage sind."

Sinem Özdemir & Daniel Derya Bellut

© Deutsche Welle 2020

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