Tripp und ihr Puppentheater "Bubales"; Quelle: www.bubales.de

Shlomit Tripps Puppentheater "Bubales“
Bunt, jüdisch, interkulturell

Mit ihrem Puppentheater "Bubales“ bringt die Kunstpädagogin Shlomit Tripp ihrem Publikum spielerisch die Hintergründe jüdischer Traditionen nahe und baut Brücken zwischen Religionen und Kulturen. Für ihre Arbeit wurde sie im Januar mit dem Obermayer Award ausgezeichnet. Ceyda Nurtsch hat sie und ihre bunten Puppen getroffen.

Wenn Shlomit Tripp ihr mobiles Puppentheater aufbaut, die Scheinwerfer anknipst und die Bühne ihren liebenswerten bunten Puppen überlässt, wird viel gelacht, gesungen und gelernt – über Traditionen und Gemeinsamkeiten, über Freundschaft und leckeres Essen. Im Zentrum ihrer "Bubales“- Geschichten steht Shlomo, ein achtjähriger jüdischer Junge mit feuerrotem Haar, der alles wissen will. "Warum essen wir eigentlich immer diese öligen Latkes, Papa?“ oder "in welcher Sprache spricht deine Mama eigentlich mit dir, Ayşe?“ Ayşe ist Shlomos beste Freundin, Muslimin und eine echte Kreuzbergerin mit rauer Stimme und großem Herz.

Außerdem gibt es noch Mama und Papa Lotterstein, die Eltern von Shlomo, seinen Bruder Miki, Rabbi Blumenberg und etliche mehr wie Mendel, das humorlose Schaf. Sie alle sind die "Bubales“ – eine Wortschöpfung aus dem hebräischen Wort "buba“ für Puppe und dem jiddischen "bubele“ für kleiner Liebling. Mit den "Bubales“ tourt die Kunstpädagogin Shlomit Tripp seit 2011 durch Deutschland und lässt Kinder und Erwachsene, jüdische wie nichtjüdische, in die Welt der jüdischen Tradition und des bunten Zusammenlebens eintauchen, witzig und zutiefst menschlich erzählt.

Für ein normales deutsch-jüdisches Verhältnis

Begonnen hat alles damit, dass jüdische Eltern auf sie zugekommen sind und klagten, ihre Kinder interessierten sich kaum für Chanukka, das jüdische Lichterfest, das zur selben Zeit gefeiert wird wie Weihnachten. Schon gar nicht, wenn es schöne Angebote für christliche Kinder gibt wie Puppenspiele, aber nichts Vergleichbares für jüdische Kinder, erinnert sich Shlomit Tripp, die an der Universität der Künste studiert hat und im Bildungsprogramm des Jüdischen Museums Berlin arbeitet. Das Pilotprojekt, das sie daraufhin startet, ein Chanukka-Puppentheater, ist ein Riesenerfolg.

Die bunten Puppen von Bubales; Quelle: www.bubales.de
Heiteres, Lustiges, aber auch nachdenkliche Themen machen das Puppentheater "Bubales“ von Shlomit Tripp aus. Ihre Puppen haben Wumms. Die Farben sind knallig, die Augen groß, die Augenbrauen kräftig und Mama Lotterstein ist mit ihrem knallroten Lippenstift, ihrem Dekolleté und ihrer Perlenkette eine erfrischend forsche jüdische "Mamele“. Tripps Publikum, in dem sie Menschen unterschiedlichsten Alters und verschiedener Herkunft zusammenbringt, findet das toll. Ein Spiel mit Stereotypen? Wenn es so liebenswert ist, warum nicht.

Die Vorstellungen sind ausverkauft und auch nichtjüdische Organisationen und Familien zeigen großes Interesse. Und dann gibt es da noch ihr Schlüsselerlebnis. "Was fällt euch zu Jüdischsein ein?”, fragte sie Grundschulkinder bei einer ihrer Führungen durch das Jüdische Museum. "Da war ein sehr böser Mann, der hat alle Juden umgebracht”, war die Antwort eines kleinen Jungen. Er ging in die ersten Klasse.

Wie kann denn ein normales deutsch-jüdisches Verhältnis entstehen, wenn Kinder mit diesem Bewusstsein aufwachsen, fragt sie sich. Und findet selbst eine Antwort: Mit liebenswerten bunten Handpuppen, mit skurrilen Ideen wie einem Schwein, das unbedingt in eine Kosher-Maschine will, einer Shalömchen-Bahn, die durch das jüdische Jahr fährt und die jüdischen Feiertage erklärt oder einem Flughuhn, das von Köln nach Rom geschickt wird. "Es ist wichtig, dass Kinder, wenn sie das erste Mal Kontakt zum Judentum haben, etwas Schönes, Leichtes kennenlernen”, sagt Shlomit Tripp.

Interkulturelle Inhalte und Ästhetik

"Kulturangebote für Kinder sind auf die Mehrheitsgesellschaft ausgerichtet, sowohl was die Inhalte als auch was die Ästhetik betrifft“, hat die Künstlerin beobachtet. "In Illustrationen sind die Gesichter sehr nordeuropäisch, alles ist neutral gehalten, ohne schrille Farben und auch eher geschlechtsneutral.“ Das sei ein Stil, den sie respektiere, sagt sie. Doch ihre Puppen haben Wumms. Die Farben sind knallig, die Augen groß, die Augenbrauen kräftig und Mama Lotterstein ist mit ihrem knallroten Lippenstift, ihrem Dekolleté und ihrer Perlenkette eine erfrischend forsche jüdische "Mamele“. Ihr Publikum, in dem sie Menschen unterschiedlichsten Alters und verschiedener Herkunft zusammenbringt, findet das toll. Ein Spiel mit Stereotypen? Wenn es so liebenswert ist, warum nicht.

Neben dem jüdischen Empowerment möchte das Puppentheater "Bubales“ auch gegenseitige Neugierde und mehr Selbstverständlichkeit in das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland bringen. Die Art, in der in Kindersendungen über andere Kulturen berichtet wird, geschehe noch immer aus einer großen Distanz heraus, findet Shlomit Tripp. Das sei eine enorme Schieflage, wenn man sich Schulklassen anschaue, in denen ein großer Prozentsatz von Kindern weder Weihnachten noch Ostern feiert. Dagegen besucht ihr Fantasiewesen Glückl, eine blaue Chagall-Ziege, im Rahmen eines Community-Projekts des Jüdischen Museums Berlin Familien mit unterschiedlichsten Migrationsgeschichten und kocht und backt mit ihnen etwa zu chinesischen oder persischen Feiertagen.
 

 

"Bubales“ in der jüdischen Theatertradition

Mit ihrem Puppenspiel steht Shlomit Tripp in der jüdischen Theatertradition, deren Anfänge auf das sogenannte "Purim-Spiel“ zurückgehen. In der biblischen Esther-Geschichte offenbart Esther dem persischen König, der sie zur Frau genommen hat, ihre jüdische Identität. Dadurch gelingt es ihr, die Juden zu retten und ihnen eine ungefährdete und sogar herausgehobene Stellung im persischen Reich zu sichern. Aus der Darstellung dieser Geschichte bei dem jährlichen Purim-Fest, bei dem diese Rettung gefeiert wird, hat sich im 16. Jahrhundert eine Theaterkultur in der Art einer Karnevalstradition entwickelt. Das Fest zelebriert, dass ein Leben als jüdische Minderheit in einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft möglich ist, ohne die jüdische Identität aufgeben zu müssen. Genau das zeigt auch Shlomit Tripp mit ihren "Bubales“.

Shlomit Tripp stammt aus einer sephardischen Familie in der Türkei, wurde aber in West-Berlin geboren. Seit ihrer Kindheit hat die Künstlerin in verschiedenen Ländern gelebt und spricht mehrere Sprachen. Das alles fließt in ihre Puppen ein, die sie alle selbst in ihrer Wohnung entwirft und die gerne auch einmal Arabisch, Türkisch oder Russisch sprechen. Ihre Kreativität und ihr handwerkliches Geschick habe sie von ihrer Mutter und ihrer Großmutter geerbt, erzählt sie. Und noch etwas Wichtiges hätten ihr ihre Eltern mitgegeben. "Tikun olam“, das jüdische ethische Prinzip, die Welt zu reparieren, sie etwas besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat.

Unterstützt wird die Künstlerin von einem wechselnden Team und Beraterinnen, ehrenamtlich Engagierten und vor allem von ihrem Partner, dem Puppenpapa Gershom Tripp, der für Technik und Videoproduktion zuständig ist. Anfang 2022 wurde "Bubales“ mit dem Obermayer Award für "herausragendes Engagement zur Bewahrung jüdischer Geschichte und zur Bekämpfung von Vorurteilen in der heutigen Zeit“ ausgezeichnet. Mit ihrem Puppentheater leisten Shlomit Tripp und ihr Team einen wichtigen Beitrag zu einem selbstbewussten, humorvollen und aufrichtigen Miteinander in Deutschland.

Ceyda Nurtsch

© Qantara.de 2022

Mehr Informationen unter www.bubales.de
 

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