Shireen Hunter

Islam in Russland

Obwohl der Islam in Russland kein neues Phänomen ist, nimmt er bis heute im sozialen, kulturellen und politischen Leben des Landes keinen großen Stellenwert ein. Shireen Hunter blickt auf die Ursprünge und die Bedeutung des Islams in Russland zurück.

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Der Islam in Russland ist noch immer fragmentiert und kaum religiös sowie kulturell präsent - Qol Sharif-Moschee in Kazan, Tatarstan

​​In den letzten zehn Jahren wurde das Problem der islamischen Gemeinschaften in Russland und der ihnen innewohnenden Dynamik meist aus der Perspektive des Tschetschenienkrieges und der Gewalt und Terrorakte, die dieser hervorbrachte, betrachtet.

Und doch ist die islamische Gemeinschaft in Russland von einer ethnischen, sprachlichen, sozioökonomischen, kulturellen und ideologischen Vielfalt gekennzeichnet, die sowohl die Verbreitung des Islam in Russland, als auch das Übergreifen russischer Herrschaft auf die islamischen Länder widerspiegelt.

Die Anfänge des Islam in Russland

Es ist schwierig, den genauen Zeitpunkt anzugeben, wann sich der Islam in Russland etablierte, weil die Gebiete, in die die Religion eindrang, zu dieser Zeit kein Teil Russlands waren, sondern erst später in das Russische Reich integriert wurden.

So lässt sich der Islam im Kaukasus bereits im 7. Jahrhundert nachweisen. Archäologische Hinweise deuten auf eine Verbindung des baschkirischen Volkes (im Uralgebirge) und der islamischen Welt hin, die bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht.

Bis zum 10. Jahrhundert war das Bulgarische Reich islamisiert und hatte sich Baschkirien (heute meist als Baschkortostan bezeichnet) einverleibt. Glaubt man einigen Theorien, soll der Islam einzelne Gebiete der heutigen Russischen Föderation bereits früher als das Christentum erreicht haben.

Die Invasion Russlands durch die Mongolen im 13. Jahrhundert und ihre Niederwerfung der Kiewer Rus sowie die spätere Übernahme des islamischen Glaubens durch den Khan Uzbek von der "Goldenen Horde" im frühen 14. Jahrhundert führten zur Ausbildung eines blühenden islamischen Staates und forcierten die Ausweitung des der islamischen Kultur.

Wechselvoller Umgang mit dem Islam

Der Einzug des Islam hatte einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der russischen Staaten nach dem Ende des Kiewer Reichs, aber auch auf die Ausbildung der nationalen Identität Russlands. Zugleich prägte er das Wesen des russisch-islamischen Verhältnisses für die folgenden Jahrhunderte.

Die Identifikation des Islam mit der Herrschaft der Tataren brachte die Russen dazu, Muslime als Feinde anzusehen. So versuchten sie, wenn sich hierzu die Gelegenheit ergab, den Einfluss des Islam durch eine Mischung aus Missionierungspolitik (Beschränkung der islamischen Religion und Kultur) und imperialem Übergriffen auf die benachbarten, vom Islam geprägten Gebiete zu begrenzen.

Ein Wendepunkt in der Geschichte der russischen Beziehungen zum Islam bildete die Eroberung Kasans, der heutigen Hauptstadt Tatarstans, durch Iwan den Schrecklichen im Jahr 1552. Noch heute ist die Erinnerung an dieses Ereignis wach und beeinflusst das Verhältnis zwischen Russen und Tataren: Die Russen feiern den Sieg, während die Tataren ihn noch immer beklagen.

Die Eroberung Kasans wurde begleitet von einer Welle der Zerstörung, sowohl kultureller als auch materieller Natur.

In der Zeit zwischen der Eroberung der Stadt und dem Machtantritt Kaiserin Katharinas der Großen im Jahr 1762 war die russische Politik gegenüber den Muslimen geprägt von systematischen Repressalien und der Auslöschung der islamischen Kultur innerhalb der russischen Grenzen. Ergebnis war eine breit angelegte Auswanderung der Tataren nach Zentralasien und ins Osmanische Reich.

Politik der Toleranz unter Katharina der Großen

Katharina die Große änderte diese Politik erheblich und leitete eine Phase größerer Toleranz gegenüber den Muslimen ein. So verbot sie beispielsweise die christliche Missionierung der Muslime und die Zerstörung von Moscheen. Ihre Strategie beruhte auf der Einbindung ihrer islamischen Untertanen, insbesondere des Klerus.

Unter Katharina wurde auch in Ufa, der Hauptstadt des heutigen Baschkortostan, die erste offizielle islamische Institution gegründet.

Diese relative Toleranz erlaubte es dem Islam in Russland zu überleben, sei es auch im labilen Zustand. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strebten die Muslime verstärkt nach größerer Autonomie und mehr kulturellen wie politischen Rechten.

Kommunistische Herrschaft

So kann es nicht überraschen, dass die bolschewistische Revolution von 1917 anfangs große Erwartungen auf Seiten der Muslime weckte und selbst eine Unabhängigkeit denkbar werden ließ. Lenin selbst bestärkte diese Hoffnungen, als er den Muslimen, um ihre Unterstützung im Krieg gegen die Weißrussen zu gewinnen, zahlreiche Versprechungen machte.

Doch diese waren schon bald vergessen, und die Stellung der Muslime wurde unter den Kommunisten noch schlechter als sie es im Zarenreich gewesen war. Anti-religiöse, und insbesondere anti-islamische Kampagnen der sowjetischen Staatsführung dezimierten ihre religiösen und kulturellen Einrichtungen und Schulen, und führten zur intellektuellen Stagnation.

Und dennoch sah sich die Sowjetunion außenpolitisch immer wieder dazu veranlasst, dass sie die Muslime durch eine liberalere Politik umwerben musste, wenn sie im Konkurrenzkampf mit dem Westen auf deren guten Willen angewiesen war.

Diese Situation trug zum Überleben und zur heutigen „Wiedergeburt“ des Islam in Russland ebenso bei, wie die Bedeutung des Islam für den muslimischen Bevölkerungsteil, bildet er doch einen nicht wegzudenkenden Bestandteil ihrer Identität.

Muslime und die Reformen Gorbatschows

Als Mikhail Gorbatschow 1987 seine Reformen begann, hatte der Islam in Russland mehr als 500 Jahre der Repression überstanden. Zahlreiche anti-islamische Kampagnen hatten den Einfluss des Islam innerhalb des muslimischen Bevölkerungsanteils nicht einzudämmen vermocht. Im Gegenteil: Einige islamische Riten überlebten selbst innerhalb der höchsten Ränge der kommunistischen Nomenklatura.

Nicht zuletzt trug auch der Krieg in Afghanistan dazu bei, das Bewusstsein für den Islam in Russland neu zu beleben.

Die größere politische Freiheit, die Gorbatschows Perestroika brachte war, dass durch den erleichterten Kontakt zwischen den Russen und dem Rest der Welt eine Neubelebung der politischen, religiösen und kulturellen Aktivitäten der Muslime in Russland ermöglicht wurde. So schufen sich die Muslime in den letzten 17 Jahren eine, wenn auch noch unzureichende, politische, religiöse kulturelle und Bildungs-Infrastruktur.

Wie viele Muslime leben in Russland?

Es gibt keine genauen Angaben über die Zahl der heute in der Russischen Föderation lebenden Muslime. Hierfür gibt es zwei Gründe.

Zum einen existiert kein Konsens darüber, nach welchen Kriterien jemand als Muslim anzusehen ist. Setzt man etwa die strikte Beachtung des islamischen Glaubens als Kriterium fest, so würde dies die Zahl der Muslime auf lediglich drei Millionen begrenzen.

Teilweise jedoch wird die Zahl sowohl von einigen Muslimen selbst als auch von einigen Russen mit 30 Millionen — wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen — übertrieben hoch angegeben.

Realistischeren Schätzungen hingegen gehen von einer Zahl zwischen 16 und 20 Millionen russischer Muslime aus, wobei sie eher gegen letztere tendieren wird.

Trotzdem wird der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in den kommenden Jahren wegen der höheren Geburtenrate bei den Muslimen wohl steigen. Vor allem wird dies der Fall sein, wenn die Geburtenrate unter den Russen weiter fällt.

Geografische Verteilung

Muslime leben heute in allen Teilen der Russischen Föderation mit ihren 89 Regionen, so auch in einigen der besonders abgelegenen Gebiete wie der Kamtschatka-Halbinsel. Ein großer Teil der Muslimen lebt in den beiden größten Städten Moskau und St. Petersburg. Zusammen werden sie auf zwei bis drei Millionen geschätzt.

Die meisten Muslime aber leben weiterhin in der Wolga-Ural-Region und im nördlichen Kaukasus. Die größten Zentren muslimischer Bevölkerung liegen in den Republiken Tatarstan, Baschkortostan, Tschetschenien, Dagestan, Inguschetien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien.

Ökonomische, soziale und politische Verhältnisse

Verglichen mit der restlichen Bevölkerung des Landes befinden sich die Muslime in Russland in keiner vorteilhaften Situation. Besonders schlecht sieht die Lage im nördlichen Kaukasus aus. Hier leben doppelt so viele Menschen in Armut wie im restlichen Land, während das durchschnittliche Einkommen nur bei knapp der Hälfte des Landesdurchschnitts liegt.

Auch die Arbeitslosigkeit ist in dieser Region besonders hoch. Hinzu kommt, dass die Muslime vor allem in den ungelernten Berufen zu finden sind, darunter in verschiedenen schlecht bezahlten Jobs in der Landwirtschaft.

Ökonomisch gesehen geht es den Tataren von den russischen Muslimen noch am besten. Zum Teil liegt dies an dem Umstand, dass Tatarstan über Industrien verfügt, zum anderen Teil vielleicht auch am Geschäftssinn der Tataren.

Das soziale Netzwerk der russischen Muslime hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt; eine große Zahl religiöser, kultureller Einrichtungen wurden gegründet, Bildungs-, Medien- und gemeinnützige Institutionen geschaffen.

So gab es beispielsweise im Jahr 2001 bereits 4000 Moscheen in der Russischen Föderation, auch wenn die meisten eher klein und ohne Kuppel und Minarett errichtet wurden. Allerdings scheint der Widerstand gegen den Bau neuer Moscheen in letzter Zeit zuzunehmen, was die Bewegung hin zum Mono-Kulturalismus widerspiegelt.

Fragmentierter islamischer Klerus

Auf die Auflösung der Sowjetunion folgte ein Trend zur Fragmentierung des islamischen Klerus; wichtige religiöse Führer traten in Rivalität zueinander. Dies erlaubte der russischen Regierung, ihre Kontrolle über die wichtigsten islamischen Organisationen des Landes auszubauen.

Trotz aller Fortschritte stehen die Muslime noch immer am Rande des sozialen und kulturellen Lebens in Russland. Auch politisch ist es ihnen bisher nicht gelungen, sich effektiv zu organisieren und zu einer politischen Kraft zu werden, mit der in der russischen Parteienlandschaft zu rechnen wäre. Hierfür sind verschiedene Gründe zu nennen, von denen die folgenden die wichtigsten sind:

Spaltungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft – sowohl in ethnischer, als auch in religiöser Hinsicht – trugen zu den schlechten Ergebnissen muslimischer Parteien bei. So z.B. die "Union der Muslime in Russland" (UMR) oder der "All-Russischen muslimischen Sozialbewegung" bei den Parlamentswahlen von 1995, obwohl damals die Stimmung für die politischen Aktivitäten der Muslime sicherlich noch günstiger als heute war.

Als zweiter Grund ist die Verkleinerung des politischen Spielraums zu nennen. Neue Wahlgesetze machen die Gründung und Etablierung einer lebensfähigen islamischen Partei praktisch unmöglich.

Religiös-politische Orientierung unter Russlands Muslimen

Die überwiegende Mehrheit der russischen Muslime gehören der Hanafi-Schule an, bis auf diejenigen in Dagestan, wo die meisten der Maliki-Schule folgen. Gleichzeitig aber gewannen - als spätes Resultat der sowjetischen Politik - auch andere islamische Traditionen an Einfluss, wie etwa Varianten des Salafismus oder die der Wahhabiten.

Im nördlichen Kaukasus führte eine Kombination von sozialer und ökonomischer Verelendung auf der einen, sowie die Folgen des Tschetschenienkonfliktes auf der anderen Seite zum Erstarken extremistischer Gruppen, von denen einige an Terroranschlägen beteiligt waren.

Dennoch muss betont werden, dass die meisten dieser Gruppen, insbesondere die aus Tschetschenien, in erster Linie nicht religiös motiviert sind, sondern eher ethnische Motive haben und nach Unabhängigkeit streben.

Islamophobe Tendenzen

Der Islam in Russland ist kein neues Phänomen. In einigen Teilen des Landes breitete er sich sogar noch vor dem Christentum aus. Der Islam in Russland hat eine turbulente Geschichte hinter sich. Sein Überleben spricht - allen Widrigkeiten zum Trotz - für das Beharrungsvermögen der Religion und dafür, wie fest verankert er in der individuellen sowie kollektiven Identität der muslimischen Bevölkerung des Landes war und ist.

Das post-sowjetische Russland bot Chancen für eine umfassende Wiederbelebung des Islam, doch sind — als direkte Folge politischer Zentralisierung und kultureller "Neubesinnung" der Russen — einige der damals gemachten Fortschritte in den letzten fünf Jahren bereits wieder zurückgeschraubt worden.

Besonders besorgniserregend ist hierbei der Anstieg islamophober Tendenzen innerhalb der russischen Gesellschaft.

Die Zukunft der russischen Muslime, vor allem die Frage, ob sie irgendwann volle Teilhabe am sozialen, kulturellen und politischen Leben des Landes haben werden, wird von der Richtung abhängen, in die sich die Politik Russlands insgesamt bewegt. Hierzu zählt vor allem die Frage, ob sich das Land weiteren demokratischen Reformen öffnet oder autoritäre Tendenzen zunehmen.

Ebenso bedeutsam wird es sein, ob die Muslime selbst fähig sind, sich hinter für einen fortschrittlichen Islam einzusetzen und sich für das soziale Leben des Landes zu engagieren - auch wenn dies beinhaltet, dass viele von ihnen große wirtschaftliche und soziale Probleme überwinden müssen.

Shireen Hunter

© Qantara.de 2005

Shireen Hunter, Foto: &copy CSIS

​​Shireen Hunter ist Direktorin des Islamischen Programms am "Institut für Strategische und Internationale Studien" (CSIS) in Washington.

Qantara.de

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