"Shahida – Brides of Allah"

Ein israelischer Blick auf palästinensische Terroristinnen

Die israelische Regisseurin Natalie Assouline hat über zwei Jahre Palästinenserinnen begleitet, die nach gescheiterten Selbstmordanschlägen in Israel inhaftiert wurden. Entstanden ist ein aufwühlender Film voller Widersprüche. Igal Avidan hat ihn gesehen.

​​Junge Palästinenserinnen in einer israelischen Haftanstalt. Sie beten zu Allah, tragen eng gebundene Kopftücher, aber für ein Gruppenfoto posieren sie und betonen ihre Weiblichkeit. Als sie mit Sehnsucht über ihre Kinder sprechen, die sie nur durch die Gitter sehen können, empfindet man Mitleid mit ihnen.

Als in einer Szene die 30-jährige Kahira endlich ihre vier Kinder umarmen darf, kommen dem Zuschauer Tränen in die Augen. Und das, obwohl er weiß, dass diese Mutter eine Mörderin ist.

Die israelische Regisseurin Natalie Assouline porträtiert in ihrem Debütfilm palästinensische Terroristinnen. Dabei lässt sie die Zuschauer immer wieder in der Spannung zwischen Mitgefühl und Verurteilung. Der bedrückende Dokumentarfilm heißt "Shahida", auf Arabisch "die Heilige", und als Heilige sehen sich diese Gefangenen. Das ist Teil ihrer Selbsttäuschung.

Eine Mutter mit Herz – und einer Bombe

Acht Palästinenserinnen haben in den letzten Jahren an Selbstmordaktionen teilgenommen und dabei 42 Israelis getötet und 386 verletzt. 120 Palästinenserinnen wurden wegen ihrer Mitwirkung an Terroranschlägen festgenommen. Seit 2002 übernehmen immer mehr Palästinenserinnen die traditionelle Rolle der Männer als lebende Bomben.

Die Terrororganisationen wissen, dass Frauen an der Grenze weniger streng kontrolliert werden. So konnte die schwangere Manal mithelfen, eine Bombe in einer israelischen Grundschule zu legen. Und auf dieser Weise gelang es Kahira, einen Palästinenser ins Zentrum Jerusalems zu fahren, wo er sich in die Luft gesprengt und drei Israelis mit in den Tod gerissen hat.

Dabei zeigt sich die Frau mit den schönen Augen und vollen Lippen erbost, dass eine israelische Zeitung sie als Terroristin bezeichnet, und dazu noch mit einem schlechten Foto von ihr. "Ich bin human, ich habe ein Herz, ich habe Gefühle, ich bin doch eine Mutter", betont sie.

Ein Sprengsatz für ein Krankenhaus

Besonders erschütternd ist die Geschichte von Waffa. An ihrem 19. Geburtstag backte die Bewohnerin des palästinensischen Flüchtlingslagers Jabalyia im Gazastreifen einen Kuchen, als eine Gasflasche explodierte. Sie wurde mit starken Verbrennungen ins israelische Krankenhaus Soroka geliefert. Ein halbes Jahr lang wurde sie dort – nach eigenen Angaben – von Ärzten sehr gut behandelt.

Warum kehrte sie dann zurück und versuchte sich ausgerechnet in diesem Krankenhaus in die Luft zu sprengen, fragt Assouline. Die 22-jährige Waffa lächelt verlegen, schaut schweigend in allen Richtungen, dann redet sie, und ihre Aussagen verkehren sich ins Gegenteil:

"Ich habe Dir ja schon gesagt, die Ärzte waren nicht nett zu mir und haben mich schlecht behandelt. Aber das war nicht der einzige Grund. Eigentlich träumte ich schon als Mädchen davon, eine Selbstmordattentäterin zu werden. Warum? Um Gottes Mitleid würdig zu sein, und auch wegen der so genannten 'Shahada', des Heiligwerdens".

Obwohl diese Palästinenserinnen von der Vernichtung Israels träumen, erzählen sie ihre Geschichten gern der jüdisch-israelischen Filmemacherin, die sie zwei Jahre lang begleitet hat. Dass sie versuchen, den Dokumentarfilm als Vehikel ihrer politisch-ideologischen Ideen nutzen, erfährt der Zuschauer beiläufig:

Die Kamera zeichnet ein Gespräch im Hof auf zwischen Manal und der Führerin der streng muslimischen Gefangenengruppe. "Was hast du ihr erzählt", fragt die Vorsteherin. "Nicht alles, nur den üblichen Interviewstoff", versichert Manal.

Innerpalästinensischer Zwist

Die beiden Gruppen der Palästinenserinnen – der streng muslimischen von Hamas und Islamic Jihad und der säkularen Fatah – wurden voneinander getrennt, nachdem es zu brutaler Gewalt unter ihnen kam. Leider erfährt das der Zuschauer nicht. Deutlich wird hingegen, wie sehr diese Frauen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft unterdrückt werden. Eine Gefangene, Ranya, sagt es deutlich:

Weil sie zu Hause immer wieder geschlagen wurde, kehrte sie nach ihrer Freilassung freiwillig in die Haftanstalt zurück. Weil Ranya sich keiner der beiden palästinensischen Gruppe anschließen will, muss sie geschützt werden – von den israelischen Wärtern.

Was hat die Palästinenserinnen zu ihren Mordaktionen getrieben? "Sie haben persönliche Motive, die langsam politisch gefärbt werden", sagt Ranya im Interview.

Wirklicher Dialog im Alltag?

"So eine Frau ist wie ein Mensch, der sich selbst so lange belügt, bis er beginnt, seine eigenen Lügen zu glauben. Ich habe mit der Zeit begriffen: Das, was sie vor der Kamera sagen, ist nicht das, was ich inzwischen über sie gelernt habe. Ich konnte zum Beispiel Kahira nie ganz verstehen. Eine sehr schöne, weibliche Frau, zu der ich einen guten Draht gefunden habe. Ich sehe, dass sie nicht ohne ihre Kinder leben kann."

"Ich verstehe, dass sie unter israelischer Besatzung lebt und einen Staat Palästina will", fährt Ranya fort. "Aber welchen Preis sie dafür zahlt! Als ich sie danach frage, sagt sie, sie hätte das nur für ihre Kinder getan. Das habe ich aber niemals ganz geglaubt".

Die Regisseurin Natalie Assouline ist überzeugt, der Frieden könne nur dadurch entstehen, wenn Israelis und Palästinenser die Kultur der jeweils anderen Seite wirklich kennen lernen und sich gegenseitig als Menschen respektieren. "Die meisten Gefangenen erzählten mir, dass sie vor mir Israelis nur als Soldaten trafen."

Dass der fast freundliche Dialog, den sie mit den Palästinenserinnen in der Haft führen konnte, auch im Alltag möglich sein kann, bezweifelt sie allerdings.

Igal Avidan

© Qantara.de 2008

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