Diese Denkstrukturen machen sich Täter wie Zaki zu Nutze. Sie wissen, dass selbst, wenn einem Opfer geglaubt wird, ihr Ruf auf dem Spiel steht, da sie stets als provozierende Instanz wahrgenommen wird. Viele Frauen bevorzugen es daher zu schweigen oder sich gar zu sexuellen Handlungen erpressen zu lassen, solange nur niemand von ihrer „Schande“ erfährt. Die Motivation den eigenen Ruf oder den des weiblichen Familienmitglieds um jeden Preis zu schützen, ist eine Erklärung dafür, warum Sexualverbrechen oftmals nicht zur Anzeige gebracht werden. Eine Andere ist die ägyptische Justiz.

Gesetze bedeuten nicht Gerechtigkeit

Vergewaltigung steht laut Artikel 267 des Strafgesetzbuches unter Strafe, jedoch ist Vergewaltigung in der Ehe davon ausgenommen. Zudem gilt ein Übergriff erst als Vergewaltigung, wenn eine vollständige Penetration stattgefunden hat, sonst wird die Tat als sexueller Übergriff herabgestuft. Die Strafe bei einem Schuldspruch ist lebenslange Haft oder die Todesstrafe.

2014 wurde in Ägypten der Tatbestand der sexuellen Belästigung unter Strafe gestellt. Laut Gesetz werden sexuelle Belästigungen mit einer Haftstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren und mit Geldstrafen von bis zu 50.000 ägyptischen Pfund geahndet. Jedoch gibt es nach wie vor keine Gesetze, die die Opfer vor Einschüchterung und Übergriffen schützen.

Erst im Juli diesen Jahres wurde durch den Druck, den die Aktivistinnen Sabah Khodir und Nadeen Ashraf (Instagram Account Assaultpolice) durch den Fall Zaki aufgebaut hatten, ein Gesetz zum Schutz der Identität des Opfers verabschiedet. Bis zu diesem Zeitpunkt gaben die Behörden die Identität des Opfers ohne dessen Zustimmung preis. Dazu gehörte das Aushändigen der Kontaktdaten und Adresse des Opfers an die Familie des Beschuldigten. Das Resultat waren täglich flehentliche Anrufe der Familie des Täters, bei denen das Opfer gebeten wurde, die Anzeige zurückzuziehen, bis hinzu Bedrohungen, Stalking und gewalttätigen Übergriffen.

Das neue Gesetz stellt zwar einen Fortschritt dar, es wird jedoch von Aktivistinnen wie Arafa und Hassan als nicht ausreichendempfunden. „Wir brauchen nicht nur ein Gesetz, damit die Namen der Frauen nicht preisgegeben werden, sondern auch eines, das sie schützt, wenn sie bedroht werden. Auch müsste sich an der zeitlichen Länge der Gefängnisstrafen etwas ändern“, so Arafa. Hassan sieht einen weiteren Punkt als wichtig an: „Wir brauchen ein umfassendes Gesetz, das sich mit der Gewalt gegen Frauen in öffentlichen und privaten Bereichen befasst. Betrachten Sie die Öffentlichkeit nicht aus dem Privaten und das Private nicht aus der Öffentlichkeit.“  

Neben den üblichen Schuldzuweisungen, Fragen und höhnischen Kommentaren seitens der Polizeibeamten, berichten Opfer zudem davon, dass die Beamten mehrheitlich versuchen, sie von dem Vorhaben abzubringen, sexuelle Übergriffe zur Anzeige zu bringen.

Der erste Schritt zum Lösen eines Problems besteht darin, es zu benennen. „Jedes Mal reden die Leute über Sexualverbrechen, als wären diese  gänzlich neu für Ägypten. Doch das ist nicht so. Diese Verbrechen geschehen weiterhin, weil die Leute nicht zugeben, dass dies aus verschiedenen Gründen in diesem Land und in dieser Gesellschaft immer wieder passiert“, so Mozn Hassan. Sie fordert daher eine öffentliche Debatte, die feministische und Pro-Gender-Herangehensweisen auch Raum in Mainstream-Medien bietet und diese Gruppen ohne Stigmatisierung diskutieren können.

Zudem muss über geschlechtsspezifische Gewalt in Schulen und Familien offen gesprochen werden. Für Sherine Arafa, die jüngst zusammen mit der Aktivistin Nadeen Ashraf eine Initiative für Aufklärung über sexuelle Gewalt in Schulen ins Leben gerufen hat, steht jedenfalls fest: “Wir sollten nicht zum Schweigen erzogen werden. Diese Zeit ist vorbei.“

Paula Al-Bahari

© Qantara.de 2020

Die Redaktion empfiehlt