Insgesamt ist die Situation in Libyen schwer zu überblicken. Es gebe zwei Lagersysteme, sagt Kopp: Die offiziellen Lager der Einheitsregierung Libyens, wo viele Gräueltaten "in engster Kooperation mit der EU" passierten, sowie informelle Haftlager. Die Küstenwache, die für die offiziellen Lager die Verantwortung trägt, setzt sich aus Dschihadisten, Milizionären, Menschenschmugglern und teilweise auch Menschenhändlern zusammen, wie UN-Berichte bereits dokumentierten. Zumindest ein Teil der Küstenwache kommt aus oder arbeitet weiterhin zeitgleich im Bereich des Menschenhandels.

"Der EU hat nicht viel daran gelegen, diese Lager, auf die sie Zugriff hat, zu schließen und die Menschen zu befreien. Die EU finanziert Verbrecher, die sich Küstenwache nennen. Da sagen wir ganz klar: Das ist Teil der europäischen Flüchtlingspolitik", erklärt Menschenrechtsaktivist Kopp.

Gefangene Flüchtlinge in Libyen; Foto: picture-alliance/dpa
Schutzlos ausgeliefert: Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl fordern von der EU unter anderem einen Notfallplan für Bootsflüchtlinge. Aufnahmebereite Mitgliedsstaaten müssten in einem geordneten Verfahren aus Seenot gerettete und in Mittelmeeranrainerstaaten gestrandete Menschen aufnehmen. Zudem dürften Flüchtlinge nicht nach Libyen zurückgeschickt werden. Dort seien sie dem Risiko von Folter, Versklavung und Gewalt ausgesetzt.

Gewalt als Unterhaltung

Sexualisierte Gewalt wird aus unterschiedlichen Gründen ausgeübt, so der Bericht der Hilfsorganisation Women's Refugee Commission. Neben Erpressung gelten die Übergriffe auch der Unterhaltung des Wachpersonals, der Bestrafung und der Tötung von Menschen, die als wertlos betrachtet werden. "Wenn ein Mann versucht zu fliehen, werden alle anderen Männer dazu gezwungen, ihn zu vergewaltigen. So werden die Menschen regelmäßig bestraft, zur Unterwerfung gezwungen und kontrolliert", erzählt die Leiterin des Forschungsprojekts Chynoweth.

Als in Europa bekannt wurde, dass Menschen in Libyen als Sklaven versteigert werden, hatten Vertreter der EU-Länder versprochen, sie zu evakuieren und legal nach Europa zu bringen. Pro Asyl kritisiert: "Dieser Prozess läuft schleppend langsam und es gibt so wenige aufnahmebereite Länder, dass das UNHCR sagt, diese Menschen müssen in den Haftlagern bleiben, bis es Plätze für sie gibt. Das Leid der Menschen ist mit der menschenverachtenden europäischen Flüchtlingspolitik verbunden."

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