Sexualität und Aufklärung in Iran

Längst kein Tabuthema mehr

In der Islamischen Republik sind Aufklärungskurse längst Teil des Programms zur Regulierung der Geburtenrate geworden, um das rasante Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Roshanak Zangeneh hat einen solchen Kurs für junge Erwachsene in Teheran besucht.

Junges Paar in Iran, Foto: Markus Kirchgessner
Zwar sind Aufklärungskurse für Paare in Iran bereits seit zwölf Jahren gesetzlich vorgeschrieben, jedoch ist der Widerstand religiös geprägter Familien gegen den Besuch solcher Kurse immer noch sehr groß

​​Es ist früh morgens. Junge Paare kommen nacheinander in das Wartezimmer herein, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Die Lehrerin in einem weißen Kittel und einem schwarzen Kopftuch kündigt den Beginn des Unterrichts an. Die Paare gehen auseinander, denn der Unterricht findet getrennt nach Geschlechtern statt.

Aufklärungskurse für Brautpaare

Seit zwölf Jahren ist es im Iran Gesetz: Brautpaare müssen an einem Aufklärungskurs teilnehmen. Der Kurs dauert immerhin über eine Stunde. In der ersten halben Stunde wird ein Aufklärungsfilm gezeigt, in dem unter anderem die sexuellen Bedürfnisse von Mann und Frau, das Stimulieren des Partners und die erogenen Zonen von Männern und Frauen erklärt werden.

Über Sexualität offen zu sprechen ist zwar in fast allen islamischen Ländern ein Tabu. Doch dass dies in Aufklärungskursen in Iran thematisiert wird, empfinden junge Leute, wie die 25jährige Mathematikstudentin Maryam, mit Genugtuung:

"Aufgrund der Schamhaftigkeit, die in unserer Gesellschaft existiert, glauben wir, dass es eine Art Sünde oder Schande sei, über solche Sachen zu sprechen", so Maryam, "aber hier im Kurs wird uns vermittelt, dass das nicht so sein soll und wir ruhig und gelassen darüber sprechen können."

In Iran ist es insbesondere in traditionellen Familien nach wie vor Sitte, dass Frauen bis zur Hochzeitsnacht ihre Jungfräulichkeit bewahren. Viele Frauen sehen deshalb der Hochzeitsnacht mit gemischten Gefühlen entgegen, sie schwanken zwischen Zurückhaltung und Angst.

Auch das ist Thema im Aufklärungsunterricht. Dr. Aminian unterrichtet die Bräutigame und berät sie bezüglich sexueller Fragen – auf Wunsch auch individuell. Er empfiehlt ihnen den ersten Geschlechtsverkehr erst dann geschehen zu lassen, wenn die beiden Ehepartner psychisch und physisch vorbereitet sind. Der erste sexuelle Kontakt habe besonders auf Frauen eine nachhaltige Wirkung, so Aminian:

Informationsdefizite und familiäre Widerstände

"Wenn zum Beispiel das Paar gestresst oder körperlich müde ist oder einer der Partner kein wirkliches Verlangen nach Sex hat, sollte der sexuelle Kontakt nicht erzwungen werden, nur weil es die Hochzeitsnacht ist. Wir sagen den Paaren sogar, dass es zwei oder drei Wochen dauern kann, bis die Zeit reif ist, um den ersten Geschlechtsverkehr zu haben."

Iranische Frauen sind zumeist nicht genügend über Sexualität aufgeklärt – insbesondere Frauen, die aus stark religiös geprägten Familien stammen. Dies trifft zum Beispiel auf die 20jährige Soziologiestudentin Sohreh zu. Sie wird bald ihren Verlobten heiraten, den sie erst vor sechs Monaten in der Moschee kennen gelernt hat.

Während des Aufklärungskurses ist Sohreh überrascht, wie wenig sie über Sex, aber auch über ihren eigenen Körper wusste: "Ich habe mich geschämt, dass ich schon 20 Jahre alt bin und über Sexualität nichts weiß. Ich frage mich, warum ich bis jetzt gar keine Bücher darüber gelesen habe. Vor diesem Aufklärungsfilm dachte ich, dass der Orgasmus bloß ein männlicher Instinkt sei. Ich wusste nicht, dass Frauen auch so ein Gefühl haben können."

Der Inhalt der Aufklärungskurse ist von den kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Regionen abhängig und wird landesweit in den rund 5.000 Gesundheitszentren angeboten. Problematisch ist, dass für viele traditionelle Familien es überhaupt nicht in Frage kommt, dass ihre Töchter vor der Hochzeit über ihre sexuellen Bedürfnisse oder gar über Verhütungsmittel informiert werden.

Manchmal darf die junge Braut nicht einmal allein an dem staatlich verordneten Aufklärungskurs teilnehmen, sondern nur in Begleitung ihrer Mutter oder Schwiegermutter. Viele traditionelle Familien hätten einfach eine falsche Einstellung zur Ehe, sagt Frau Zargar, Lehrerin und Sexual-Beraterin in Teheran:

"Wir reden mit den Familien und versuchen zu erklären, dass ihre Töchter bald Frauen sein werden, und dass man sie darauf vorbereiten und darüber informieren sollte", berichtet Zargar. "Wir sagen ihnen, dass sie ihren Töchtern nicht einreden sollen, direkt nach der Hochzeit schwanger zu werden. Und ihnen auch nicht einreden, dass sie unfruchtbar werden, wenn sie in den ersten Ehejahren nicht schwanger werden. Wenn wir es nicht schaffen, solche Einstellungen bei der Mutter zu ändern, dann können die Töchter nichts ändern."

Strategien zur Senkung des Bevölkerungswachstums

Die Aufklärungskurse finden im Rahmen des staatlichen Familienplanungsprogramms statt, wobei die Brautpaare auch über sämtliche Verhütungsmethoden informiert werden.

Iran hat eine der höchsten Verhütungsraten aller islamischen Länder: 73 Prozent aller iranischen Frauen verhüten. In den vergangen Jahren ließen sich auch viele Männer in einem der über 400 staatlichen und privaten Zentren sterilisieren. Dr. Aminian hat allein dieses Jahr über 170 Fälle operiert. Die Sterilisation sei bei Männern viel leichter als bei Frauen.

"Nachdem wir ein paar Jahre Aufklärungskurse durchgeführt haben, ist das Bildungsniveau bei Männern gestiegen und dadurch sind mehr Männer zur Sterilisation bereit als früher", erklärt Aminian. "Außerdem dauert die Operation bei Männern nur 20 bis 30 Minuten und es ist nur eine örtliche Betäubung notwendig. Aus diesen Gründen sind nun mehr Männer bereit, sich sterilisieren zu lassen."

Nach dem Besuch des Aufklärungskurses erhält jedes Brautpaar eine Teilnahmebescheinigung. Der Erfolg der Aufklärungskurse, so berichtet Sexual-Beraterin Zargar, ist vor allem an der Senkung des Bevölkerungswachstums von 3,4 auf 1,2 Prozent in den vergangenen 14 Jahren abzulesen – freilich liegt der Erfolg auch darin begründet, dass viele Paare nach der Heirat wiederkommen, um sich individuell beraten zu lassen.

Roshanak Zangeneh

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

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