Schneller-Schule im Libanon

Von der Mission zur Friedenserziehung

An der christlichen Schneller-Schule im Libanon lernen muslimische und christliche Kinder gemeinsam. Ziel ist es, die Kinder zu Toleranz und gegenseitigem Respekt zu erziehen. Martina Sabra hat die Schule besucht.

Schneller-Schule im Libanon; Foto: www.kreh-online.de
In der christlichen Schneller-Schule - in der libanesischen Bekaa-Ebene gelegen - lernen christliche und muslimische Jugendliche gemeinsam

​​Obwohl der Bürgerkrieg im Libanon seit über 15 Jahren vorbei ist, scheint die libanesische Gesellschaft von einem wirklichen Frieden immer noch weit entfernt. Die Gräben zwischen den insgesamt 18 Religionsgemeinschaften sind tiefer denn je. Manche junge christliche Libanesen haben noch nie persönlichen Kontakt zu muslimischen Landsleuten gehabt - und umgekehrt.

Aber es gibt auch Orte, wo man versucht, der konfessionellen Spaltung des Libanon entgegenzuwirken. Die Schneller-Schule in Khirbet Kanafar in der Bekaa-Ebene hatte früher die Aufgabe, für das Christentum zu missionieren. Heute lernen dort christliche und muslimische Kinder gemeinsam.

Schwabenland im Nahen Osten

Wenn man vom zweieinhalbtausend Meter hohen Libanon-Gebirge in die Bekaa-Ebene hinunterfährt, kann man die Schule kaum übersehen: Schon von weitem leuchten die roten Ziegeldächer in der fruchtbaren grünen Ebene. Ein bisschen Atmosphäre aus der deutschen Region Schwabenland hat ein Architekt hier im Dorf Khirbet Kanafar mitten im Nahen Osten geschaffen. Und in den Klassenzimmern der Schule sind neben Arabisch und Englisch auch deutsche Töne zu hören:

"Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht ..." - "I'm Dominik Abu Ghanem from Zahle and I like the school."

Rund 480 Kinder besuchen die christliche Schneller-Schule in der Bekaa-Ebene, davon 180 als Internatsschüler. Zwei Drittel sind Muslime, ein Drittel Christen. Leiter der Schule ist der syrische Pfarrer Riad Kassis, Doktor der Theologie und studierter Betriebswirt.

"Das Internat ist Waisen, Halbwaisen und Kindern aus Problemfamilien vorbehalten, sowie den sehr armen Schülern", erzählt Riad Kassis. "Die Tagesschule steht theoretisch allen interessierten Kindern offen. Hier wird Schulgeld erhoben. Allerdings können die meisten Eltern wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation das Schulgeld nur teilweise oder gar nicht aufbringen. Deshalb geben wir Ermäßigungen und Stipendien."

Flucht in den Libanon

Bedürftigen Jungen eine Berufsausbildung und eine Zukunft geben - das wollte einst auch der aus dem deutschen Schwabenland stammende Missionslehrer Johann Ludwig Schneller. 1860 gründete er in Jerusalem, das damals noch von Damaskus aus verwaltet wurde, das so genannte "Syrische Waisenhaus". Später kam eine Zweigstelle in Nazareth dazu.

1948, nach der Gründung des Staates Israel, wurden die palästinensischen Schneller-Schulen geschlossen und enteignet. Lehrer und Kinder flohen in den Libanon. In dem Dorf Khirbet Kanafar fanden sie eine neue Heimat.

Damals galt die Mission als wichtige Aufgabe der Schule: Man wollte für das Christentum werben, der Kirche neue Gläubige zuführen. Doch das gehört der Vergangenheit an - wenngleich die
Schneller-Schule natürlich christlich geprägt bleibt.

Heute sieht Schulleiter Riad Kassis die Hauptaufgabe darin, Kinder verschiedenen Glaubens zu Toleranz und gegenseitigem Respekt zu erziehen: "Wir wollen Christus und die christliche Botschaft auf behutsame Weise vermitteln. Wir betonen, dass man den Anderen respektieren muss, auch wenn man in Sachen Glaubensüberzeugung vielleicht nicht übereinstimmt. Konkret heißt das, dass wir zwar christliche Erziehung anbieten, aber den Schülern selbstverständlich gestatten, im Ramadan zu fasten."

Am Ende des Ramadans gibt es sogar ein großes Fest im Speisesaal, an dem alle Kinder teilnehmen.

Respekt der Religionen

Friedenserziehung ist ein wichtiges Ziel der Schneller-Schule im Libanon, ebenso wie der gegenseitige Respekt der Religionen. Eine Moschee gibt es auf dem Gelände der Schneller-Schule im Libanon bisher allerdings nicht. Auch ein förmlicher islamischer Religionsunterricht ist nicht vorgesehen.

Kinder in der Schule; Foto:www.elkw.de
Friedenserziehung und Erziehung zum gegenseitigen Respekt sind wichtige Themen im Unterricht

​​Die Kinder, so Riad Kassis, sollen gemeinsam an religiöse und ethische Themen herangeführt werden: "Unser Hauptaugenmerk liegt in der Tat auf der christlichen Erziehung." Aber auch andere Religionen und Themen, die in anderen Fächern keinen Platz hätten, würden behandelt:

"Bei uns im Libanon gibt es zum Beispiel keinen Sexualkundeunterricht an den Schulen. Wir sprechen in der achten und neunten Klasse mit den Schülern deshalb auch über die Pubertät, und wir erteilen einen elementaren Aufklärungsunterricht."

Die Schneller-Schulen im Libanon und im benachbarten Jordanien funktionieren mit Hilfe des Evangelischen Vereins für die Schneller-Schulen und durch Spenden. Der Verkauf von Produkten aus den hauseigenen Tischlereien, Schmieden und Bäckereien bringt zusätzliche Einnahmen.

Unterm Strich ist das Geld jedoch immer knapp: Riad Kassis rührt fleißig die Spendentrommel, um möglichst vielen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Umso mehr freut sich der engagierte Pfarrer, dass er endlich ein lang ersehntes Projekt verwirklichen konnte: das erste Schneller-Internat für Mädchen.

Martina Sabra

© Deutsche Welle 2006

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