Schließung der Frauenzeitschrift "Zanan" im Iran

Gleichberechtigung auf Halbmast

Mit der Schließung der Frauenzeitschrift "Zanan" wurde im Iran ein Sprachrohr der islamischen Frauenrechtsbewegung zum Schweigen gebracht. Gleichzeitig wirft der Fall ein Schlaglicht auf die anhaltende Unterdrückung unabhängiger Medien und NGOs im Iran. Von Margot Badran

Mit der Schließung der populären iranischen Frauenzeitschrift "Zanan" wurde im Iran ein Sprachrohr der emanzipierten, islamischen Frauenrechtsbewegung zum Schweigen gebracht. Gleichzeitig wirft der Fall ein Schlaglicht auf die anhaltende Unterdrückung unabhängiger Medien und NGOs unter Präsident Ahmadinedschad. Von Margot Badran

​​Bei allen Debatten über Frauen und Gleichberechtigung befand sich die Zeitschrift Zanan (Frauen) im Iran stets Mittelpunkt. Dabei ging es um nichts Geringeres als eine gleichberechtigte Interpretation des Islam, um die Erfahrungen von Frauen im Iran und ihren Beitrag zur Gesellschaft. Von Beginn an spielte Zanan eine Doppelrolle: im Iran und in der Welt.

Die Nachrichten und Kommentare in Zanan sausten so schnell durch den Cyberspace, dass schnell klar wurde, dass es um etwas wirklich Großes ging: Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit in einem Land, von den viele außerhalb des Landes dachten, dass sie im Iran vollständig fehlt. Nun aber wurde die Zanan-Redaktion von der Staatsmacht endgültig geschlossen.

Plattform der "neuen religiösen Intellektuellen"

Zanan wurde 1992 von Shahla Sherkat gegründet, einer erfahrenen Journalistin und Zeitschriftenherausgeberin. Von 1982 an war sie Herausgeberin des vom staatlichen Kayhan-Verlag publizierten Magazins Zan-e Ruz (Frau von Heute), bevor sie 1991, wie einige weitere Mitarbeiter, entlassen wurde. Doch sie setzten ihre Arbeit fort, schrieben eine Weile für unabhängige Publikationen und wurden bald als "neue religiöse Intellektuelle" bekannt.

Sherkat, die einzige Frau unter ihnen, hatte sich bereits über die konservative Linie von Zan-e Ruz empört (zu deren Entwicklung sie ursprünglich eingestellt worden war). Als sie dann aber entlassen wurde, brannte sie darauf, ihre eigene, unabhängige Zeitschrift für Frauen- und Gender-Fragen zu machen. Sie biss die Zähne zusammen, sammelte ein bescheidenes Budget und heraus kam: Zanan.

Der Koran aus emanzipatorischer Perspektive

Mit ihrer neuen Vision, einer eisernen Entschlusskraft und großer Erfahrung im Journalismus brachte sie, mit der Unterstützung einiger Gleichgesinnter, eine unabhängige, fortschrittliche Zeitschrift auf den Weg.

Was sich darin fand, waren Artikel, in denen Frauen (und Männer, die weibliche Pseudonyme benutzten – darunter einige angehende religiöse Gelehrte), den Koran und andere religiöse Überlieferungen aus ihrer Sicht interpretierten und dabei mit einer emanzipatorischen Sichtweise des Islam verbanden.

Dies entwickelte sich bereits in den 90er Jahren – zu einer Zeit also, in der weltweit ganz ähnliche Projekte initiiert wurden, um die herrschenden Beschränkungen und Ungleichheiten als Folge einer patriarchalen Lesart des Islams zu überwinden. Dieser neue, auf Frauen und Emanzipation fokussierte Diskurs wurde schon bald auch als "islamischer Feminismus" bezeichnet.

Zanan nahm schon bald eine Schlüsselfunktion innerhalb der Entwicklung um den neuen islamischen Feminismus ein. So fiel der Zeitschrift schon bald eine ebensolche Rolle innerhalb der Debatten außerhalb des Iran zu.

Internationale Gelehrte wie Ziba Mir-Hosseini, Afsaneh Najmabadi, Val Moghadam und Nayereh Tohidi waren unter denen, die der neuen Gender-Diskussion zu öffentlicher Aufmerksamkeiten verhalfen. Von Ägypten bis Südafrika, von Indien nach Malaysia und Indonesien, war Zanan aus dem weltweiten Diskurs über den islamischen Feminismus nicht mehr wegzudenken.

Ratgeber in sozialen Fragen

Dem islamischen Feminismus ging es immer um die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, d.h. um die Notwendigkeit, die Prinzipien von Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit auch konkret umzusetzen.

Zanan untersuchte deshalb auch die sozialen, gesellschaftlichen Probleme im Iran – wie etwa Scheidung, Fragen des Sorgerechts, häusliche Gewalt, öffentliche Gewalt gegen Frauen, Prostitution und die Ausbreitung von Aids. Immer ging es dabei darum, die Bedingungen für Frauen zu verbessern.

Sherkat und ihre Mitarbeiter waren der Überzeugung, dass diese Probleme nur dann wirklich gelöst werden können, wenn sie auch von der gesamten Gesellschaft erkannt werden, diese von ihr also klar benannt werden. Zanan bot Frauen Hilfe in Rechtsfragen, gab Gesundheitstipps und in Ratschläge in beruflichen Angelegenheiten mit dem Ziel, das Leben der Frauen und ihrer Familien ein wenig zu erleichtern.

Zur gleichen Zeit förderte die Zeitschrift aber auch die Kreativität der Leserinnen durch den Abdruck ihrer literarischen Werke, und half ihnen auch bei der Verbreitung von Kunst, Fotografie und Filmen, darunter viele Werke, die weltweite Anerkennung fanden.

Dauerhafter Lizenzentzug?

Nun aber, nach 16 erfolgreichen Jahren im Fokus des öffentlichen Interesses und nach einem Weg, der häufig sehr steinig war (die Zeitschrift hatte bereits drei Gerichtsverfahren überstanden), wurde die Stimme der couragierten Frauen von Zanan schließlich zum Schweigen gebracht.

Am 28. Januar wurde Zanan die Lizenz entzogen. Die Erklärung des "Press Supervisory Board" wurde allerdings durch die Nachrichtenagentur FARS-NEWS verbreitet, der eine Nähe zur Regierung Ahmadinejad nachgesagt wird, und nicht durch die offizielle Agentur IRNA, dem normalen Kanal zur Verkündung von Regierungsentscheidungen.

Zudem gehört der Entzug einer Lizenz nicht zu den Befugnissen der zuständigen Stelle zur Kontrolle der Presse. Und tatsächlich hat Sherkat, als Lizenzinhaberin und Geschäftsführerin von Zanan, bis heute keine offizielle Mitteilung über den Entzug der Lizenz bekommen, was vom rechtlichen Standpunkt notwendig wäre.

Mut der Verzweiflung

So schießen die Spekulationen derzeit ins Kraut: Wollten einige frustrierte Zensoren des Amtes mit der Schließung der Zeitschrift eilig vorpreschen, um ein "fait accompli" zu schaffen? Könnte die Entscheidung vielleicht revidiert werden, wo sie den offiziellen Prozeduren doch so wenig gerecht wurde?

Oder handelt es sich hierbei vielleicht doch nur um ein weiteres Steinchen im Mosaik anhaltender Repression? Müssen auch andere liberale Kräfte im Iran damit rechnen, zum Schweigen gebracht zu werden? Inmitten dieser großen Unsicherheit mischt sich dennoch Hoffnung und der Mut der Verzweiflung.

Zanan wurde vorgeworfen, ein zu düsteres Bild der Islamischen Republik Iran zu malen und damit eine psychologische Bedrohung für die Gesellschaft darzustellen. Beobachter können angesichts solch haarsträubender Anschuldigungen nur darauf hoffen, dass aus der Entscheidung ein Bumerang wird, der diejenigen trifft, die sie zu verantworten haben.

Es bleibt abzuwarten, ob der Lizenzentzug für Zanan nur eine eklatante, aber zu korrigierende Fehlentscheidung einiger missgünstiger Individuen war oder ob es sich um einen bewussten und längerfristigen Akt handelt.

Was auch immer passieren wird, die unvergleichliche Arbeit von Zanan wird keine Schließung zunichte machen können. Der Beitrag der Zeitschrift zur Entwicklung des islamischen Feminismus wird für immer in unseren Büchern stehen und ihre Vision wird weiterleben.

Außerhalb der iranischen Grenzen wird mit der gleichen Entschlossenheit gekämpft, mit der Zanan an der Theorie und Praxis der Gleichberechtigung und Gerechtigkeit im Islam gearbeitet hat.

Margot Badran

Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Kiecol

© Qantara.de 2008

Margot Badran ist Senior Fellow am Zentrum für "Islamisch-Christliches Verständnis" an der Georgetown University, Washington D.C. und lehrt gegenwärtig als Gastprofessorin am ISIM (Institute for the Study of Islam in the Modern World) in Leiden, Niederlande. Sie beobachtet die Entwicklung des islamischen Feminismus seit ihrem Aufstieg in den 1990er Jahren und hat bereits zahlreiche Artikel und Bücher zu diesem Thema geschrieben.

Qantara.de

Interview Margot Badran:
"Islamischer Feminismus ist ein weltweiter Diskurs"
Die Historikerin Margot Badran konzentriert sich als Spezialistin für Gender Studies auf den Nahen Osten und die islamische Welt. Im Interview mit Yoginder Sikand spricht sie über islamischen Feminismus und die Rolle der Frau im Islam.

Iranische Organisation für Frauenrechte (RAAHI)
Rechtsberatung bei Scheidung und Totschlag
Frauen sind nach iranischem Recht den Männern in vielen Fällen nicht gleichgestellt. Die iranische Frauenorganisation RAAHI bietet Frauen deshalb insbesondere bei Scheidung oder Mordanklage Hilfe an. Jasmin Tiefensee hat die Organisation in Teheran besucht.

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Feministischer Islam
Sie berufen sich auf die Tradition: Musliminnen, die in ihrem Kampf um gesellschaftliche Emanzipation und ein modernes Rollenverständnis auf den Koran und die Geschichte des Islam zurückgreifen - auch wenn sie damit teilweise überlieferter Koraninterpretation widersprechen.

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