Nach dieser qualvollen Zeit begann die Einigkeit der Gegner zu zerbröckeln – sie wussten nicht, wie sie mit Mohammed umgehen sollten. Die kleine Gruppe durfte schließlich das Tal verlassen. Mit der Aufhebung der Blockade begann der Siegeszug der neuen Religion, den Rest kennen wir.

Gott ist mit den Geduldigen

Nachdem er diesen Mythos erzählt hat, zitiert Nasrallah in seiner Ansprache jenen Koranvers, den Mohammed aus Anlass dieser dreijährigen Belagerung empfangen haben soll:

 يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا اسْتَعِينُوا بِالصَّبْرِ وَالصَّلَاةِ ۚ إِنَّ اللَّهَ مَعَ الصَّابِرِينَ

"Oh Gläubige, müht Euch um Geduld, verrichtet das Gebet, Gott ist mit den Geduldigen".

Will heißen: Der Sieg sei zwar gewiss, aber der Triumph brauche Ausdauer: Seid also geduldig wie einst der geliebte Prophet.

Nasrallahs Ansprache ist in Wahrheit eine Kehrtwende. Er sieht die "Achse des Widerstands" im Belagerungszustand, und er rät zu Geduld. Das gilt auch für seine Anhänger in Deutschland. Zum ersten Mal seit ihrem Bestehen hat die Hisbollah in diesem Jahr die so genannten Al-Quds-Demonstrationen abgesagt. Nicht nur im Libanon, sondern weltweit sollten am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan keine Aufmärsche gegen Israel stattfinden – auch nicht in Berlin. Eine Eskalation mit Deutschland ist offenbar nicht opportun.

Propagandabild zum Quds-Tag; Foto: DW
Der Tempelberg in den Händen von Pasdaran, Hisbollah & Co.: Irans Revolutionsführer Ali Khamenei hatte mit einem Bild zur "Endlösung" in Jerusalem international scharfe Kritik ausgelöst. Die Zeichnung unter dem Motto "Palästina wird frei sein" zeigt den Jerusalemer Tempelberg. Darüber steht: "Die Endlösung: Widerstand bis zu einem Referendum." Anlass ist der Al-Quds-Tag, der an die Besetzung Ost-Jerusalems durch Israel während des Sechstagekrieges 1967 erinnert. Al-Quds ist der arabische Name für Jerusalem.

Selbst auf das Verbot des deutschen Innenministers reagierte Nasrallah erstaunlich mild. Kein Wort der Verurteilung oder Klage, dass Horst Seehofer die Hisbollah als Terrororganisation bezeichnet hatte. Die Partei Gottes habe keine Mitglieder in Deutschland, sagte Nasrallah und rief alle Libanesen in Deutschland zu Gesetzestreue auf. Die Zeiten der Verbaloffensive scheinen vorbei. Angesagt sind Durchhalteparolen.

Damit widerspricht der Hisbollah-Chef offen und eindeutig seinem Mentor und Idol, dem iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei, der nicht nur die Hisbollah, sondern die gesamte "Achse" alimentiert. Khamenei sieht sich weiterhin in der Offensive: Er sucht Eskalation, jedenfalls verbal. Am Vorabend des Al-Quds-Tags stellte das religiöse Oberhaupt des Iran auf seiner offiziellen Webseite ein Plakat online, das ein "freies" Palästina darstellt und dabei den Nazi-Euphemismus "Endlösung" bemüht.

Programmierte Provokation

Das Poster, das in Farsi, Arabisch und Englisch veröffentlicht wurde, trägt den Titel: "Palästina wird frei sein. Die Endlösung: Widerstand bis zum Referendum". Darunter sieht man eine Zeichnung von Soldaten aus islamischen Ländern, wie sie palästinensische Flaggen und das Bild des von den USA getöteten iranischen Generals Soleimani schwenken. Im Vordergrund ist die Al-Aqsa-Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg, im Hintergrund der Felsendom zu sehen. 

Das Wort "Endlösung" ist kein Fauxpas, kein Zufall. Khameneis wichtigste außenpolitische Berater wie Ali Akbar Velayati oder Kamal Kharrazi sind Absolventen von US-Universitäten. Sie wissen, welche Emotionen das Wort im Zusammenhang mit Juden in der westlichen Öffentlichkeit auslöst. Auch Khamenei weiß das. Das ist eine programmierte Provokation. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, er warte und freue sich auf heftige Reaktionen aus dem Ausland.

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