''Schah Abbas: The Remaking of Iran''

Persische Geschichte im Spannungsfeld der Weltpolitik

"Shah Abbas: The Remaking of Iran" im British Museum ist eine eindrucksvolle Ausstellung, welche die kulturelle, architektonische und künstlerische Blüte unter der Herrschaft des fünften Safawiden-Schahs zeigt. Von Susannah Tarbush

"Shah Abbas: The Remaking of Iran" im British Museum ist eine eindrucksvolle Ausstellung, welche die kulturelle, architektonische und künstlerische Blüte unter der Herrschaft des fünften Safawiden-Schahs zeigt. Susannah Tarbush berichtet aus London.

Shah Abbas auf einem Wandgemälde im Chihil Sutun Palace; Foto: &copy British Museum
"Rastlos, entschlusskräftig, unbarmherzig, intelligent": Die Londoner Ausstellung bemüht sich um ein facettenreiches Porträt von Shah Abbas und dem Iran des 17. Jahrhundert.

​​Die Londoner Ausstellung findet zu einer Zeit statt, in der der 30. Jahrestag der iranischen Revolution und der 20. Jahrestag der Fatwa Ayatollah Khomeinis gegen Salman Rushdie begangen werden, was in Großbritannien sehr zwiespältige Erinnerungen weckt.

Einige glauben, dass die Ausstellung zu einem besseren Verständnis des modernen Iran beitragen und möglicherweise erklären helfen könnte, wie es historisch zu den drei iranischen Wesenszügen kommen konnte, die das Land heute auszeichnen: Stolz, Reizbarkeit und hochfahrende Ambitionen.

Blick in die Vergangenheit

Schah Abbas transformierte die soziale, wirtschaftliche und religiöse Landschaft des Iran. Unter ihm wurde nicht nur der schiitische Islam als Staatsreligion wiederbelebt, sondern auch ein goldenes Zeitalter der iranischen Kunst begründet.

Abbas' Kunsthandwerker und Künstler schufen einen einheitlichen Stil, der sich im ganzen Spektrum des künstlerischen Schaffens manifestierte – von den Moscheen und Schreinen über Kacheln und Wandgemälde, Teppiche, Textilien bis hin zur Gestaltung von Manuskripten und Büchern.

Sogar was die Erscheinung der vornehmen Gesellschaft betrifft, hinterließ die Zeit ihre Spuren: große, mandelförmige Augen waren genauso "en vogue" wie grell-rote geschminkte Lippen.

"Es kann nicht überraschen, dass sich, nachdem der Hof des Schah Abbas sich in Isfahan angesiedelt hatte, diese neue Mode dort verbreitete", heißt es im Ausstellungskatalog. "Noch heute ahmen viele Menschen Trendsetter nach und die 'Jeunesse dorée' von Isfahan bildete keine Ausnahme."

Kuppel der Sheikh Lotfallah-Moschee; Foto: &copy British Museum
Die Kuppel der Sheikh Lotfallah-Moschee: Shah Abbas verlegte die Hauptstadt von Qazvin nach Isfahan, wo er ambitionierte Bauvorhaben umsetzen ließ.

​​Bereits 1501 war die Schia vom ersten Safawiden-Schah Ismail I. zur Staatsreligion erklärt worden, doch erst Abbas gelang es, diesen Anspruch zu festigen. Die Ausstellung im berühmten, kreisförmigen Lesesaal des British Museums konzentriert sich auf die vier heiligen Städte Isfahan, Maschhad, Ardabil und Qom.

Bilder der architektonischen Glanzstücke dieser Städte werden auf riesige Leinwände projiziert. Ausgestellt werden neben wertvollen, mit Gold- und Silberfäden gewebten Teppichen, chinesischem Porzellan, illustrierten Manuskripten und Aquarellen auch aufwändige Metallarbeiten und prächtige Seidenstoffe. Sie ähneln denen, die Schah Abbas wichtigen religiösen Stätten stiftete.

Die Schönheit von Isfahan

Eingangskorridor der Sheikh Lotfallah-Moschee; Foto: &copy British Museum
Der Eingangskorridor der Sheikh Lotfallah-Moschee in Isfahan: Das Gebäude wurde 1615 errichtet und zählt zu den Meilensteinen safawidischer Architektur.

​​Es war 1589, als Abbas die Hauptstadt des Landes von Qazvin nach Isfahan verlegte, wo er große Bauprojekte auf den Weg brachte. Um den großen Platz, dem Naghsch-e Dschahān, ließ er nicht nur seinen Palast erbauen, sondern auch eine eigene, nach seinem Schwiegervater und spirituellen Mentor benannte Moschee sowie einen Basar für Luxusartikel. Bis heute ist Isfahan eine der schönsten Städte der Welt.

Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Zusammenarbeit mit der "Iran Heritage Foundation", dem Iranischen Nationalmuseum und der Organisation "Iranian Cultural Heritage, Tourism and Handicrafts".

Neben acht iranischen Museen stellten auch Sammlungen und Institutionen in Großbritannien, den USA, Kuwait, Deutschland, Russland, Italien, der Schweiz und Frankreich, zahlreiche Objekte zur Verfügung.

Im Spannungsfeld der Gegenwart

Diese enge Kooperation zwischen dem Iran und britischen Experten ist besonders bemerkenswert - vor dem Hintergrund der noch immer sehr gespannten Beziehungen beider Länder.

Noch Mitte März bot der britische Premier Gordon Brown dem Iran zwar internationale Hilfe beim Ausbau eines von den UN überwachten, zivilen Atomprogramms an, stellte jedoch zugleich klar, dass das gegenwärtige Nuklearprogramm des Iran nicht akzeptabel sei und drohte mit einer Verschärfung der Sanktionen, sollte es weitergeführt werden.

Foto: AP
Ex-Minister Jack Straw: "Je besser wir den Iran verstehen, desto besser wird es für die Beziehungen des Westens zu diesem Land sein."

​​Doch gibt es auch noch weitere Streitpunkte: So wurde der im Januar vom BBC World Service gestartete Ableger "Persian TV" von der iranischen Regierung als "suspekt und illegal" bezeichnet und verurteilt.

Ende Januar schloss der "British Council" die Türen seines Büros in Teheran und stellte die Arbeit im Iran ein, nachdem seine Mitarbeiter massiven Drohungen und Einschüchterungen seitens der iranischen Regierung ausgesetzt waren.

Bereits im Dezember waren alle 16 Mitarbeiter des in Teheran ansässigen Personals beim Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad einbestellt und zur Beendigung ihrer Arbeit aufgefordert worden.

Ein Schuldeingeständnis

​​Dennoch gelang es dem Justiz- und vormaligen Außenminister Jack Straw, verbindliche Worte zu finden, als er die Ausstellung eröffnete. "Je besser wir den Iran verstehen, desto besser wird es für die Beziehungen des Westens zu diesem Land sein. Gleichzeitig werden wir aber auch uns selbst und unsere gemeinsame Geschichte verstehen."

Bezug nehmend auf die britisch-iranische Geschichte räumte Straw ein, dass die Beziehungen zum Iran nicht "ausgewogenen waren und auch nicht auf dem Prinzip der Einvernehmlichkeit basierten". Dafür nannte er auch einige Beispiele:

"Das Tabakmonopol im 19. Jahrhundert, der Ölliefervertrag und die Besatzung des Iran durch Großbritannien und die Sowjetunion in den Jahren von 1941 bis 1946. Auch unsere Beteiligung an dem von den USA initiierten Sturz des rechtmäßig gewählten Premier Mossadeq ist ein Beispiel hierfür. Schließlich ist auch unsere lang anhaltende Unterstützung des Schahs zu nennen, lange nachdem er den Rückhalt innerhalb der iranischen Bevölkerung verloren hatte."

Shah Abbas und Königin Elizabeth I

Neil MacGregor, Direktor des Britischen Museums, vergleicht in seinem Vorwort zu dem 274 Seiten starken Katalog Schah Abbas mit dessen Zeitgenossin Königin Elisabeth I. von England.

Wie Elisabeth trat Schah Abbas die Thronfolge unter schwierigen Umständen an, mit der Aufgabe, ein instabiles Land zu regieren, das erst kurz zuvor eine religiöse Neuausrichtung erlebt hatte und darüber hinaus von mächtigen Gegnern umgeben und bedroht war.

Elizabeth I., das Armada-Portrait, Woburn Abbey (George Gower, ca. 1588)
Historische Parallelen: Wie Shah Abbas verstand es auch Queen Elisabeth I., ihren Landsleuten einen klar abgegrenzten Begriff nationaler Identität zu vermitteln.

​​Beiden Monarchen gelang es indessen, eine klar umrissende nationale Identität zu erschaffen. Im Unterschied zu Elisabeth I. aber gestand Schah Abbas anderen Religionen, vor allem den christlichen Armeniern, weitgehende Freiheiten zu.

Wie Elisabeth I. wehrte Abbas fremde Invasoren ab, beide konnten eine Reihe wichtiger militärischer Erfolge verbuchen, aber auch den Handel ihrer Reiche international ausweiten.

"Während sich Elisabeth I. jedoch am Rande der Welt befand, um die es ihr ging, so lebte Abbas in ihrem Zentrum. Schah Abbas machte seine Hauptstadt Isfahan zum Mittelpunkt und Schmelztiegel des internationalen Handels wie der Kultur. Die Wandgemälde in seinem Palast zeigen Türken, Chinesen, Inder und Europäer. Es ist nur schwer vorstellbar, wie diese Völker zu dieser Zeit in irgendeiner anderen Stadt mit solcher Selbstverständlichkeit hätten aufeinandertreffen und sich austauschen können."

Eintritt in das Geschichtsbewusstsein der Europäer

Abbildung Atrium Heroicum; Foto: &copy British Museum
Dieser Druck aus dem Augsburger Atrium Heroicum von 1602 zeigt, dass sich Shah Abbas bereits 15 Jahre nach seinem Thronbesteigung einen Namen in Europa gemacht hatte.

​​MacGregor bemerkt, dass es zur Herrschaftszeit Schah Abbas' war, dass Persien wirklich ins Bewusstsein der europäischen Mächte rückte – vor allem mit der immensen Zunahme von Kontakten zwischen den europäischen Städte und Isfahan, und dies auf wirtschaftlicher, diplomatischer und militärischer Ebene.

"Seit dieser Zeit wurde es immer wichtiger für Europa, die Geschichte und die Kultur des Iran zu studieren und zu verstehen. Diese Ausstellung wird, so hoffen wir, hierzu einen Beitrag leisten."

Die Ausstellung widmet sich auch der armenisch-christlichen Gemeinde Armeniens, die besonders im Geschäft mit Seide, einem Eckpfeiler des iranischen Außenhandels, eine wichtige Rolle spielte.

1604 kam es zu einer Zwangsumsiedlung der Bevölkerung der armenischen Stadt Jolfa in ein Viertel Isfahans, das fortan "Neu-Jolfa" genannt wurde. Es werden unterschiedliche armenische religiöse Objekte gezeigt, darunter ein silbernes und versilbertes Kruzifix aus dem Jahr 1575.

Eine komplexe widersprüchliche Persönlichkeit

Sheila Canby, Kuratorin der Ausstellung, beschreibt Schah Abbas als einen "ruhelosen, entscheidungsfreudigen, erbarmungslosen und intelligenten Mann". Die Europäer, die ihn kennen lernten, "bemerkten seine Schlagfertigkeit, seine athletische Figur, seinen Geschäftssinn und sein lebhaftes Temperament".

Er war ein recht frommer Mann und unternahm, nach der Eroberung der Stadt Maschhad von den Usbeken im Jahr 1598, eine barfüßige Pilgerreise in jene Stadt – von Isfahan eine Entfernung von fast 1000 Kilometern. Die große religiöse Bedeutung Maschhads liegt darin, dass sich dort die Grabesstätte Imams Reza befindet, des einzigen schiitischen Imams, der im Iran begraben wurde.

Doch der Schah hatte auch eine grausame Seite. Zwei seiner fünf Söhne ließ er blenden und 1615 arrangierte er die Ermordung seines ältesten Sohnes und Thronanwärters Muhammad Baqir Mirza, den er fälschlicherweise verdächtigte, eine Verschwörung gegen ihn anzuzetteln.

Eine Ausstellung in der Kritik

Im Zusammenhang mit der Ausstellung steht ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm, das sich durchaus als iranisches Kulturfestival verstehen kann. Filme werden gezeigt, es gibt Vorträge, Diskussionen, Konferenzen, Führungen und Familientage. Außerdem stellt das Museum ein kürzlich neu erworbenes Werk des zeitgenössischen iranischen Künstlers Khosrow Hassanzadeh aus, Takhti betitelt. Wie viele andere iranische Künstler ist auch er sehr vom kulturellen Erbe des Landes inspiriert.

Nicht alle Besucher goutierten die unverhüllte Nähe zur zeitgenössischen iranischen Politik. Die Komikerin Shappi Khorsandi, im Iran geboren und in in Großbritannien aufgewachsen, klagte in der BBC-Sendung Newsnight Review: "Auf mich wirkte es wie eine große PR-Show für die Islamischen Republik Iran."

Letztlich aber dürfte eine jede größere Ausstellung, die sich der Kultur eines Landes widmet und in einer kulturellen Institution eines anderen Landes präsentiert wird, bis zu einem gewissen Punkt zwangsläufig als Werbeveranstaltung angesehen werden.

Die Verdienste Schah Abbas' jedenfalls sind nicht zu bestreiten, und es wäre nicht überraschend, wenn die Ausstellung mehr Menschen dazu anregt, in den Iran zu reisen, um weitere Beispiele für das außerordentliche kulturelle Erbe des Landes bestaunen zu können — und dabei auch die Iraner selbst besser kennen zu lernen.

Susannah Tarbush

© Qantara.de 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Qantara.de

Gemälde britischer Orientalisten in der Tate Gallery
Die Verlockungen des Orients
Die Ausstellung "The Lure of the Orient" in der Londoner Tate Gallery erforscht die abendländische Wahrnehmung des Nahen und Mittleren Ostens in den Jahren 1780 bis 1930. Susannah Tarbush findet, dass die Exponate mehr sind als Sinnbilder eines "imperialistischen Blickes".

Die Geheimnisse der syrischen Unterwäsche
Dessous von der "Achse des Bösen"
Bei einem Besuch in Syrien ließen sich zwei Londonerinnen arabischer Herkunft von den gewagten Dessous faszinieren, die in den Suqs und Geschäften von Damaskus und Aleppo zu finden waren. Ihr Buch, das sie dazu nun herausgaben, dürfte zu den ungewöhnlichsten gehören, die in letzter Zeit über die arabische Welt erschienen sind, meint Susannah Tarbush.

Arabische Bücher auf Englisch
Literarischer Paradigmenwechsel
Seit langem wird bemängelt, dass sehr wenige arabische Bücher ins Englische übersetzt werden – und wenn, dann ohnehin nur Sensationsromane oder Sachbücher, die gängige Stereotype beinhalten. Doch gibt es auch positive Signale, wie Susannah Tarbush berichtet.

Verwandte Themen