Saudischer Hacker-Angriff auf Jeff Bezos

Die WhatsApp, die aus Riad kam

Dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman wird vorgeworfen, hinter einem Hackerangriff auf das Smartphone von Amazon-Chef Jeff Bezos zu stecken. Über die Hintergründe sprach Diana Hodali mit dem Demokratie-Aktivisten Iyad el-Baghdadi, der mit dem Sicherheitsteam von Jeff Bezos zusammengearbeitet hat.

Es begann in Santa Monica im April 2018: Starproduzent Brian Grazer hatte in seine Villa geladen; unter den Gästen war Amazon-Chef und "Washington-Post"-Besitzer Jeff Bezos. Anlass war der Besuch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MbS, um für sein Land zu werben. Was genau Bezos und MbS in Santa Monica besprachen, ist nicht bekannt. Sicher ist aber: Die beiden tauschten ihre Telefonnummern aus, die auch mit ihren WhatsApp-Konten verknüpft waren.

In einem offiziellem UNO-Bericht wird der Verdacht bestätigt, dass MbS über eine WhatsApp-Nachricht das Telefon von Bezos habe hacken lassen - mutmaßlich, um die Berichterstattung der "Washington Post", bei der auch der MbS-kritische saudische Journalist Jamal Khashoggi als Kolumnist tätig war, zu beeinflussen. Sieben Monate später wird Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul ermordet, weitere drei Monate später veröffentlicht das Boulevardmagazin "National Enquirer" brisante Details einer Affäre von Jeff Bezos. Daraufhin veranlasst Bezos Untersuchungen, ein Erpressungsversuch folgt. Bezos macht diesen öffentlich.

Iyad el-Baghdadi, Leiter der "Kawaakibi-Foundation" in Oslo und Demokratie-Aktivist, hat nach eigenen Angaben mit dem Sicherheitsteam von Jeff Bezos zusammengearbeitet. Er selbst sei dabei auch ins Visier Saudi-Arabiens geraten, sagt er.

***

Wie sind Sie Teil der Geschichte um das mutmaßlich gehackte Smartphone von Jeff Bezos geworden?

Iyad el-Baghdadi: Für mich hat das alles im August 2018 angefangen, als Jamal Khashoggi mich anrief. Er hatte die Idee zu einem "Desinformations-Monitor", um die Propaganda arabischer Diktaturen, insbesondere der saudischen Diktatur, zu beobachten. Dann wurde Jamal im Oktober 2018 ermordet. Daher konnten wir den "Desinformations-Monitor" nicht als offizielles Projekt starten. Stattdessen haben wir bei der "Kawaakibi-Foundation" uns der saudischen Propagandamaschine gewidmet.

Nach dem Mord an Khashoggi stellten wir fest, dass es eine Propagandakampagne gegen Jeff Bezos gab, die Mitte Oktober 2018 begann. Im November wurde in dieser Kampagne Jeff Bezos für die Berichterstattung der "Washington Post" verantwortlich gemacht. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es einen Hack oder ähnliches gegeben hatte.

Bildkombo Jeff Bezos und Mohammed bin Salman (r.); Foto: AFP/Getty Images
"Bin Salman is Watching You": Nach Ansicht von UN-Experten wurde mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 2018 saudische Hacker-Software auf dem Telefon von Amazon-Gründer Jeff Bezos installiert. Die Spur führt an die Spitze der saudischen Regierung. UN-Experten verlangen eine Untersuchung von Zusammenhängen mit dem Mord an dem saudischen Dissidenten Khashoggi.

Jeff Bezos schrieb im Februar 2019 einen Artikel, in dem er von dem Erpressungsversuch berichtet und davon, dass Saudi-Arabien wahrscheinlich darin involviert sei. Wir haben sofort zwei und zwei zusammengezählt. Wir wussten, dass MbS ein Problem mit Jeff Bezos hatte, weil die Propaganda des Regimes wirklich aggressiv auf ihn gerichtet war. Was wir auch wussten, war, dass sie eine Geschäftsbeziehung hatten. Und mittlerweile hat man Jamal Khashoggi ermordet. Deshalb haben mein Team und ich unsere Ergebnisse veröffentlicht. Zwei Tage später wurden wir von Jeff Bezos' Sicherheitschef Gavin de Becker kontaktiert. Wir haben daraufhin begonnen, uns zu koordinieren.

Wie sah die Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsteam von Jeff Bezos aus?

El-Baghdadi: Wir haben den Ablauf von Ereignissen miteinander verglichen. Es gab schließlich eine Nachricht von MbS an Bezos, in der er es hieß, dass das, was ihm erzählt würde, auf keinen Fall richtig sei. De Becker hatte Bezos kurz zuvor über Erkenntnisse unserer beiden Teams informiert. Und dann schrillten bei uns die Alarmglocken: Woher wusste MbS, dass Bezos überhaupt irgendetwas gesagt hatte? Das war im Februar 2019. Es wurde uns klar, dass sie offenbar seit Monaten Zugang zu Bezos' Telefon hatten.

Und welches Interesse hätte Ihrer Meinung nach MbS an der "Washington Post" gehabt?

 

El-Baghdadi: Jamal Khashoggi hat für die "Washington Post" geschrieben. MbS und auch andere Diktatoren sind sehr sensibel, wenn es um ihr Image und um die öffentliche Wahrnehmung geht, denn ihre Legitimität hängt damit zusammen. Daher war es für MbS sehr wichtig, ein positives Image in der Welt aufrechtzuerhalten. Dafür hat er viel Geld ausgegeben - und bis März 2018 war er sehr erfolgreich. Er ist in den USA sogar auf Tour gegangen und hat viele namhafte Leute getroffen: nicht nur Jeff Bezos, sondern auch Oprah Winfrey und Bill Gates. Zeitgleich saß Jamal Khashoggi bei der renommierten "Washington Post" und schrieb einen Artikel nach dem anderen darüber, dass das, was MbS erzählte, nicht stimmte. Das war heikel für MbS. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde das Telefon von Jeff Bezos gehackt. Wir gehen davon aus, dass das am 1. Mai 2018 war.

Sie hatten aber auch saudische Dissidenten in Großbritannien im Visier, einen nicht namentlich bekannten Amnesty-International-Mitarbeiter, und erst gestern erfuhren wir, dass es einen Versuch gab, offenbar auch Ben Hubbards Telefon zu hacken. Er ist der Chef des "New-York-Times"-Büros in Beirut. Natürlich ist es gut möglich, dass auch Jamal Khashoggis Telefon attackiert wurde. Doch keiner hat Zugang zu seinem Telefon, weil es beim türkischen Geheimdienst liegt.

Sie wurden offenbar auch ins Visier genommen?

El-Baghdadi: Das war im Juni letzten Jahres, nachdem Jeff Bezos den Erpressungsversuch öffentlich gemacht hatte. Eine saudische Quelle wies mich darauf hin, dass ich mein Telefon loswerden müsse, weil es den Saudis offenbar gelungen sei, die Spionagesoftware Pegasus auf meinem Telefon zu installieren. Ich habe daraufhin sofort mein Handy weggeworfen.

Ich habe gelesen, dass Sie aus Ihrer Wohnung ausziehen mussten?

El-Baghdadi: Das hat mit nicht direkt etwas mit dem Hacking zu tun. Aber als die Geschichte um Jeff Bezos im vergangenen Jahr publik wurde, und Gavin de Becker in einem Artikel schrieb, dass es einen Hack gegeben haben müsse, stand auf einmal der norwegische Geheimdienst vor meiner Tür. Sie haben mich damals mitgenommen und mir gesagt, dass ich bedroht werde. Später habe ich dann erfahren, dass diese Bedrohung von Saudi-Arabien ausgehe. Der CIA hatte offenbar die Norweger informiert. Seither lebe ich unter Schutz.

Jamal Khashoggi wurde im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet. Saudi-Arabien bestreitet, dass MbS den Mord in Auftrag gegeben habe; Foto: picture-alliance/dpa
Relevante Hinweise für die Ermittlungen im Fall des getöteten saudischen Dissidenten Khashoggi: "Die Umstände und der Zeitpunkt des Hackings und der Überwachung von Bezos verstärken den Bedarf an weiteren Ermittlungen von US- und anderen Behörden im Zusammenhang mit Vorwürfen, dass der Kronprinz die Mission zur Tötung Khashoggis in Istanbul entweder angeordnet oder dazu angestachelt hat oder zumindest von der Planung wusste und sie nicht stoppte", schrieben die UN-Experten Callamard und Kaye.

Sie gehen also davon aus, dass das damit zusammenhängt, dass Sie mit Bezos' Sicherheitsteam in Kontakt standen?

El-Baghdadi: Es gibt keine Beweise dafür, dass sie mein Telefon bereits vorher gehackt haben. Manche denken, es sei verrückt zu glauben, dass MbS so rücksichtslos sein könne. Es ist aber auch verrückt, einen Journalisten im eigenen Konsulat zu töten, seinen Körper zu zerstückeln und seine sterblichen Überreste zu verbrennen. Darum geht es ja: Man hat es hier nicht mit einem rationalen Akteur zu tun.

Jeff Bezos' Telefon soll zum einen gehackt worden sein, zum anderen wurde er erpresst.

El-Baghdadi: Dass Bezos die Erpressung öffentlich machte, hat den Stein ins Rollen gebracht. David Pecker, der Chef der Mediengruppe AMI, ein Freund von Donald Trump, den auch MbS kennengelernt hat, besaß damals noch den "National Enquirer". Der "National Enquirer" hatte Informationen über die Affäre von Jeff Bezos erhalten und diese auch im Januar 2019 veröffentlicht. Zu dieser Zeit wussten wir nicht, wie sie diese Informationen erhalten hatten. Jeff hat daraufhin im Januar eine Untersuchung eingeleitet, um herauszufinden, wie sie an diese Informationen gekommen waren. Dann begann die Erpressung - und so nahm alles seinen Lauf.

Saudi-Arabien bestreitet, etwas mit den Vorwürfen zu tun zu haben. Was sagen Sie dazu?

El-Baghdadi: Glücklicherweise sind sie nicht sehr glaubwürdig. Es muss schrecklich sein, für eine solche Regierung und für einen solchen Chef zu arbeiten, der eine Bombe nach der anderen abwirft, die sie irgendwie rechtfertigen müssen.

Saudi-Arabiens "Vision 2030"; Foto: picture-alliance/AP
Iyad el-Baghdadi: "MbS zerstört die Legitimität des saudischen Regimes, seine Legitimität vor dem eigenen Volk. Es geht auch um seine Legitimität im Silicon Valley, das er für seinen Transformationsplan 2030 braucht."

Das FBI ist in den Fall involviert, aber auch die UN. Wieso wurden die Vereinten Nationen kontaktiert, die jetzt Aufklärung in dem Fall fordern?

El-Baghdadi: Mein Team konzentriert sich auf Freiheit und Demokratie in der MENA-Region und Saudi-Arabien ist das Zentrum der Tyrannei in der Region. Man muss bedenken, dass das FBI nicht gegen MbS vorgehen kann, höchstens gegen amerikanische Bürger, die in den Fall involviert sind. Daher sind die Vereinten Nationen der richtige Kanal für eine solche Untersuchung, zumal sie unabhängig sind.

Die Ermordung Khashoggis löste eine Welle der Empörung aus. Mittlerweile wird der Umstand, dass Menschen in einem Konsulat zerstückelt werden können, anscheinend hingenommen. Glauben Sie, dass das Hacken des Telefons des reichsten Mannes der Welt irgendwelche Konsequenzen für Saudi-Arabien oder MbS haben?

El-Baghdadi: Nun, ich denke, wir müssen sehr vorsichtig sein, was wir mit Konsequenzen meinen. Viele Leute, leider Europäer, Menschen im Westen, scheinen ein etwas anderes Verständnis davon zu haben, was Konsequenzen sein könnten. Sie werden ihn ja nicht vor Gericht bringen, und auch seine Absetzung wird keiner anstreben, weil man sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes nicht einmischt. MbS zerstört die Legitimität des saudischen Regimes, seine Legitimität vor dem eigenen Volk. Es geht auch um seine Legitimität im Silicon Valley, das er für seinen Transformationsplan 2030 braucht. Das alles schadet seinem Ruf als Reformer auf der ganzen Welt. Niemand glaubt ihm wirklich, dass er ein Reformer ist. Und damit klar ist: Diese Person macht Ärger. Saudi-Arabien und die gesamte MENA-Region haben etwas Besseres verdient, als von solchen Menschen regiert zu werden.

Das Gespräch führte Diana Hodali.

© Deutsche Welle 2020

Die Redaktion empfiehlt