Die libanesisch-niederländische BBC-Journalistin Kim Ghattas unternimmt den Versuch, die fatalen Folgen der Rivalität zwischen den Regionalmächten Iran und Saudi-Arabien zu beschreiben.
Saudisch-iranische Rivalität am Golf

Der lange Schatten von 1979

Die libanesisch-niederländische BBC-Journalistin Kim Ghattas beschreibt die jüngste Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas als hegemoniales Ringen zwischen Iran und Saudi-Arabien. Dabei hat die Autorin vor allem die gesellschaftliche Dimension dieser Rivalität im Blick. Daniel Walter stellt das Buch für Qantara.de vor.

Peschawar, Anfang der 1980er Jahre. Seit dem sowjetischen Einmarsch ins benachbarte Afghanistan hat sich die pakistanische Großstadt zu einem Sammelbecken des internationalen Islamismus entwickelt. Aus zahlreichen Ländern strömen Kampf- und Hilfswillige in die Stadt, um sich der Roten Armee entgegenzustellen. Dafür, dass es dabei nicht an Material mangelt, sorgt die fortlaufende finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und den USA.

Ebenfalls in Peschawar befindet sich in jenen Tagen ein junger saudischer Journalist, der freudig-aufgeregte Berichte an die heimischen Zeitungen schickt. Er sieht die dschihadistische Internationale als Zeichen für die Einheit der Umma. In seinen Augen führen die Mudschahedin einen guten Krieg gegen die ungläubigen sowjetischen Besatzer. Sein Name: Jamal Khashoggi.

Ende 2018 wird Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul brutal ermordet. Der einstige Unterstützer saudischer Machtambitionen hatte sich zu einem Kritiker des konfrontativen Modernisierungskurses unter Kronprinz Mohammad bin Salman entwickelt.

Leben und Tod Jamal Khashoggis stehen für Kim Ghattas exemplarisch für die jüngere Geschichte im Nahen Osten und Nordafrika. Für die langjährige BBC-Journalistin ist der Mord in Istanbul die "jüngste, unerwartetste und makaberste Wendung im Wettstreit zwischen Iran und Saudi-Arabien."

Zerstörerische Rivalität

Diese Rivalität, so das zentrale Argument der libanesisch-niederländischen Autorin in ihrem Buch Black Wave, habe die Geschichte der Region in den letzten vierzig Jahren mehr als alles andere geprägt.

Umschlag von Kim Ghattas' "Black Wave: Saudi Arabia, Iran, and the Forty-Year Rivalry That Unraveled Culture, Religion, and Collective Memory in the Middle East" – "Black Wave: Saudi-Arabien, Iran und die vierzigjährige Rivalität, die Kultur, Religion und kollektives Gedächtnis im Nahen Osten entwirrte". Erschienen auf Englisch bei Henry Holt & Co.
"Was ist mit uns passiert?" Die hier anklingende Wehmut, angesichts der gewaltvollen Geschichte teils auch ein spürbares Entsetzen, setzen den Grundton. Auf rund 400 Seiten unternimmt Ghattas den Versuch, die fatalen Auswirkungen des Antagonismus zwischen saudischem Königreich und Islamischer Republik zu erzählen – ob libanesischer Bürgerkrieg oder Aufstieg des IS.

Auf rund 400 Seiten unternimmt sie den Versuch, die fatalen Auswirkungen des Antagonismus zwischen saudischem Königreich und Islamischer Republik zu erzählen – ob libanesischer Bürgerkrieg oder Aufstieg des IS.

Dabei will sie nicht weniger als die Frage beantworten: "Was ist mit uns passiert?" Die hier anklingende Wehmut, angesichts der gewaltvollen Geschichte teils auch ein spürbares Entsetzen, setzen den Grundton.

Wer sich an dieser Stelle an den späten Bernard Lewis erinnert fühlt oder fürchtet, nur ein weiteres Buch über angeblich jahrhundertealte konfessionelle Fehden in den Händen zu halten, kann beruhigt sein.

Gegen kulturellen Chauvinismus oder die ahistorische Mär vom ewigen Religionskrieg wendet sich Ghattas gleich zu Beginn explizit. Die Auffassung, die Ereignisse und ihre Entwicklung seien ohnehin schon offensichtlich, ist ihre Sache nicht.

Die drei umfangreichen Kapitel Revolution, Wettstreit und Krieg gliedern das Buch. Diese Dramaturgie macht bereits deutlich, dass Ghattas sich nicht in erster Linie an ein Fachpublikum wendet, sondern eine breit zugängliche Geschichte zusammentragen möchte.

"Im Jahr 1979 gab es zwei islamische Revolutionen"

Zwei konkrete Ereignisse stehen dabei am Anfang der unheilvollen Dynamik der letzten vierzig Jahre: Die islamische Revolution im Iran und die Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch militante Islamisten – ein Argument, das spätestens seit den zahlreichen Veröffentlichungen zum globalen Umbruchsjahr 1979 wohlbekannt ist.

Doch die Autorin bescheinigt den geläufigen Darstellungen ein Ungleichgewicht. Während die Entwicklungen im Iran für große Schlagzeilen sorgten, hätten sich jene in Saudi-Arabien nur "leise entfaltet". Für Ghattas steht jedoch fest: "Im Jahr 1979 gab es zwei islamische Revolutionen."

Die revolutionär-religiöse Rhetorik Ayatollah Khomeinis und der zeitgleiche Legitimationsschock für das saudische Herrscherhaus strahlten auf Staatsführungen in weiten Teilen der islamischen Welt aus.  Das wird deutlich, wenn man sich anderen Ländern zuwendet. Ein Wettlauf darum, den revolutionären Iran "nachzuahmen oder zu übertrumpfen" setzte ein – oft genug mit finanzieller oder organisatorischer Unterstützung aus Teheran und Riad gefördert.

Etwa in Pakistan, wo der Diktator Zia ul-Haq am 10. Februar 1979, also kurz nach dem Sturz des iranischen Schahs, drakonische Scharia-Strafgesetze erließ. Gerade dort war auch die saudi-arabische Einflussnahme etwa über die Finanzierung von Koranschulen in den 1980er Jahren besonders groß. Generell ist es wohltuend, dass in Black Wave die Entwicklungen in Pakistan mehr Raum bekommen als in vielen vergleichbaren Publikationen.

Auch Ägypten behandelt Kim Ghattas prominent. Das Land sei ein "Paradebeispiel dafür, wie lokale Dynamiken durch die iranische Revolution verstärkt und vergrößert wurden." Das Erstarken der Muslimbrüder und noch radikalerer Bewegungen, die Ermordung Präsident Anwar as-Sadats 1981 oder die Attentate auf säkulare Publizisten wie Faradsch Fauda 1992 seien Zeugnisse dieser Entwicklung.

 

Nicht umsonst geht die titelgebende "schwarze Welle" auf die ägyptische Regielegende Youssef Chahine zurück, der mit der Metapher vor einem ausgreifenden Islamismus warnte und zugleich auf die liberale Widerstandskraft der ägyptischen Gesellschaft setzte – vergeblich, wie die Autorin bilanziert.

Auswirkungen auf Alltag werden deutlich

Ghattas erzählt konsequent multiperspektivisch und mit einem Fokus auf Lebenswelten. Mit jedem Land verknüpft sie biografische Stationen einer bekannten Persönlichkeit: Neben Jamal Khashoggi in Saudi-Arabien sind dies etwa die in Iran aufgewachsene Frauenrechtsaktivistin Masih Alinejad oder die pakistanische TV-Moderatorin Mehtab Rashidi. So wird deutlich, wie sich die gesellschaftlichen Umwälzungen auf den gelebten Alltag auswirkten.

Black Wave erhebt nicht den Anspruch, jedes Problem erklären zu wollen. Immer wieder streift Ghattas Themen, etwa wie linke Kräfte in der Region zwischen dem Antikommunismus westlich orientierter Diktaturen einerseits und den islamistischen Kräften andererseits erdrückt wurden und so der Spielraum für politische Alternativen schrumpfte. Im Zentrum stehen aber Ideengeschichte, personelle Netzwerke und lokale gesellschaftliche Dynamiken. Das erinnert zuweilen – wenngleich mit weniger Theorie und Dialektik – an die Arbeiten des indischen Essayisten Pankaj Mishra.

Mit der Geschichte der Region gut vertraute Leserinnen und Leser werden bei der Lektüre von Black Wave oftmals auf Bekanntes stoßen. Nichtsdestotrotz hält das Buch auch für diese Zielgruppe immer wieder lesenswerte Zusammenhänge bereit, die in Ansätzen eine Globalgeschichte der iranisch-saudischen Rivalität bieten.

Daniel Walter

© Qantara 2020

Kim Ghattas, BLACK WAVE: Saudi Arabia, Iran, and the Forty-Year Rivalry That Unraveled Culture, Religion, and Collective Memory in the Middle East, Verlag Henry Holt 2020  

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