Saudi-Arabien begann 1938 mit der Ölförderung. Heute ist es der größte Erdölexporteur der Welt mit bestimmender Marktmacht. Der große Modernisierungsschub setzte 1973 ein, als der Ölpreis stark anstieg. Es war eine schnelle, oberflächliche Modernisierung, die nicht ohne Probleme blieb: 1979 rebellierten radikale Wahhabiten und forderten die Rückkehr zur alten Gesellschaft - Lehmhütten statt Hochhäuser. Der Ölboom verschob die Koordinaten der Macht in der arabischen Region, berichtet der Wissenschaftler: "Der geopolitische Schwerpunkt wanderte nach 1973 von Kairo nach Dubai, Riad und Abu Dhabi."

Das Öl - immer noch alles entscheidend

Unter dem niedrigen Ölpreis in den Neunzigern brach Saudi-Arabien fast zusammen. Es sei kaum zu überschätzen, so Steinberg, welche Bedeutung der Ölhandel in seinen politischen Auswirkungen habe. Dass die Saudis ihren Haushalt nicht mehr finanzieren konnten und ihre Wohltaten einstellen mussten, sei einer der Gründe für das Entstehen von Al-Qaida.

Die Abhängigkeit vom Rohstoff Öl ist bis heute ungebrochen. Neunzig Prozent seines Einkommens bezieht der saudische Staat durch Saudi-Aramco, den weltgrößten erdölfördernden Konzern. Reformen sind langfristig notwendig, das hat Saudi-Arabiens neuer starker Mann, Kronprinz Mohammed bin Salman, erkannt.

Saudischer Autoritarismus im Wandel

Zentral bleibt die Frage, wie stark die Machtposition des vergleichsweise jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman tatsächlich ist. "Der Charakter des saudi-arabischen Autoritarismus hat sich verändert", analysiert der Nahostexperte. "Zwischen den 1970er Jahren und 2015 beherrschte eine Oligarchie das Land. Heute müssen Sie nur noch zwei Personen kennen, die Entscheidungen treffen können." Das seien König Salman (Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud), dem es gesundheitlich nicht besonders gut gehe, Jahrgang 1936. Und Kronprinz Mohammed bin Salman. "Nach dem Khashoggi-Mord gab es kurz die Hoffnung, dass er geschwächt wäre, aber das scheint nicht der Fall zu sein."

Guido Steinberg, Mitglied der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP); Foto: picture-alliance
König Salman und Mohammed bin Salman als Machtzentren des saudischen Staats: "Der Charakter des saudi-arabischen Autoritarismus hat sich verändert", analysiert Guido Steinberg. "Zwischen den 1970er Jahren und 2015 beherrschte eine Oligarchie das Land. Heute müssen Sie nur noch zwei Personen kennen, die Entscheidungen treffen können."

Reformen und Autoritarismus seien nach Ansicht Steinbergs für bin Salman kein Widerspruch. "Es war in Saudi-Arabien vor ein paar Jahren ohne weiteres möglich, Regierungspolitik zu kritisieren. Es gab zwei Tabus: Religion und die Herrscher. Faktische Politik konnte man immer wunderbar diskutieren. Heute müssen Sie damit rechnen, dass Sie selbst für ganz, ganz schwache Kritik im Gefängnis landen."

Wie stark bin Salmans Akzeptanz und Rückhalt bei der jüngeren saudischen Generation auch nach dem vermutlich von ihm veranlassten Khashoggi-Mord noch ist, lässt sich nur empirisch beantworten.

Trotz Khashoggi habe er oft eher Positives gehört, erzählt Guido Steinberg. "Dass da jemand antritt, der sagt, wir wollen alte Zöpfe abschneiden, wir lassen Frauen Auto fahren, und wir fahren die Einschränkungen zurück, denen Frauen rechtlich unterliegen, sichert ihm Unterstützung."

Tatsächlich habe bin Salman ein verknöchertes System aufgebrochen. "Ich glaube, dass er wirklich die Chance hat, ein großer Reformer zu werden - wenn er wirtschaftlich erfolgreich ist."

Und der Iran?

Zur Frage, wer die saudischen Ölanlagen zerstört hat, äußert sich Steinberg nicht. Lieber erzählt er, wie sich aus Sicht vieler weltoffener Saudis die Lage darstellt. Sie beschwerten sich darüber, dass die Iraner mittlerweile vier Hauptstädte beherrschten: Bagdad, wo der iranische Einfluss sehr stark sei, Syriens Damaskus - ohne die iranischen Milizen würde sich Assad wahrscheinlich nicht halten, Beirut, das mit von der Hisbollah kontrolliert wird, und Saana im Jemen.

Paradoxerweise habe der iranische Einfluss vor allem durch die amerikanischen Eingriffe im Irak, die Beseitigung Saddam Husseins und die Destabilisierung der gesamten Region sehr stark zugenommen. "Andererseits sehen wir neue Allianzen, die wir nicht für möglich gehalten hätten: Saudi-Arabien und Israel haben eine nahezu identische Iranpolitik."

Sabine Peschel

© Deutsche Welle 2019

Guido Steinberg ist Mitglied der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Von 2001 bis 2005 war er als Experte für Internationalen Terrorismus im Bundeskanzleramt tätig. Über Saudi-Arabien sprach er aktuell im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin.

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