Getreu der volkstümlichen Erzählweise macht der entehrte Kaufmann eine schwere Zeit durch, worauf seine Tochter zurückkehrt, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu retten. Doch die Geschichte endet nicht in einer sentimentalen Versöhnung. Stattdessen tauchen zwei Autoritätspersonen des Viertels auf, nämlich der "Älteste des Viertels" und der "Imam der Moschee". Sie äußern ihre Meinung aus der Erzählperspektive wie am Schluss mancher Bühnenstücke.

Der Älteste stellt fest, dass es "nicht notwendig" sei, dem Mädchen zu vergeben, da sie noch zur rechten Zeit gekommen sei. Ihr wird also nicht wegen ihres Verhaltens Barmherzigkeit gewährt, sondern weil sie "im richtigen Moment" eintraf. Im Laufe der Sammlung entwickeln sich die Geschichten weniger wie Sufi-Märchen als vielmehr wie mystische Rätsel.

"The Prayer of Shaykh Qaf" (dt. "Das Gebet von Shaykh Qaf") ist eine Art Kriminalroman, in dem wir das Wer, Was und Warum aus den ersten sieben Sätzen erfahren. Die offenbar schuldige Partei ist geständig und die Geschichte scheint damit beendet zu sein. Aber eine "heimliche Stimme" aus dem Viertel verbreitet die Kunde, das Geständnis sei falsch.

Der Älteste des Viertels ist besorgt und besucht das Haus von Shaykh Qaf, der den Täter zu kennen scheint. Die beiden Männer tauschen rätselhafte Bemerkungen aus, geben sich die Hand, und Shaykh Qaf sagt bedeutungsvoll, er hoffe, den Ältesten des Viertels wiederzusehen. Eine Geschichte, die zunächst klar begann, endet so in einem Geheimnis.

Überall in der Sammlung wird die rationale Kausalität zugunsten einer ungeklärten Tragödie ausgehebelt. Sandstürme ziehen auf, Pfeile werden aus dem Nichts abgeschossen, heimliche Stimmen sprechen bittere Wahrheiten aus und es kommt zu wilden Raufereien. Protagonisten brechen ohne ersichtlichen Grund massenhaft in Weinkrämpfe aus.

Das ist in "Your Lot in Life" (dt. "Dein Schicksal") der Fall. Die Geschichte beginnt mit einem Satz, der die Eingangsformel der arabischen Volksmärchen umformuliert. Ein traditionelles arabisches Märchen beginnt meist mit: "Es wird berichtet in den Erzählungen aus alter Zeit und aus der Völker  Vergangenheit..." Mahfuz beginnt seine Geschichte mit: "Wir wissen nicht genau, wann es dazu kam. Alle, die es gesehen haben, haben ihre eigene Version. Die Zeit hat ihre Ordnung verloren."

Das heilsame Lachen

In "Your Lot in Life" leidet das gesamte Viertel unter unerklärlichen Weinkrämpfen. Der Imam empfiehlt "heiße Bäder und kalte Getränke" gegen das massenhafte Weinen. Im Unterschied dazu sieht eine alte Frau im Exorzismus das alleinige Heilmittel.

Schließlich trifft der Gesundheitsinspektor im Viertel ein. Er geht von Tür zu Tür, ohne etwas zu finden. Erschöpft lässt er sich bei einem Straßenmusiker nieder. Als der Musiker das Lied anstimmt "Dein Schicksal wird dich sicher finden..." endet das massenhafte Weinen schlagartig. Nicht heiße Bäder und kalte Getränke, Exorzismus oder die Nachforschungen des Gesundheitsinspektors haben geholfen. Nur der Musik ist es zu verdanken, dass: "alle in Lachen ausbrechen."

Unbekümmertheit, Lachen und Musik machen die kleinen Freuden dieser Sammlung aus. Der Imam fordert einen Jungen auf: "Gehe zurück in deine Moschee". Der Bursche entgegnet dem Imam vorwitzig: "Geh du doch zurück in deine Moschee!" Neben dem Musiker mit den heilsamen Liedern in "Your Lot in Life" hören wir auch Munira, Abd al-Hayy, Beethoven und Sayyid Darwish.

Die Musik könnte letztlich die universellste Form der Kommunikation sein. Ein Lied könnte im örtlichen Stadtviertel ebenso wie in ganz Europa geschätzt werden; vom Gesundheitsinspektor ebenso wie von der alten Frau. Am Ende stützt sich Mahfuz' The Quarter stark auf diese nonverbale Intertextualität. Möglicherweise ist daraus nicht das vorgesehene vollständige Werk geworden, aber doch ein überzeugendes Experiment in Klang und Nachklang.

Marcia Lynx Qualey

© Qantara.de 2019

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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