Samir El-Youssef: "Die Illusion der Rückkehr"

Ein palästinensisches Triptychon

Der in London lebende Palästinenser Samir El-Youssef hat mit "Die Illusion der Rückkehr" einen kunstvoll komponierten Roman geschrieben, der die Begriffe Exil und Rückkehr philosophisch umkreist. Eine Rezension von Volker Kaminski

Samir El-Youssef; Foto: Judah Passow/Random House
Exil und Vertreibung: Der Autor Samir El-Youssuf ist in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Libanon aufgewachsen und lebt seit 1990 in London

​​Samir El-Youssefs Roman "Die Illusion der Rückkehr" ist aufgebaut wie ein Triptychon. Zwei kürzere Teile – "Prolog aus der Gegenwart" und "Epilog aus der Gegenwart" – schmiegen sich um das Romanzentrum "Die Vergangenheit" wie zwei Flügel um ein Hauptbild. Die Prinzipien der Symmetrie und Wiederholung setzen sich auch im Text fort.

So ist der erste Absatz des Prologs identisch mit dem ersten Abschnitt des Epilogs. Und jedes der fünf Kapitel des Hauptteils beginnt mit demselben Schlüsselsatz: "Es war der Abend, an dem Ali, George, Maher und ich das letzte Mal zusammen waren."

Dieser etwas bemüht kunstvolle Aufbau wird von einer Sprache ausgefüllt, die stilistisch moderat, reflektiert daherkommt, fast schon essayistisch. Aus gesicherter Distanz, fast im Stile einer Abhandlung, schildert der Erzähler jene zweiundzwanzig Jahre zurückliegende Nacht, als sich die vier Freunde zum letzten Mal im Libanon in ihrem Stammcafé treffen. Doch die Erinnerung an jene Nacht ist geprägt von leidvollen Erlebnissen.

Reise in die Vergangenheit

Anfang der 80er herrschen im Libanon chaotische Zustände, tausende Palästinenser leben in Flüchtlingslagern, es gilt eine nächtliche Ausgangssperre und die israelische Besatzungsmacht liefert sich mit den palästinensischen und libanesischen Milizen blutige Auseinandersetzungen.

​​Der Ich-Erzähler plant zunächst einen Essay über jene von Kriegswirren zerrissene Zeit zu verfassen, scheitert jedoch an dieser Aufgabe – wie zuvor schon an seiner Dissertation. Er lebt seit 15 Jahren im Exil in London, doch seine Vergangenheit scheint ihm irgendwie irreal, er kann sie nicht in Worte fassen. Erst als sich Ali überraschend wieder bei ihm meldet und sie sich auf dem Flughafen Heathrow sehen, kehren die Erinnerungen langsam zurück.

Durch das Treffen mit Ali, der im Exil in den USA lebt und jetzt in den Libanon zurückkehren will, kommen alle leidvollen und tragischen Geschehnisse von damals wieder ans Licht.

El-Youssefs Roman ist fesselnd und seine Figuren wirken authentisch – und das obwohl die Protagonisten wie Stellvertreter politischer oder weltanschaulicher Ideen angelegt sind. Dennoch berührt uns ihr Schicksal.

Die Waffe des Widerstands gegen sich selbst gerichtet

Wir erfahren von George, dem in sich vergrabenen Heidegger-Adepten, dessen Leben von erschütternder Gefühlskälte geprägt ist; von Maher, einem typisch wirklichkeitsfremden Marxisten jener Zeit, der unfreiwillig zum Zerstörer der einzigen Fabrik am Ort wird und dafür in einem blindwütigen Racheakt ermordet wird; von Ali, dessen homosexueller Bruder Sameh durch den moralisch bigotten palästinensischen Widerstand zum illegalen Waffentransport und schließlich in den Tod getrieben wird.

Die erschütternste Geschichte aber handelt von der Schwester des Ich-Erzählers, Amina. Erst siebzehnjährig, versucht Amina sich von den Zwängen ihrer Familie zu lösen und tritt einer modernen Frauenorganisation bei. Auf ihrem Weg in die Selbständigkeit wird sie jedoch durch ihren älteren Bruder Kamal brutal unterdrückt. Aus Verzweiflung richtet sie die Pistole, die sie als moderne Palästinenserin trägt, gegen sich selbst.

El-Youssefs genauer psychologischer Erzählstil schafft eine hohe Spannung, obwohl kaum irgendwelche Details jener Zeit näher beleuchtet werden und die Außenwelt seltsam ausgeblendet scheint. Der Leser erfährt alles durch die Gedankenwelt der Protagonisten; ihre Irrtümer, Intrigen und Schuldgefühle werden dem Leser nahe gebracht und glaubwürdig vermittelt.

Porträts menschlicher Schwächen und Illusionen

El-Youssef bringt seinen Figuren viel Verständnis entgegen, er zeichnet sie als Opfer ihrer eigenen Schwächen und der unwürdigen Umstände, so dass der etwas holzschnittartige Aufbau des Romans durch die glaubwürdig gezeichneten Schicksale kompensiert wird.

Es ist ergreifend zu sehen, wie sehr die Menschen sich der Selbsttäuschung hingeben und unangenehme Wahrheiten ausblenden. So lässt sich die Mutter Aminas einreden, ihre Tochter sei als Märtyrerin im Kampf gegen die israelischen Besatzer gestorben, obwohl sie weiß, dass sie Selbstmord beging.

Die menschliche Existenz als Exil

Am Ende der Geschichte, finden die beiden Freunde Ali und der Ich-Erzähler schließlich zu einer Erkenntnis: Für die Vertriebenen dieser Welt gibt es niemals eine wirkliche Rückkehr. "Es ist eine Reise in nur eine Richtung", sagt eine der Nebenfiguren des Romans, ein alter Jude, der die Grauen der Nazizeit überstanden hat und im Exil in Amerika lebt.

Der Roman bleibt notwendig offen, doch vielleicht ist diese Unabgeschlossenheit ja Programm in einem so genau komponierten Roman wie diesem. Die Flügel des dreiteiligen Bildes schließen sich, und wie das Leben der beiden Freunde weitergeht, bliebt der Phantasie des Lesers überlassen.

Volker Kaminski

© Qantara.de 2007

Samir El-Youssef, "Die Illusion der Rückkehr", Roman Sammlung Luchterhand, München 2007

Qantara.de

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