Saman Haddad, irakisch-deutscher Kulturvermittler

"Nicht über Integration reden, sondern einfach machen"

Saman Haddad ist als Kind irakischer Flüchtlinge vor 25 Jahren nach Deutschland gekommen. Heute setzt sich der bekannte Bonner Kulturschaffende für Begegnung und Integration ein. Haddad wartet nicht darauf, dass andere die Initiative ergreifen, er wird selbst aktiv. Ein Porträt von Philipp Jedicke

Ein Raum mitten in der Bonner Innenstadt. Saman Haddad sitzt hinter einem Corona-Schutzschild und singt. Vor dem durchsichtigen Plastik-Paravent steht Hans-Joachim Büsching, Klarinettist des Beethoven-Orchesters, und führt Haddad mithilfe seines Instruments vor, wie er den Gesang an dieser Stelle des Stücks am besten angehen kann. Um die beiden herum summt ein Vielklang aus europäischen und nahöstlichen Instrumenten – darunter Geige, Gitarren, Oud und eine Nay-Flöte.  

Haddad, ein quirliger Mann mit schwarzen Locken und gewinnendem Lächeln unter einem beeindruckenden Schnurrbart, ist Organisator des Workshops "1001 Takt - Zwischen Bonn und Babylon", der im Rahmen des Beethoven-Jubiläumsjahres BTHVN2020 stattfindet. Musikerinnen und Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen üben heute Motive aus Beethovens vierter Symphonie, die Büsching zusammen mit dem arabischstämmigen Musiker Bassem Hawar umarrangiert hat.

"Hier passiert etwas ganz Wichtiges", sagt Büsching, "Menschen aus verschiedenen Kulturen kommunizieren mit Musik." Ziel der heutigen Übung sei es, die Beethoven-Fragmente mit einem arabischen Volkslied zu verflechten. "In der orientalischen Musik herrscht – vereinfacht ausgedrückt – ein ganz anderes Verständnis, eine andere Interpretation von Noten", erklärt Büsching. "Wir wollen bei diesem Workshop den scheinbar in Stein gemeißelten Beethoven wieder neu hören, also die Musik selbst – und nicht, was notiert wurde."

Saman Haddad (links) und Hans-Joachim Büsching beim Workshop "1001 Takt - Zwischen Bonn und Babylon". Foto: DW/Philipp Jedicke
"Menschen aus verschiedenen Kulturen kommunizieren mit Musik": Im Auftrag des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen war Saman Haddad Organisator des Workshops "1001 Takt - Zwischen Bonn und Babylon", der im Rahmen des Beethoven-Jubiläumsjahres BTHVN2020 stattfand.

Kultur-Workaholic mit Mission

Zwischentöne verstehen, Verbindungen schaffen und starre Strukturen aufbrechen: Genau das sind die Spezialitäten von Saman Haddad. In der Beethovenstadt Bonn ist er mittlerweile eine lokale Berühmtheit – und das nicht nur mit seinen beiden Bands, dem 30-köpfigen Kültürklüngel Orkestar und dem "transnationalen Trio" Golden Kebab. Haddad macht weit mehr als Musik – er ist ein Kultur- Workaholic und nimmermüder Kämpfer für Verständigung.

Allein in den letzten Jahren hat er Konzerte auf Booten und Doppeldeckerbussen organisiert, interkulturelle Veranstaltungen oder unangekündigte "Gala-Dinner" im Freien in der Bonner Altstadt auf die Beine gestellt, einen ganzen Karnevalszug angeführt und im Auftrag des Goethe Instituts im Nordirak die dortige Kulturszene gecoacht. All das tut er, weil er am liebsten Menschen zusammenbringt. 

Er selbst bezeichnet sich als "Kulturvermittler", er wurde aber auch schon zum "Kültürminister" erkoren - ein Wortspiel mit der türkischen Sprache, in der viele "ü"s vorkommen. Auch Haddad selbst macht gern deutsch-orientalische Wortspiele und nimmt sich damit am liebsten selbst auf die Schippe. Seine fantasievollen Namen wechseln alle paar Monate – mal nennt er sich Mustafa Mustermann, dann wieder Salvador Ali. 

Am Anfang war das Essen

Saman Haddads Kulturmission begann vor zehn Jahren in seiner kleinen Küche. Saman hatte immer wieder Freunde zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. "Wenn wir uns im Orient zusammensetzen, müssen wir dabei etwas essen. Ich habe einfach immer aufgetischt, Mezze und Fingerfood." Irgendwann holte er eine alte Gitarre aus dem Keller und es kam zur ersten spontanen Jam-Session.

Kultureller Kraftort eines Viertels: Saman Haddad im Garten seiner 4telbar. Foto: DW/Philipp Jedicke
'Ein hungriger Bär tanzt nicht': "Wenn wir uns im Orient zusammensetzen, müssen wir dabei etwas essen. Ich habe einfach immer aufgetischt, Mezze und Fingerfood." Irgendwann holte er eine alte Gitarre aus dem Keller und es kam zur ersten spontanen Jam-Session. "Man muss erst einmal die Grundbedürfnisse befriedigen, dann gehen die Menschen aus sich heraus."

Die musikalischen Meetings wurden zum Selbstläufer und seine Küche zur Institution: Zeitweise war Haddads Küche jeden Freitag zum Bersten voll mit Musikbegeisterten. Sein Erfolgsgeheimnis erklärt er so: "Auf dem Balkan gibt es das schöne Sprichwort: 'Ein hungriger Bär tanzt nicht'. Es ist ganz simpel. Man muss erst einmal die Grundbedürfnisse befriedigen, dann gehen die Menschen aus sich heraus." 

In kürzester Zeit entstand so ein großes Netzwerk aus Laien- und Profimusikerinnen und -musikern. Saman wurde zur bekannten Größe in seinem Stadtviertel und taufte seine Küche "4telbar" – benannt sowohl nach der geometrischen Form des Viertelkreises, den sein hölzerner Tresen beschreibt, als auch nach dem offenen Geist seines geliebten Bonner Stadtviertels. 

Sein Motto: "einfach machen!"

Haddad begann, Konzerte im Stadtgarten oder auf dem Bonner Partyboot "Township" zu organisieren und zu kuratieren, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Bonner Rock- und Pop-Beauftragten Hans-Joachim Over.

Als das Open Air-Jubiläumskonzert zu Ehren der "4telbar" aufgrund der Corona-Einschränkungen abgesagt werden musste, fiel Haddad eine Lösung ein: Er ging zum Kulturamt und fragte, ob er mit dem Doppeldeckerbus der Bonner Tourismus-Information, der krisenbedingt außer Dienst war, Corona-gerechte Konzerte geben könne.

Nach einigem Hin und Her sagte das Kulturamt zu und Haddad stellte 40 Konzerte auf die Beine - erst vor Senioren- und Flüchtlingsheimen, dann in der ganzen Stadt. "Die schönsten Auftritte hatten wir in Tannenbusch", so Haddad, einem Stadttteil, der in Bonn als "Problemviertel" bezeichnet wird.

Die Reaktion der Kinder dort sei so überwältigend gewesen, dass Haddad Gänsehaut bekommt, wenn er davon erzählt. "Da haben wir gemerkt: Es lohnt sich! Das werden diese Kinder nie vergessen. Und das ist mein Ansporn: Freude zu machen."

Altstadt von Erbil im Norden Iraks. Foto: picture-alliance/dpa/Jens Buttner
2019 kehrte Haddad für ein Pilotprojekt des Goethe Instituts in seine Heimat zurück – ins nordirakische Erbil, die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Die Zeit in der alten Heimat habe ihn geerdet: "Ich lebe seit 25 Jahren in Deutschland, irgendwann ist man Teil der Gesellschaft, dann hat man auch diese First World problems. Im Irak habe ich Künstler getroffen, die hatten nichts, nur ihre Träume."

Die meisten Veranstaltungen organisiert Saman Haddad ehrenamtlich. Er lebt von Projektarbeit wie für das eingangs erwähnte BTHVN2020-Projekt "1001 Takt", das er für das Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen betreut.

Frühe Ausbildungs-Odyssee

Der in Bagdad geborene Sohn eines Ehepaares mit kurdischen, arabischen und indischen Wurzeln kam im Alter von 13 Jahren mit seinen vier Geschwistern und seiner Mutter nach Deutschland. Sie folgten dem Vater, der als Oppositioneller im Irak im Gefängnis gefoltert worden war und zur Genesung nach Deutschland kam.

Die Familie wohnte zunächst in Asylantenheimen. Haddad musste jedes Jahr die Schule wechseln. Für reine "Auffangklassen" war sein Deutsch irgendwann zu gut, für reguläre Klassen zu schlecht. Mit Ach und Krach schaffte er den Hauptschulabschluss, wusste aber nicht, wie er danach weiterkommen konnte.

Also machte er erstmal ein Dauerpraktikum als Gas- und Wasser-Installateur. Als er eines Tages eine "jahrelang ungeputzte" Toilettenschüssel demontieren musste, "während meiner Brüder studierten", hatte Haddad die Nase voll und ergriff die Initiative. Er holte an der Volkshochschule den Realschulabschluss nach, schloss gleich drei Ausbildungen hintereinander ab, arbeitete als Animateur mit Kindern, als Reiseleiter und auf einem Kreuzfahrtschiff. 

Haddad verschlang Bücher, bildete sich zunächst autodidaktisch fort. Und er begann, sich selbst besser zu verstehen. "Viele Migranten studieren nicht, weil sie zwei Persönlichkeiten in sich haben. Auf der einen Seite ist man zu Hause das brave Kind, das alles tut, was die Eltern sagen und nach der Kultur seines Herkunftslandes lebt – aber draußen lebt man seine andere Persönlichkeit aus. Diese Erkenntnis hat mich auch ehrlicher gegenüber meinen Eltern gemacht." 

Saman Haddad und das Kültürklüngel Orkestar auf dem Doppeldeckerbus in Tannenbusch. Foto: Lukas Hess
Corona-gerechte Konzerte: Als das Open Air-Jubiläumskonzert zu Ehren der „4telbar“ aufgrund der Corona-Einschränkungen abgesagt werden musste, ging Haddad zum Kulturamt und fragte, ob er den Doppeldeckerbus der Bonner Tourismus-Information benutzen könnte. 40 Konzerte stellte er auf die Beine - erst vor Senioren- und Flüchtlingsheimen, dann in der ganzen Stadt. "Die schönsten Auftritte hatten wir in Tannenbusch", so Haddad, einem Stadtteil, der in Bonn als "Problemviertel" bezeichnet werde. "Da haben wir gemerkt: Es lohnt sich! Das werden diese Kinder nie vergessen. Und das ist mein Ansporn: Freude zu machen!"

Rückkehr in den Irak

2019 kehrte er für ein Pilotprojekt des Goethe Instituts in seine Heimat zurück – ins nordirakische Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, wo er von seinem sechsten Lebensjahr bis zur Flucht seiner Familie nach Deutschland gelebt hat. Haddad musste in kürzester Zeit eine Konferenz organisieren, in der es um die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Nordirak ging. "Der Job war ein Tanz auf dem diplomatischen Seil", so Haddad. "Denn ich musste sowohl die deutsche als auch die irakische Seite zufriedenstellen." 

Doch die Zeit in der alten Heimat habe ihn auch geerdet: "Ich lebe seit 25 Jahren in Deutschland, irgendwann ist man Teil der Gesellschaft, dann hat man auch diese First World problems. In Deutschland sind wir so saturiert. Im Irak habe ich Künstler getroffen, die hatten nichts, nur ihre Träume." Fast wäre er im Irak geblieben, aber er entschied sich für die Rückkehr nach Bonn.

Er wollte studieren und Realschul- oder Hauptschullehrer werden, vor allem die deutsche Sprache und Philosophie hatten es ihm angetan. Haddad fühlte, dass er "dem Land etwas zurückgeben" wollte und "Migranten, die genau wie ich so hilflos sind, Mut machen."

"Dem Land etwas zurückgeben"

Aber trotz mehrerer Anläufe blieb ihm der Zugang zur regulären Universität verwehrt. Also studierte er an der Fern-Universität Hagen und jobbte nebenher als Möbelpacker oder Kellner. Als Haddad schließlich einen gut bezahlten Job an der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate bekam, brach er das Studium vorerst ab. Doch genau in dieser Zeit begann auch die Erfolgsstory der "4telbar". Der Rest ist Geschichte. 

Sein Lieblingszitat stammt von Goethe: "Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen."

Haddad selbst definiert es so: "Auch wenn ich das Wort überhaupt nicht mag, Integration gab es schon immer. Wenn ich in eine andere Stadt gehe oder in ein anderes Land, dann passe ich mich den Gegebenheiten an. Und wenn jemand als Gast zu mir kommt, dann gehe ich auf ihn zu. Integration gilt für alle, egal ob Gastgeber oder Gast."

Saman Haddad wartet nicht, bis andere die Initiative ergreifen oder bis alle kleinen behördlichen Bedenken aus dem Weg geräumt sind. Daher eckt er mit seiner Spontaneität hie und da auch mal an. Er lässt sich davon aber nicht beirren. "Man muss nicht über Integration reden, sondern einfach machen. Zusammen essen, zusammen Fußball spielen, gemeinsam tanzen und musizieren. Dann läuft Integration von allein."

Haddads größter Traum: Er möchte eine Städtepartnerschaft zwischen Erbil und Bonn aufbauen, seine "alte und die neue Heimat durch Kultur zusammenbringen". Wenn man Saman Haddad kennt, traut man ihm durchaus zu, dass er auch das schafft.

Philipp Jedicke

© Deutsche Welle 2021

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