Man denke nur daran, dass bis heute in muslimischen Haushalten der Koran an höchster Stelle, eingewickelt in ein kostbares Tuch, aufbewahrt wird. Schon das bloße Vortragen, Hören, Berühren des Korans, sei es durch Muslime selbst und wie erst durch Andersgläubige, setzt, wenn schon keine rituelle Reinheit, für die gesamte islamische Tradition einen Zustand der Ehrfurcht, der Demut und der Besinnung voraus. Denn ein Muslim erlebt im Rezitieren oder Hören des Korans nichts weniger als den Akt der initialen Offenbarung nach – es ist nicht eine menschliche Stimme, es ist Gott selbst, der zu ihm oder ihr spricht.

So haben es muslimische Heerführer in früheren Zeiten vermieden, Manuskripte des Korans mit in die Schlacht zu nehmen, damit die Rede Gottes nicht in ungläubige Hände fällt, und Andersgläubigen wurde in Einzelfällen gar das Erlernen der arabischen Sprache mit dem Argument verwehrt, dass sie dann den Koran aufsagen könnten. Das sind kuriose, vielleicht sogar extreme Beispiele, und doch deuten sie die Skrupel an, die Muslime seit jeher im Verhältnis zum Koran bewahrt haben. Indes wollen die Rechtgläubigen den Koran wie ein Flugblatt oder eine Warenprobe verteilen – ohne Skrupel, dass die Koranexemplare dann wie alle Flugblätter oder Warenproben in der nächstliegenden Mülltonne landen würden.

Skrupelloser Umgang mit dem Koran

Und was für eine Ausgabe, was für eine rechtgläubige, aber fade, allzu leicht verständliche und damit den Kern des Korans verfälschende deutsche Ausgabe des Korans, die die Rechtgläubigen verteilen wollten! Schon der Anfang der 96. Sure, den sie auf den Plakaten zitierten, die angebliche Aufforderung an den Propheten zu lesen – das ist im Arabischen ein Reim: iqra' bismi rabbika llâdhi chalaq / chalaqa l-insâna min 'alaq. Das ist ein Reim, wie sich ohne Ausnahme alle Verse des Korans reimen.

Der Koran ist gebundene, rhythmisierte und lautmalerische Sprache. Man kann ihn nicht einfach lesen, wie man eine Geschichte oder einen Gesetzestext liest. Wer ihn unvorbereitet aufschlägt, der ist erst einmal verwirrt, dem erscheint der Koran unzusammenhängend, der stört sich an den vielen Wiederholungen, den abgebrochenen oder mysteriösen Sätzen, den Anspielungen, deren Bezüge rätselhaft bleiben, den rabiaten Themenwechseln, der Uneindeutigkeit der grammatischen Person und den vieldeutigen Bildern.

Die Schwierigkeit, den Koran über längere Passagen hinweg verstehend zu lesen, stellt sich nicht nur in Fußgängerzonen. Bis in unsere Zeit bestritten westliche, von der Bibelwissenschaft geprägte Forscher die Authentizität des Korans mit Hinweis auf seine chaotisch, ja zufällig anmutende Struktur. Der Koran in der vorliegenden Form sei erst das Produkt einer späteren Zeit und verdanke sich vieler verschiedener Autoren, deren Erzeugnisse willkürlich zusammengesetzt worden seien. Von Muslimen wird das natürlich bestritten, denn mit einer späteren Entstehungszeit und einer anonym-kollektiven Autorenschaft würde die Grundlage des Islam obsolet.

Allen Rechtgläubigen sei empfohlen, Angelika Neuwirth zu lesen. Als Wissenschaftlerin ist sie überhaupt damit bekannt geworden, mit ihrem ersten großen Werk, den Studien zur Komposition der mekkanischen Suren, dass sie durch die mikroskopisch genaue Lektüre die poetische Geschlossenheit, die in sich schlüssige Bildmatrix und weitgehende textliche Unversehrtheit des Korans erwies.

Eben das, was dem bloßen Leser, erst recht dem Leser einer allgemein verständlichen Übersetzung rätselhaft, unzusammenhängend, ermüdend erscheint, die Wiederholungen, Anakoluthe, Elipsen, Einschübe, der plötzliche Wechsel der grammatischen Person oder surreal wirkende Metaphern, macht für den arabischen Hörer die Qualität der koranischen Sprache aus – oder ist der Grund, warum James Joyce vom Koran fasziniert war. So bestätigt die historisch-kritische Textwissenschaft, von der Rechtgläubige oft meinen, dass sie gegen den Islam gerichtet sei, in großen Zügen das überlieferte Bild der islamischen Heilgeschichte. Der Koran ist in seinen wesentlichen Bestandteilen das Werk einer Zeit und eines ingeniösen, sprachlich hochbegabten Geistes. Allein, wer ist dieser Geist?

Die Antwort, die Angelika Neuwirth auf diese Frage gibt, ist für Rechtgläubige schon sehr viel unbequemer. Denn in den Arbeiten, die nach den Studien zur Komposition der mekkanischen Suren entstanden, nimmt sie den mündlichen Charakter des Korans in den Blick und weist seine performativen Elemente nach. Das heißt, der Koran ist nicht nur ein Text, der vorgetragen werden muss und sich vergleichbar einer Partitur erst in der Aufführung verwirklicht. Nein, der Text selbst, wie er uns vorliegt, ist in Teilen die Mitschrift, das nachträgliche, sicher bearbeitete Protokoll einer öffentlichen Rezitation, einer Aufführung. So besteht der Koran nicht nur aus den Aussagen eines Sprechers, sondern nimmt die Einwürfe eines gläubigen oder ungläubigen Publikums auf – sowie die spontanen Reaktionen auf diese Einwürfe, die immer wieder auch zu abrupten Themenwechseln führen.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Was man von einer Islamwissenschaftlerin lernen kann

Es verwundert mich, dass dieser -gute- Text von Navid Kermani am 1.08.2016 hier eingestellt wurde, wo er doch allem Anschein nach von 2013 stammt.

Immerhin kann herausgelesen weerden, dass auch der hellsichtige Kermani die salafitische Bewegung verharmlost hat. Denn die Lies!-Aktion hat sehr wohl Djihadisten rekrutiert - nicht platt durch Anwerbung an den Ständen, sondern dadurch, dass durch den salafistischen Diskurs die Lies!-Mitarbeiter in eine Sekten-Gruppen-Dynamik gezogen und radikalisiert wurden. Es wurde propagiert, dass nur die "Arbeit für Allah", sprich die Arbeit am Lies!-Stand oder andere "fromme" Aktivitäten (in ultima ratio der Djihad) wirklich zählten, mit gleichzeitiger Verunglimpfung von Arbeiten für die (verdorbene) umgebende Gesellschaft. Die so ausgesonderten Lies!-Aktivisten bildeten dann einen Pool, in dem Rekrutierungsnetzwerke gut fischen hatten. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die Lies!-Initiative Teil einer Rekrutierungsstrategie bildet. Zum relativ hohen Prozentsatz von Lies!-Aktivisten, die Djihadisten geworden sind, gibt es (inzwischen) Erhebungen.

Ernsthaftigkeit im Umgang mit Diskursen verlangt manchmal Stellungnahmen, auch wenn diese "die Grundlagen des islamischen Glaubens berühren oder sogar ins Wanken bringen können" .
Nach meiner Überzeugung ist der salafitische Diskurs abzulehnen,
weil er manipulativ und schädlich ist,
weil er lebensfeindlich ist.

benita schneider15.08.2016 | 11:24 Uhr