Salafists hand out free copies of the Koran in Germany
Umstrittenes salafistisches Koran-Verteil-Netzwerk "Lies!": Wie so viele Debatten, die sich durch die Vielfachbeschallung heutiger Meinungsbildung zu kleinen Hysterien steigern, verlor sich auch diejenige über die Koranschenkung rasch. Die rechtgläubigen Muslime hatten gar nicht ausreichend Geld, um achtzig oder fünfzig oder auch nur eine Million Exemplare ihres Korans zu drucken, und Freiwillige fanden sich schon gar nicht, die bundesweit zur Lektüre eingeladen hätten.

Es gab die Antworten der Zeitungen und Talkshows, des Innenministers und der Sicherheitsorgane. Spannender, schlüssiger, sogar politisch relevanter können die Antworten der Philologie sein – jedenfalls einer Philologie, wie Angelika Neuwirth sie zum Vorbild gibt. Wollte man ihre Forschung auf einen Nenner bringen, auf eine einzige Aussage, ein Grundmotiv, dann wäre es eben dies: Der Koran selbst spricht dagegen, ihn wie eine Bibel zu lesen.

Es beginnt schon mit der Datierung der 96. Sure, die bei genauer Lektüre kaum die früheste sein kann, und setzt sich mit dem bloßen arabischen Wortlaut fort, den die rechtgläubigen Muslime offenbar nicht verstanden haben: iqra' bedeutet im koranischen Arabisch nicht "Lies!", sondern "Trag vor!", "Rezitiere!" oder auch "Sprich nach!". Der Koran selbst verneint ausdrücklich, dass dem Propheten ein Schriftstück vorgelegen habe, vergleichbar dem Dekalog Mose. Als Modus der Offenbarung wird immer wieder das laut gesprochene, kantilenenartig vorgetragene oder sogar gesungene Wort genannt: rattili l-Qur'ânâ tartilâ, wie es an anderer Stelle im Koran heißt. "Singe den Koran sangweise", wie der Dichter Friedrich Rückert die Stelle zugleich schöner und genauer als alle Rechtgläubigen übersetzt hat.

Der Koran ist keine Bibel

Der Koran ist keine Bibel. So einleuchtend, ja banal diese Aussage klingt, so eklatant wurden ihre Implikationen ignoriert – nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern lange Zeit auch von der Orientalistik, die aus der christlichen Theologie und besonders der alttestamentlichen Wissenschaft hervorging. Es ist nicht zuletzt den frühen Forschungen von Angelika Neuwirth zu verdanken, dass sich die Erkenntnis seit den achtziger Jahren zumindest in der westlichen Fachwissenschaft durchgesetzt hat: Der Koran ist weder Predigt über Gott noch geistliche Dichtung oder prophetische Rede im Sinne des althebräischen Genus. Schon gar nicht hat der Prophet seine Verkündigung als Buch komponiert, das man im Normalfall allein und im Stillen liest und studiert.

Der Koran ist seinem eigenen Konzept nach die liturgische Rezitation der direkten Rede Gottes. Er ist ein Vortragstext. Das geschriebene Blatt ist sekundär, bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein für die Muslime kaum mehr als eine Erinnerungsstütze. Gott spricht, wenn der Koran rezitiert wird, sein Wort kann man genau genommen nicht lesen, man kann es nur hören.

Angelika Neuwirth spricht in diesem Zusammenhang vom sakramentalen Charakter der Koranrezitation: Obwohl der Islam die Begrifflichkeit nicht verwendet, ist es dem Wesen nach eine sakramentale Handlung, Gottes Wort im Munde führen, durch die Ohren es aufzunehmen, es auswendig zu lernen; das Göttliche wird nicht nur erinnert, es wird vom Gläubigen – ähnlich Jesu Christi im Abendmahl – physisch in sich aufgenommen, ja einverleibt (weshalb der Sänger sich übrigens die Zähne putzen soll, bevor er den Koran vorträgt).

Und nun treten im deutschen Fernsehen also Rechtgläubige auf und kündigen an, den Koran unaufgefordert in Fußgängerzonen und an Haus- und Wohnungstüren zu verteilen. Man muss nur ein Buch, einen einzigen Aufsatz der nichtmuslimischen Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth über den Koran gelesen haben, um die Anmaßung zu begreifen, mit der sich die Rechtgläubigen über die sprachliche Struktur des Textes und seine Rezeptionsgeschichte hinwegsetzen – um das Sakrileg zu erfassen, welches sie in ihrem Eifer begehen.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Was man von einer Islamwissenschaftlerin lernen kann

Es verwundert mich, dass dieser -gute- Text von Navid Kermani am 1.08.2016 hier eingestellt wurde, wo er doch allem Anschein nach von 2013 stammt.

Immerhin kann herausgelesen weerden, dass auch der hellsichtige Kermani die salafitische Bewegung verharmlost hat. Denn die Lies!-Aktion hat sehr wohl Djihadisten rekrutiert - nicht platt durch Anwerbung an den Ständen, sondern dadurch, dass durch den salafistischen Diskurs die Lies!-Mitarbeiter in eine Sekten-Gruppen-Dynamik gezogen und radikalisiert wurden. Es wurde propagiert, dass nur die "Arbeit für Allah", sprich die Arbeit am Lies!-Stand oder andere "fromme" Aktivitäten (in ultima ratio der Djihad) wirklich zählten, mit gleichzeitiger Verunglimpfung von Arbeiten für die (verdorbene) umgebende Gesellschaft. Die so ausgesonderten Lies!-Aktivisten bildeten dann einen Pool, in dem Rekrutierungsnetzwerke gut fischen hatten. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die Lies!-Initiative Teil einer Rekrutierungsstrategie bildet. Zum relativ hohen Prozentsatz von Lies!-Aktivisten, die Djihadisten geworden sind, gibt es (inzwischen) Erhebungen.

Ernsthaftigkeit im Umgang mit Diskursen verlangt manchmal Stellungnahmen, auch wenn diese "die Grundlagen des islamischen Glaubens berühren oder sogar ins Wanken bringen können" .
Nach meiner Überzeugung ist der salafitische Diskurs abzulehnen,
weil er manipulativ und schädlich ist,
weil er lebensfeindlich ist.

benita schneider15.08.2016 | 11:24 Uhr