Page of the Koran (photo: DW/Axel Warnstedt)
Navid Kermani: "Liest man den Koran so genau, wie Angelika Neuwirth es zum Beispiel gibt, dann wird deutlich, dass der Koran kein Diktat, sondern ein Gespräch ist, ein Für und Wider, Frage und Antwort, Rätsel und Auflösung, Warnung und Furcht, Verheißung und Hoffnung, die Stimme eines Einzelnen und der Refrain eines Chors."

Gott spricht, der Mensch antwortet

Damit jedoch haben die ersten Hörer des Propheten, hat die Gemeinde einen substantiellen Anteil am koranischen Text und es vollzieht sich bereits im Koran selbst der Übergang von einer mündlichen zu einer schriftlichen Kultur. Liest man den Koran so genau, wie Angelika Neuwirth es zum Beispiel gibt, dann wird deutlich, dass der Koran kein Diktat, sondern ein Gespräch ist, ein Für und Wider, Frage und Antwort, Rätsel und Auflösung, Warnung und Furcht, Verheißung und Hoffnung, die Stimme eines Einzelnen und der Refrain eines Chors. Dass Gott im Koran spricht – daran muss man glauben. Aber zu erkennen, dass der Mensch im Koran antwortet – dafür genügt Philologie.

Dieses Gespräch, das der Koran ist, findet nicht nur mit den unmittelbaren Zuhörern des Propheten auf der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts statt. In ihren jüngeren Arbeiten, die in der Propädeutik ihres vielbändigen Korankommentars münden, legt Angelika Neuwirth die Einbettung der islamischen Offenbarung in die Kultur der Spätantike offen – in dieselbe Zeit und denselben Kulturraum also, in denen sich auch die jüdische und christliche Theologie herausgebildet hat.

Wohlgemerkt, hier geht es nicht um eine der üblichen Auflistungen, wo überall arabisches Denken auf die westliche Wissenschaft eingewirkt hat. Dass ein Hauptstrang der europäischen Aufklärung in die arabische Kultur zurückführt, insbesondere in die judeo-islamische Philosophie, wusste man in Deutschland spätestens seit der Wissenschaft des Judentums, wenn es auch der amtierende deutsche Innenminister noch nicht weiß. Angelika Neuwirth geht es um etwas anderes: Sie macht deutlich, dass bereits der Koran selbst, das Gründungsdokument des Islams, ein europäischer Text ist – oder umgekehrt Europa schon seiner Entstehung nach auch zum Islam gehört. Den Sprengstoff dieser Forschung wird kein Sicherheitsorgan entschärfen können. Er wird unsere geistige Landschaft grundlegend und sehr anhaltend erschüttern.

Wie bereichernd diese Erschütterung sein könnte, das lässt Angelika Neuwirths allerjüngste Arbeit erahnen, der erste Band ihres Korankommentars. Indem sie die vielfältigen biblischen, platonischen, patristischen und talmudischen, genauso wie die altarabischen und innerkoranischen Bezüge aufspürt, indem sie vor allem die sprachliche Struktur des Korans als eines poetischen Texts, als Partitur für den gesungenen Vortrag ernst nimmt, wird erkennbar, wie sehr der Koran die gesamte Kultur des östlichen Mittelmeeres eingeatmet hat. Und wie sehr sein Ausatmen wiederum diese, unsere Kultur durchdringt. Wenn nur ein Text in der Geschichte der Weltreligionen, dann ist der Koran jenes, von unserer Akademie so oft zitierte Gespräch, das wir sind. Und ist doch jetzt schon Musik.

Den anderen ernst nehmen

Nun bin ich in meiner Laudatio nur auf Angelikas Neuwirths große und großartige Arbeiten zum Koran eingegangen. Ihre zahlreichen Aufsätze zur klassischen und modernen arabischen Poesie, etwa zum bedeutenden palästinensischen Dichter Mahmud Darwisch, zu würdigen, bedürfte es einer weiteren Rede. Ich habe Angelika Neuwirth auch nicht als Anstifterin vorgestellt, die sie ebenfalls ist, als Anstifterin nicht nur des umfassenden Projektes zur Textgeschichte des Korans an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sondern unzähliger kleiner Forschungsprojekte.

So gut wie jeder, der in Deutschland zum Koran oder zur klassischen arabischen Poesie arbeitet, auch der Laudator, ist durch ihre Schule gegangen, ist von ihrer Begeisterung angesteckt und von ihrer Loyalität getragen worden. Zugleich lebt sie viele Monate des Jahres im Nahen Osten, hat ein Schlafzimmer in Beirut und eines in Jerusalem, betreut eine ganze Schar von frommen Studenten aus der islamischen Welt und hält Vortrage eben nicht nur in Harvard und Princeton, sondern an vielen arabischen Universitäten und an den wichtigsten islamischen Institutionen.

Seit ich sie kenne, habe ich mich gefragt, wie sie das bewerkstelligt. Die Zeit ist das eine – dass so viel Arbeit in ein einzelnes Leben passt! Aber weshalb hört man ihr, obwohl ihre Forschungen die Grundlagen des islamischen Glaubens berühren oder sogar ins Wanken bringen können, gerade in den Zentren der islamischen Gelehrsamkeit so genau zu? Ich glaube, das hat mit ihrem Gestus zu tun, ihrer empathischen Treue zum Text, ihrer Ernsthaftigkeit und wohl auch eigenen Religiosität. Und das wäre vielleicht etwas, was von dieser Philologin insgesamt für das Verhältnis der säkularen Öffentlichkeit zur Religion zu lernen wäre: Man darf in Frage stellen, was anderen heilig ist, man darf die Grundsätze eines jedes Glaubens selbstverständlich kritisieren – aber man sollte ernst nehmen und auch respektieren, dass es für andere Menschen heilige Grundsätze sind. Ich gratuliere Angelika Neuwirth zum Sigmund-Freud-Preis.

Navid Kermani

© Goethe-Institut/Fikrun wa Fann

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die Laudatio auf Angelika Neuwirth zur Verleihung des Siegmund-Freud-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, gehalten am 26. Oktober 2013 im Staatstheater Darmstadt.

Navid Kermani ist Schriftsteller und Islamwissenschaftler und lebt in Köln. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Was man von einer Islamwissenschaftlerin lernen kann

Es verwundert mich, dass dieser -gute- Text von Navid Kermani am 1.08.2016 hier eingestellt wurde, wo er doch allem Anschein nach von 2013 stammt.

Immerhin kann herausgelesen weerden, dass auch der hellsichtige Kermani die salafitische Bewegung verharmlost hat. Denn die Lies!-Aktion hat sehr wohl Djihadisten rekrutiert - nicht platt durch Anwerbung an den Ständen, sondern dadurch, dass durch den salafistischen Diskurs die Lies!-Mitarbeiter in eine Sekten-Gruppen-Dynamik gezogen und radikalisiert wurden. Es wurde propagiert, dass nur die "Arbeit für Allah", sprich die Arbeit am Lies!-Stand oder andere "fromme" Aktivitäten (in ultima ratio der Djihad) wirklich zählten, mit gleichzeitiger Verunglimpfung von Arbeiten für die (verdorbene) umgebende Gesellschaft. Die so ausgesonderten Lies!-Aktivisten bildeten dann einen Pool, in dem Rekrutierungsnetzwerke gut fischen hatten. Auch liegt die Vermutung nahe, dass die Lies!-Initiative Teil einer Rekrutierungsstrategie bildet. Zum relativ hohen Prozentsatz von Lies!-Aktivisten, die Djihadisten geworden sind, gibt es (inzwischen) Erhebungen.

Ernsthaftigkeit im Umgang mit Diskursen verlangt manchmal Stellungnahmen, auch wenn diese "die Grundlagen des islamischen Glaubens berühren oder sogar ins Wanken bringen können" .
Nach meiner Überzeugung ist der salafitische Diskurs abzulehnen,
weil er manipulativ und schädlich ist,
weil er lebensfeindlich ist.

benita schneider15.08.2016 | 11:24 Uhr