Vorsichtiges Entgegenkommen

Sie weiß um fundamentalistische Familien, die ihre Kinder abschotten, ihnen das Singen und Fernsehen verbieten. Doch bei ihrer Tochter Sophia glaubt die Ärztin zu beobachten, wie vor allem die Mutterschaft die extrem religiöse Haltung aufzuweichen scheint. Ganz am Anfang habe ihre Tochter es noch abgelehnt, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken. Doch mittlerweile habe Sophia gemerkt, "dass es für die Kinder sehr wichtig ist, dass sie mit anderen groß werden und eben nicht nur so ein eingeschränktes Weltbild vorgesetzt bekommen."

Der Kindergarten ermöglicht auch der Tochter selber neue Kontakte jenseits der eigenen kleinen Welt: "Sophia hat nicht so einen großen Freundeskreis", sagt Monika Müller. "Sie kommt ja nicht aus Münster. (Freunde) sind in der Regel erst einmal Freunde ihres Mannes. Man trifft sich mit den Familien, oder auch innerhalb der Familie. Mein Schwiegersohn hat noch zwei Brüder mit Kindern."

Niqab-Tragende Frauen in Deutschland. (picture alliance / U. Baumgartner)
So wie diese Frau schiebt auch Sophia vollverschleiert ihren Kinderwagen durch die Stadt - und erlebt dabei immer wieder Anfeindungen

Angespuckt und angerempelt

Als weiteres Zeichen des Entgegenkommens wertet Monika Müller, dass ihre Tochter bei Familienfeiern wie etwa Hochzeiten inzwischen ohne Niqab auftritt. Doch die Mutter ist auch gespalten. Sie gerät in Rage, wenn sie davon erzählt, was ihre Tochter erlebt, wenn sie voll verschleiert unterwegs ist.

"Sophia ist schon oft angespuckt und angerempelt worden. Man hat sich vor ihr aufgebaut und gesagt: 'So etwas wie dich sollte man erschießen!' Ich habe selbst erlebt, dass Leute sie angepöbelt haben, wenn ich mit ihr unterwegs war." Sie könne deshalb auch verstehen, dass Sophia manchmal sage: "In Deutschland kann man nicht so gut leben."

Früher sei deshalb öfter die Rede davon gewesen, in ein arabisches Land zu ziehen, arabisch zu lernen und den Koran zu studieren. Wohl wegen der Kinder sei das aber schon länger kein Thema mehr, vermutet Müller. "Meine Tochter hat gemerkt, dass es für sie wichtig ist, dass ihre Kinder in diesem Land eine gute Bildung haben können. Und dass das in arabischen Ländern nicht so einfach ist, schon gar nicht für eine Frau."

Dass der Staatsschutz noch einmal wegen möglicher Ausreisepläne ihrer Tochter nach Syrien vor der Tür steht, fürchtet Monika Müller nicht mehr. Ihr Schwiegersohn aber, davon geht die Ärztin aus, werde weiter vom Staatsschutz beobachtet. Letztes Jahr erst sei in Abwesenheit der Familie deren Wohnung durchsucht worden.

Matthias von Hein / Esther Felden

© Deutsche Welle 2018

 

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