Die Regierung ermittelte und inhaftierte dutzende Personen mit nachgewiesenen Verbindungen zu terroristischen Gruppen und startete gleichzeitig mehrere vorbeugende Initiativen zur Extremismusbekämpfung, wie das Deradikalisierungsprogramm und das Präventionsnetzwerk Salafismus.

In Deutschland gab es in den letzten Jahren mehrere Terroranschläge. Ein besonders schwerer Anschlag mit zwölf Toten verübte der tunesische Asylbewerber Anis Amri im Dezember 2016 mit einem LKW auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin. Der Attentäter war vermutlich von einer salafistischen Moschee in Berlin angeworben worden.

Deutsche Salafisten spielen auch in dschihadistischen Bewegungen im Nahen Osten eine nicht unerhebliche Rolle. Laut Informationen des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist die Zahl deutscher Islamisten, die in den letzten fünf Jahren in Richtung Syrien und Irak aus Deutschland ausreisten, von 170 im September 2013 auf 870 im September 2016 und 1.000 im September 2018 stetig gestiegen.

Beziehungen auf dem Tiefstand

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit dem saudischen König Salman bin Abdulaziz Al Saud auf dem Gipfel der Europäischen Union und der Arabischen Liga im ägyptischen Küstenort Scharm el-Scheich  am 25. Februar 2019; Foto: Getty Images/Handout/Bundesregierung/G. Bergmann
Frostige Beziehungen: Die mutmaßliche saudische Unterstützung salafistischer Gruppen unter marginalisierten Gemeinschaften wirkt sich auf die saudisch-deutschen Beziehungen aus, die ohnehin an einem Scheideweg stehen und von einer weiteren Eintrübung bedroht sind. Auch die Lage der Menschenrechte im Königreich, die Untersuchungen zum Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi und der verheerende Krieg unter saudischer Führung im Jemen, belasten das Verhältnis schwer.

Die mutmaßliche saudische Unterstützung salafistischer Gruppen unter marginalisierten Gemeinschaften wirkt sich auf die saudisch-deutschen Beziehungen aus, die ohnehin an einem Scheideweg stehen und von einer weiteren Eintrübung bedroht sind. Nachdem Sigmar Gabriel im November 2017 kritisierte, Saudi-Arabien mische sich in die politischen Angelegenheiten des Libanon ein, zog Saudi-Arabien seinen Botschafter aus Berlin verärgert ab.

Die diplomatische Krise wurde erst zehn Monate später mit der Rückkehr des Botschafters im September 2018 beigelegt. Dessen ungeachtet, sehen die deutschen Nachrichtendienste das saudische Königreich als potenzielle Bedrohung sowohl wegen seiner Rolle bei der Verbreitung der salafistischen Ideologie als auch wegen des fehlenden Engagements in der Bekämpfung salafistischer Finanzierungsnetze.

Auch andere deutsche Politiker äußern sich in bisher beispielloser Weise kritisch gegenüber der saudischen Politik. Maßgebliche Punkte sind die Menschenrechte im Königreich, die Untersuchungen zum Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Khashoggi und der verheerende Krieg unter saudischer Führung im Jemen, der eine schwere humanitäre Krise ausgelöst hat. Diese Themen werden die Beziehungen zwischen Berlin und Riad auch weiterhin belasten.

Ökonomische Faktoren

Allerdings messen beide Seiten ihren bilateralen Wirtschaftsbeziehungen einen hohen Stellenwert bei. Deutschland braucht die attraktiven Investitions- und Exportmöglichkeiten in Saudi-Arabien. Mit den wachsenden politischen Spannungen sank der deutsche Export in das Königreich von 10 Milliarden Euro (11,4 Milliarden Dollar) im Jahr 2015 auf 6,6 Milliarden Euro (7,6 Milliarden Dollar) im Jahr 2017.

Allerdings braucht Saudi-Arabien die deutsche Wirtschaftskompetenz, um seinen Entwicklungsplan bis 2030 verwirklichen zu können. Derzeit sind mehr als 800 deutsche Unternehmen in Saudi-Arabien tätig, darunter auch in der neuen Megastadt Neom, die zur Drehscheibe für Biotechnologie, Energie und Wassertechnologie werden soll. Hier sind deutsche Unternehmen unverzichtbare Partner.

Zur Rettung ihrer wirtschaftlichen Beziehungen werden Riad und Berlin vermutlich in dem Bemühen zusammenarbeiten, den Salafismus zu bremsen und die Radikalisierung junger Muslime in Deutschland zu verhindern. Doch obschon sich beide Seiten im September 2018 darauf einigten, ihre Beziehungen zu verbessern, könnten eine Verschlechterung der Sicherheitslage oder ein neuer Terroranschlag die latenten Spannungen erneut verstärken.

Mahmoud Jaraba

© Carnegie Endowment for International Peace 2019

Mahmoud Jaraba ist Postdoc am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Deutschland.

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Ein Keil zwischen Riad und Berlin

Aus dem unten verlinkten Artikel von Mohammad Gharaibeh von 2014:

Zitat Anfang
Wahhabiten kann man in der Regel nur der ersten Gruppe zurechnen. Es ist ein offensichtlicher Unterschied zwischen Wahhabiten und Salafisten, dass Wahhabiten loyal zum Königshaus der Al Saud stehen. Salafisten dagegen wollen einen islamischen Staat - ohne weltliche Macht wie etwa eine Monarchie.

Dennoch werden die Begriffe Wahhabismus und Salafismus oftmals synonym benutzt. Was einer genauen Betrachtung jedoch nicht Stand hält. Zwar berufen sich beide - nicht zuletzt wegen gegenseitigen Beeinflussung - auf nahezu identische Glaubensgrundsätze, unterscheiden sich aber in ihren Methoden.
Zitat Ende

Anders als der Artikel von Mohammad Gharaibah verbreitet der Artikel von Mahmoud Jaraba Platitüden über die Verbindung zwischen Wahabismus und Salafismus.
Es stimmt zwar, dass Wahabiten mit viel Geld massgeblich die Verbreitung des Islamismus in der Welt vorangetrieben haben.
Es stimmt aber auch, dass die meisten Islamisten in der Welt, Muslimbrüder und Salafisten, inzwischen aktuell erbitterte Gegner der Wahabiten oder zumindest des saudischen wahabitischen Systems sind.

Diese Tatsachen sind geeignet, eine fundierte Kritik des Islamismus zu begründen ....

Was anscheinend nicht das Anliegen des Autors Jaraba ist. Wahrscheinlich ist sein Anliegen, die westliche Öffentlichkeit gegen Saudi-Arabien aufzubringen, wofür aber zutreffende aktuelle Gründe an erster Stelle aufgeführt werden könnten (Jemen-Krieg, Koshoggi-Mord).

Bleibt die Frage, warum ein Text mit so undifferenziertem Inhalt auf Qantara steht.

Benita Schneider29.03.2019 | 19:32 Uhr