Im Untertitel seines Buches behauptet er, "Unfreiheit, Stagnation und Gewalt" in muslimisch geprägten Gesellschaften hätten "religiöse Ursachen". Aber an keiner Stelle seines Buchs erklärt er, was seiner Auffassung nach legitime religiös-konservative von fundamentalistischen Interpretationen des Islams unterscheidet.

Koopmans "real existierender Islam"

Stattdessen vergleicht er den Islam mit dem Kommunismus und das Geschlechterbild konservativer Muslime mit dem südafrikanischen Apartheid-System. Wenn Koopmans polemisch vom "real existierenden Islam" spricht, dann scheint es, als betrachte er den Islam insgesamt als eine politische Ideologie, nicht als eine Weltreligion.

Um zu belegen, dass sich die Rückständigkeit muslimisch geprägter Gesellschaften vor allem mit der Religion erklären lässt, stellt Koopmans jeweils zwei Länder, die sich in religiöser Hinsicht unterscheiden, nebeneinander. Er vergleicht die Malediven (muslimisch) mit Mauritius (überwiegend hinduistisch und christlich), Indien mit seinen Nachbarn Pakistan und Bangladesch, den Süden Nigerias (christlich) mit dem Norden (muslimisch) und Ägypten mit Südkorea.

Dabei schneiden die muslimisch geprägten Länder und Regionen in puncto Demokratie, Menschenrechte und wirtschaftlichem Fortschritt jeweils deutlich schlechter ab als ihre Gegenüber.

Das dient Koopmans als Beleg für seine These, dass es vor allem der Islam sei, der einer demokratischen Entwicklung im Wege stehe. Hätte er den Südsudan (christlich) mit dem Norden (muslimisch), die Philippinen (christlich) mit Indonesien (muslimisch), Serbien mit Bosnien oder Albanien mit Nordkorea verglichen, wäre der Vergleich für die muslimisch geprägten Länder vielleicht etwas vorteilhafter ausgefallen. Aber dann hätte sich Koopmans natürlich seine These kaputt gemacht.

Koopmans fährt mehr Zahlen und Statistiken auf als Thilo Sarrazin. Sein Umgang damit ist zwar deutlich seriöser und wissenschaftlicher, schließlich kommt er aus der quantitativen Sozialforschung. Aber wie bei Sarrazin dienen die Zahlen ihm in erster Linie dazu, eine These zu belegen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Fakten, die nicht zu seiner These passen, lässt er weg. So nivelliert Koopmans die Unterschiede zwischen muslimisch geprägten Staaten.

Dabei gibt es wohl keinen anderen "Kulturraum", in dem eine solch große Vielfalt an Staatsformen vorherrscht wie in der sogenannten "islamischen Welt": von säkularen Demokratien und Diktaturen über parlamentarische und absolute Monarchien und ehemaligen sozialistische Militärregimes bis zu modernen islamischen Theokratien ist alles vertreten.

Der kulturalistische Blick

Erstaunlich für einen Soziologen ist auch, wie wenig Schicht und Klasse bei Koopmans eine Rolle spielen, und wie sehr er alles über schwammigen Begriff der "Kultur" zu erklären versucht. Dabei scheint es für ihn – anders als für Huntington, auf den er sich sehr wohlwollend bezieht – nur einen "Kulturkreis" zu geben: den islamischen.

Sein Buch erweckt den Eindruck, nur Muslime hätten "Religion und Kultur". Von einem Autor, der Muslimen mehr Kritik an den eigenen Traditionen empfiehlt, würde man zudem erwarten, mit gutem Beispiel voranzugehen und auch etwas selbstkritischer auf die eigene Kultur zu blicken. Doch davon ist Koopmans weit entfernt.

Den westlichen Kolonialismus lässt er in einem äußerst milden Licht erstrahlen, indem er die dunklen Seiten ausblendet und über dessen ideologische Grundlage, dem Rassismus, kein Wort verliert. Während er akribisch alle Toten islamistischer Anschläge aufzählt, geht er über das lange Sündenregister westlicher Kriege und Interventionen geflissentlich hinweg.

Aus der Zeit gefallen

"Ausländische Interventionen haben nicht immer zur Verbesserung der Lage beigetragen", schreibt er lapidar, über den desaströsen Einmarsch im Irak, dieser habe "die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten nachhaltig beschädigt". Waren da nicht auch Hunderttausende von Toten?

Dass westliche Interventionen den militanten Islamismus befeuert haben könnte, dieser Gedanke scheint Koopmans fremd. Dabei sind die Taliban, Al-Qaida und der IS nicht denkbar ohne die Kriege in Afghanistan, im Irak und Libyen.

Das Buch wirkt aber auch etwas aus der Zeit gefallen. Schließlich befindet sich auch die westliche Welt derzeit in der Krise, und Demokratie und Menschenrechte sind weltweit auf dem Rückmarsch. Zugleich zeigen die Ereignisse der vergangenen Monate im Irak, in Ägypten, im Iran, im Libanon oder in Algerien, dass die Sehnsucht nach Mitsprache und Gerechtigkeit auch in vielen muslimisch geprägten Ländern die Menschen immer noch auf die Straße treibt. Wer wissen möchte, wie man diese Menschen in ihrem Streben nach Frieden und Freiheit unterstützen könnte, der wird bei Koopmans leider nicht schlau.

Daniel Bax

© Qantara.de 2020

Ruud Koopmans: "Das verfallene Haus des Islam", Verlag C.H. Beck 2020, ISBN: 978-3-406-74924-7, 288 Seiten

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