Romanische Medienprogaganda
Antiislamische Massenmobilisierung aus Stein

Darstellungen von Sarazenen in anzüglicher Pose und nach Mekka betender Tiere – eine Fotoausstellung im Museum für Islamische Kunst in Berlin spürt antiislamischer Propaganda im christlichen Mittelalter nach. Ein Beitrag von Lennart Lehmann

Gequetschter Beter, Foto: Claudio Lange
Gequetschter Beter, Foto: Claudio Lange

​​Claudio Lange vetritt eine These, die der herkömmlichen Kunstgeschichte widerspricht. "Das übliche kunsthistorische Gerede um einen arabischen Einfluss in der christlichen Kunst", heißt es in seinem Ausstellungstext, "dient einer Verniedlichung des Abgrunds zwischen den Feinden." Die Widerkehr der Skulptur im 10. Jahrhundert, üblicherweise als Romanik bezeichnet, sei Teil einer damals medienrevolutionären Bildpropaganda, die zum Heiligen Krieg gegen den Islam aufrufe.

Zentrale Stücke darin seien die bisher wenig beachteten antiislamischen Darstellungen, die "die Besiegbarkeit der höheren Zivilisation des Islam und den Triumphalismus der Christenheit" vermitteln sollten. Der Begriff Romanik sei daher irreführend, "denn nicht Rom, sondern der Anti-Islam stand bei der Widerkehr der Skulptur Pate."

Der gebürtige Chilene hat, mit Geldern der Reemtsma-Stiftung für Kultur und Wissenschaft ausgestattet, mittelalterliche Kirchen in ganz Europa besucht und ihre von Steinmetzen geformten Fassaden und Innenausstattungen nach antiislamischen Darstellungen abgesucht. Und er wurde fündig. Da korpulieren Paare in muslimischer Gebetsstellung, Turbanträger reißen sich den Bart aus oder stellen ihren riesigen beschnittenen Penis zur Schau, Frauen mit Kopftuch strecken die Vagina dem Betrachter entgegen, Esel musizieren auf arabischen Instrumenten und monströse Gesichter mit aufgerissenen Mündern und spitzen Zähnen halten sich die Ohren zu - eindeutige Verhöhnung des Muezzins, findet Lange.

Zur Stigmatisierung grüßen die meist nackten Skulpturen mit der Hand auf der Brust. Laut Lange soll hier der Feind der Christenheit, ein perverses, besiegbares, biblisches Babylon, in den Islam hineinprojeziert werden.

Sich selbst befriedigende Raubkatzen

Die meisten Darstellungen dieser Art entdeckte der promovierte Religionswissenschaftler und freischaffende Künstler auf der Iberischen Halbinsel. Hier war das katholische Spanien bis ins 15. Jahrhundert mit der Reconquista beschäftigt, antiislamische Darstellungen und die Übernahme arabisierender Versatzstücke in Kirchenbauten als Kriegsbeute (und nicht als bewunderndes Zitat, wie Lange betont) liegen also nahe.

Doch Lange hat sich selbst befriedigende Raubkatzen auch in Frankreich ausgemacht, trommelnde Affen in Köln, gefesselte, das Kirchdach tragende Muslime in Prag, auf Türken tretende Ritter in Würzburg und von Löwen zerrissene Turbanträger in Schweden.

Diese Skulpturen waren, so der 59-Jährige, Mittel antiislamischer Massenmobilisierung einer Bevölkerung, die größtenteils nicht Lesen und Schreiben konnte. Verantwortlich dafür sei die Kirche gewesen, motiviert durch die Suche nach einem einenden, äußeren Feindbild, nachdem die Herstellung eines inneren Friedens in Europa gescheitert war. Mit der Einigung Europas habe die Kirche ihre Macht ausbauen wollen und mit der steinernen Bildpropaganda die Kreuzzüge vorbereitet, so Lange. Das Abendland gründe sich demnach auf Hass auf den Islam.

Leicht verständliche Bildsprache

Dass die Kirche auch islamisch-kulturelle Einflüsse innerhalb Europas bekämpfte, meint Lange neben anderen Beispielen in einer steinernen Paradiesdarstellung in Gerona auszumachen. Mithilfe von Botanikern fand er heraus, dass es sich bei der darauf abgebildeten Pflanze, von der Adam und Eva den Sündenapfel pflücken und in deren Zweigen sich eine Schlange windet, um die mystische Alraune handelt, die zur medizinischen Grundausstattung der Mittelmeerländer gehörte und die mit den Arabern nach Westeuropa kam.

"Die Bildhauer wussten genau, was sie taten", sagt Lange. Er ist sich sicher, dass diese Bildsprache von den damaligen Menschen leicht verstanden wurde.

Lennart Lehmann

© Qantara.de 2003

Islam in Kathedralen
Bilder des Antichristen in der christlichen Skulptur
Ausstellung mit Fotos von Claudio Lange
Museum für Islamische Kunst, (Pergamonmuseum) Berlin
Verlängert bis zum 04. Januar 2004

Die Ausstellung im Internet (Fotos, Texte, Infos über C. Lange): www.islam-in-kathedralen.de.vu

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