Aktivist Nay San Lwin sieht das genauso: "Aung San Suu Kiy kontrolliert zwar nicht die Armee, aber sie hat eine moralische Autorität, sie ist Friedensnobelpreisträgerin und eine Ikone der Demokratie. Sie sieht doch, was gerade passiert: Dass die Leute fliehen."

Er fragt sich, was in ihr vorgeht, wenn sie die Bilder in den Medien verfolgt. "Sie ist ein Mensch, genau wie ich. Und als Mensch kann sie doch zumindest Mitgefühl zeigen. Wenn jemand in deiner Nähe in Not ist, dann hilfst du doch, ganz unabhängig von Religion oder ethnischer Herkunft."

Die schwierige Rolle der Rohingya-Rebellen

International hat die verzweifelte Lage der Rohingya viel Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft erfahren, auch in Deutschland, sagt Lwin. Das freut ihn zwar, aber am Problem an sich ändere sich dadurch noch nichts. Dieses Problem liege in Myanmar selbst. "Wir haben auf der Welt viele Freunde, nur in unserem eigenen Land haben wir gar keine. Myanmar ist für Rohingya wie ein Open-Air-Gefängnis. Sie können sich ohne offizielle Genehmigung nicht einmal von einem Ort zum anderen frei bewegen."

Die hoffnungslose Lage, die Diskriminierung und Ausgrenzung im eigenen Land - diese Kombination hat nach Ansicht von Nay San Lwin auch mit dazu geführt, dass sich vermehrt junge Leute der sogenannten Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) angeschlossen haben. Kämpfer der ARSA hatten am 25. August Polizei- und Militärposten im Rakhine-Staat überfallen und Dutzende Sicherheitskräfte getötet, was die jüngste Krise und die Gegenoffensive der myanmarischen Armee auslöste.

Lwin heißt die Angriffe der ARSA nicht gut, ist aber der Meinung, dass daraus vor allem die Verzweiflung der seit Jahrzehnten leidenden Menschen spricht. "Es gibt unter den Rohingya viele junge Leute, die einfach keinerlei Zukunftsperspektiven haben. Sie können nicht studieren, können sich kein Geschäft aufbauen, können für keine Regierungsstelle arbeiten. Sie haben sich von der Internationalen Gemeinschaft Hilfe erwartet, aber niemand hat gegenüber der myanmarischen Regierung etwas unternommen." Aus diesem Grund hätten sich einige dazu entschlossen, zu den Waffen zu greifen und nicht mehr mit Worten zu kämpfen.

Auch soziale Netzwerke betroffen

"Die Armee soll diese Rebellen bekämpfen", sagt Lwin. "Aber seit Ende August wurden mehr als 4.000 Zivilisten getötet, das sind doch Unschuldige." Gegen die myanmarische Regierung erhebt er schwere Vorwürfe. "Sie hat langfristig den Plan, unsere ganze Bevölkerungsgruppe zu eliminieren. Und immer wenn sich eine Chance bietet, nutzt sie sie." Allein wird Myanmar den Konflikt nicht beilegen können, ist Lwin überzeugt. "Die einzige Lösung ist eine internationale Intervention, die Welt muss eingreifen. Die Verantwortlichen sollten vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen."

Auch er selbst bekommt die Auswirkungen der aktuellen Krise zu spüren, sagt er. Wenn auch längst nicht in der Form wie die Rohingya vor Ort. Medienberichten zufolge lässt die Regierung Facebook-Posts von Aktivisten wie Lwin, die über Gräueltaten an den Rohingya schreiben, entfernen. Auch ganze Accounts sollen geblockt worden sein. Lwin bestätigt das - betroffen seien auch Autoren seines Blogs. "Facebook hat für Myanmar ein eigenes Team an Mitarbeitern. Diese Leute sind einseitig und voreingenommen. Sie arbeiten mehr für die Regierung und das Militär anstatt für Facebook."

Facebook selbst bestätigte die Sperrung einer Seite der ARSA. Der Internetkonzern betrachte die "Arakan Rohingya Salvation Army" als gewalttätige Gruppe, hieß es zur Begründung. Die Sperrung der Seite gehe nicht zurück auf einen Antrag der Regierung Myanmars.

Weit weg und doch so nah

Nay San Lwin hat sich an seinen Alltag in Deutschland gewöhnt. Er lernt die Sprache und arbeitet als Kurier. In seiner Freizeit bloggt er. Bis auf Onkel und Tante hat er keine enge Verwandtschaft mehr in Myanmar.

Seine Eltern leben in Großbritannien, die Geschwister in den USA. Trotzdem vermisst er seine Heimat. Wenn die Situation es zuließe, würde er gern zurückgehen, sagt er. "Niemand will doch fort von zu Hause. Da sind meine Wurzeln."

In Deutschland wurde er problemlos als Flüchtling anerkannt und hat jetzt einen sogenannten "Blauen Pass", auch Konventionspass genannt. Dieser Reiseausweis für Flüchtlinge ist ein Ersatz für den Reisepass des Landes, aus dem der Betroffene ursprünglich geflohen ist. Mit dem Dokument kann Lwin in viele EU-Länder ohne Visum reisen. Das sei toll und ein großes Privileg, findet er. Noch lieber allerdings hätte er einen anderen Pass: den myanmarischen. Er wünscht sich, endlich Staatsbürger zu sein. In seiner Heimat.

Esther Felden

© Deutsche Welle 2017

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