Roger Willemsens "Hier spricht Guantanamo"

Rückkehr der Vogelfreiheit

In seinem Buch 'Hier spricht Guantanamo' lässt Roger Willemsen ehemalige Häftlinge aus dem Gefangenenlager zu Wort kommen – ein Zeitdokument, das die Perfidie von Verhörtechniken, Erniedrigung und Folter umfassend darlegt. Von Martin Gerner

In seinem Buch "Hier spricht Guantanamo" lässt Roger Willemsen ehemalige Häftlinge aus dem amerikanischen Gefangenenlager zu Wort kommen – ein Zeitdokument, das die Perfidie von Verhörtechniken, Erniedrigung und Folter umfassend darlegt. Von Martin Gerner

Strafgefangenenlager Guantanamo, Foto: AP
Guantanamo betrifft uns als politisch handelnde Subjekte alle - gerade weil es sich dort um eine größtmögliche Aushöhlung der Begriffe Rechtsstaat und Freiheit handelt

​​Im jüngsten Bericht des US-Außenministeriums über die Lage der Menschenrechte in der Welt sind alle 196 UN-Mitgliedsstaaten fein säuberlich aufgelistet. Die Liste hat nur einen Makel: die Vereinigten Staaten tauchen darin nicht auf.

Man gewinnt dadurch den Eindruck, Amerika hält sich – frei nach George Orwell – mehr denn je für gleicher als der Rest der Welt. Die Bush-Regierung begründet das Fehlen der USA auf der Liste der Menschenrechtsverstöße mit einer funktionierenden amerikanischen Presselandschaft und einem Parlament, das jüngst ein Folterverbot erlassen habe.

Kein freier Zugang nach Guantanamo

Dieselben US-Medien aber, und nicht nur sie, haben nach wie vor keinen freien Zugang nach Guantanamo. Deshalb kann auch das Folterverbot dort nicht überprüft werden. Dass das Verbot erlassen wurde, ist ein Eingeständnis, dass es Folter gegeben hat - auch in Guantanamo.

Die Frage ist aber mittlerweile nicht mehr nach dem 'ob', sondern vielmehr nach dem 'wie'. Steckt gar ein System dahinter? Roger Willemsen meint ja. Der deutsche TV-Moderator hat Interviews mit fünf ehemaligen Häftlingen aus Guantanamo geführt: zwei Russen, zwei Arabern und einem Afghanen.

Allen konnte keine Schuld an den Anschlägen vom 11. September nachgewiesen werden. Sie sprechen über ihre Isolationshaft und Verhörtechniken, über Koranschändungen und Selbstmordversuche und über ihre Leben davor.

Gerade weil ihre Aussagen betont sachlich bleiben, ist die Fülle der persönlichen Berichte bedrückend. "An uns ist immer nur experimentiert worden", erzählt ein Jordanier. Da tun sich, gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, Abgründe auf. Ein anderer der Interviewten sagt dazu, in Erinnerung an einen Katheder, der ihm gelegt wurde: "Na gut, Experimente waren das nicht. Die haben bloß geübt."

Beklemmung bleibt allemal. Allerdings ist das Buch spätestens an dieser Stelle keine Schrift, die den Eindruck eines 'Lager-Systems' systematisch erhärten kann. Das scheint auch nicht die Absicht des Autors gewesen zu sein. Willemsens Interviews verfolgen vor allem die Intention, den Opfern einer anonymen Haft ihre Würde zurückzugeben.

Unkritische Medienberichterstattung

Nach der Devise 'viel Feind, viel Ehr' unternimmt Willemsen im Vorwort einen Rundumschlag gegen die Medien und insbesondere gegen den deutschen Journalismus. Zu keinem Zeitpunkt auf der Höhe sei dieser gewesen, unkritisch und sein freiheitliches Berufsethos verleugnend.

Der Autor selbst präsentiert sich dagegen als spät gekommener Enthüllungsjournalist. Doch ganz so schwarz-weiß stellt sich die Wirklichkeit nicht dar.

Es stimmt zwar, dass es falsch verstandene Loyalität gegenüber der Politik und ihren Entscheidungsträgern als journalistisches Verhaltensmuster in diesem "Krieg gegen den Terror" immer wieder gegeben hat. Und Guantanamo erscheint dabei als die Fortsetzung des Krieges mit unlauteren Mitteln.

Dass die "politische Rhetorik zu keinem Zeitpunkt auf der Höhe des Skandalons gewesen" sei, könnte Willemsen überzeugender behaupten, wenn er selbst früher die Alarmglocken geläutet hätte.

Die Erfahrungsberichte der von ihm interviewten Häftlinge sind ausführlich und neu. Schon lange vorher aber, so verweisen seine Kritiker, finden sich ähnliche Aussagen anderer Ex-Häftlinge in mehreren Quellen, darunter in den Dokumenten des Roten Kreuzes und des FBI.

Willemsen sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, das richtige Buch zur falschen Zeit geschrieben zu haben. Fakt ist: noch vor zwei Jahren wären solche Gespräche gefährlicher zu führen gewesen, für Interviewer genauso wie für Interviewte.

Amerikanische Hybris

Es stimmt zwar, dass alle Ex-Häftlinge von Guantanamo eine (nicht justiziable, da unter Druck erpresste) Abmachung unterschrieben haben, über das in der Haft Erlebte und Gesehene zu schweigen.

In dem Maße aber, in dem sich Opfer, wie der aus einem US-Geheimgefängnis in Afghanistan entlassene deutsche Staatsbürger Khaled El-Masri, für den Weg einer – von den Medien begleiteten – Klage entschieden haben, hat sich auch das mediale Umfeld anderer Ex-Häftlinge verändert.

Spürbar wird durch die Interviews jene amerikanische Hybris, die sich aus einer Hanibal-Lecter ähnlichen Paranoia und einer kalt kalkulierten Verdrehung geltender Rechtsgrundlagen speist. Sollte Willemsens Prognose zutreffen, erleben wir den Beginn eines Jahrhunderts, in dem der mittelalterliche Begriff "Vogelfreiheit" in der Gegenwart angekommen ist.

Guantanamo betrifft uns als politisch handelnde Subjekte alle. Gerade weil es sich dort um eine größtmögliche Aushöhlung der Begriffe Rechtsstaat und Freiheit handelt, fragt man sich, warum es zum Beispiel in Deutschland und anderswo längst nicht Montagsdemonstrationen zur Schließung des Gefängnisses gibt und – angesichts von Willemsens Vorwort zu den Interviews – wie weit die juristische Immunität eines amerikanischen Präsidenten und seiner Helfershelfer reicht.

Martin Gerner​​

© Qantara.de 2006

Verlag Zweitausendeins, 237 Seiten, Nr. 200283, 12.90 Euro

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