Rizwaan Sabirs "The Suspect"
Wie Muslime nach 9/11 unter Generalverdacht gerieten 

"The Suspect“ (dt. "Der Verdächtige“) von Rizwaan Sabir ist ein erschütternder Bericht über die Erfahrungen des Autors mit den britischen Sicherheitsbehörden, die ihn und die muslimische Gemeinschaft nach 9/11 ins Visier nahmen. Von Richard Marcus

Als die Sicherheitsdienste 2007 auf Rizwaan Sabir aufmerksam wurden, arbeitete er gerade an seiner Doktorarbeit. Zum Quellenstudium für seine Forschung über politischen Extremismus hatte er einen Aufsatz mit dem Titel The Al Qaeda Training Manual (dt. Das Al-Qaida-Schulungshandbuch) heruntergeladen. So bedenklich der Titel auch klingen mag, Sabir hatte ihn von der öffentlichen Website des US-Außenministeriums bezogen. Sogar über das Bibliothekssystem seiner Hochschule war der Artikel frei zugänglich. 

Offensichtlich sahen die Sicherheitsdienste vor allem die Tatsache, dass jemand mit muslimischem Namen eine Publikation heruntergeladen hatte, in der die Worte "Al-Qaida“ vorkamen. Noch dazu hatte diese Person die Datei an eine andere Person mit ebenfalls muslimisch klingendem Namen weitergegeben. Der Grund: Sabir hatte die fraglichen Dokumente sowie weitere Quellen an seinen Doktorvater geschickt. 

Anstatt sich mit den Quellen und ihrem Zugang näher zu befassen, wurden Sabir und sein Mentor zunächst einmal von der Polizei festgenommen. Als sich die Polizei schließlich näher mit dem fraglichen Material auseinandersetzte, forderte sie Unterstützung von jemandem an, der ihnen die gewünschten Antworten servierte: Das Dokument sei für Sabirs wissenschaftliche Forschung nicht relevant.

Images of the aftermath of the terrorist attack at Westminster, London, on 22 March 2017 on the front pages of a selection of British newspapers (photo: picture-alliance/dpa/P. Hooper)
Am 22. März 2017 fuhr Khalid Masood, ein 52-jähriger Brite, mit einem Auto in eine Menschenmenge auf der Westminster-Brücke und tötete dabei vier Personen. Anschließend rammte der Attentäter mit dem Fahrzeug den Zaun des Westminster-Palastes, worauf er das Auto verließ und einen unbewaffneten Polizisten erstach. (Im Bild sind die Titelseiten einiger britischer Zeitungen nach dem Attentat zu sehen.) Nach diesem Anschlag und den vorausgegangenen Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 in London waren die Briten entsetzt, dass die meisten Attentäter "einheimische Terroristen" waren. Die Polizeiarbeit konzentrierte sich daraufhin immer stärker auf die muslimische Gemeinschaft im eigenen Land.

Wachsende Paranoia 

Auch nachdem Sabir wieder auf freiem Fuß war und eine finanzielle Entschädigung für die unrechtmäßige Festnahme und Inhaftierung erhalten hatte, blieb er auf den Beobachtungslisten der Sicherheitsdienste. Auf Flughäfen, bei britischen Zollkontrollen und bei Autofahrten wurde er regelmäßig angehalten. Diese über Jahre wiederkehrenden Kontrollen hatten verständlicherweise für Sabir massive psychische Folgen. 

Jahre nach dem eigentlichen Vorfall und lange nachdem die regelmäßigen Schikanen beendet worden waren, entwickelte er Symptome einer psychischen Erkrankung. Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) war so stark, dass er selbst bei den Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen über Terrorismusbekämpfung ein Gefühl von Paranoia entwickelte. 

Die Angst, dass Teilnehmer an seiner Vorlesung Notizen für die Sicherheitsdienste anfertigen, mag übertrieben erscheinen. Andererseits muss man sich klar machen, in welchem Ausmaß die muslimische Gemeinschaft in Großbritannien und anderen Ländern überwacht wird. Im Rahmen sogenannter "Präventivmaßnahmen“ greifen Sicherheitsdienste sogar auf Sozialarbeiter und Lehrer zurück, die sie über jeden informieren sollen, der möglicherweise ein Terrorist sein könnte.

Eine interreligiöse Mahnwache vor der Town Hall am Albert Square in Manchester nach dem Terroranschlag auf die Manchester Arena am 22.5, 2017; Foto: Getty Images/AFP/B. Standsall
Eine interreligiöse Mahnwache vor der Town Hall am Albert Square in Manchester nach dem Terroranschlag auf die Manchester Arena am 22.5. 2017. Etwas mehr als sechs Monate zuvor hatte die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Open Society Justice Initiative einen Bericht veröffentlicht, wonach das wichtigste britische Anti-Terror-Programm, Prevent, "einseitig und potentiell kontraproduktiv ist und die Gefahr besteht, es würde grundlegende Rechte junger Muslime missachten.“

Was dem Vorgehen zugrunde liegt 

Wenn ein Lehrer oder Berater oder sonst jemand der Meinung ist, dass ein ihm anvertrauter Mensch zum Terroristen werden könnte, weil er bestimmte Schriften liest oder bestimmte Personen trifft, dann werden diese Informationen an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Wenn man wirklich Pech hat, dann stellen die Behörden einen dann unter Beobachtung oder setzen einen gegebenenfalls fest und man wird verhört. 

Im ersten Teil seines Buches schildert Sabir, wie er von den Sicherheitsbehörden behandelt wurde. Zudem analysiert er minutiös das System und die Philosophie hinter dem Vorgehen gegen die muslimische Gemeinschaft nach dem 11. September 2001. Er zeigt auf, wie die britischen Dienste eine Mischung aus alten kolonialen Praktiken für "einheimische“ Bevölkerungsgruppen, die sich dem "Empire“ nicht beugen wollten und rassistischem Profiling nutzten. 

Zudem kommt er auf einige zur Terrorismusbekämpfung eingeführte drakonische Gesetze zu sprechen. Paragraph 7 des Terrorism Act erlaubt es den Sicherheitsdiensten – also jedem von  der Flughafensicherheit bis zum Geheimdienst MI5 – Personen festzuhalten und zu verhören. Wer sich dem Paragraphen 7 nicht unterwirft, kann wegen Behinderung von Ermittlungen gegen den Terrorismus verhaftet werden.

Dem System trotzen 

Als Muslim ist man offenbar so lange schuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wenn man dazu noch dunkelhäutig ist, sollte man möglichst in der Lage sein, seine Aktivitäten und Lesegewohnheiten der letzten zehn Jahre erklären zu können. Das angeblich zur Abwehr von Terroranschlägen konzipierte System scheint in der Praxis eine feindselige Atmosphäre zu zementieren, die eine Radikalisierung der Menschen fördert.

Cover von Rizwaan Sabirs "The Suspect" (Quelle: Pluto Press)
Laut Richard Marcus ist "The Suspect“ von Rizwaan Sabir "eine erschütternde und aufschlussreiche Auseinandersetzung mit den ständigen Übergriffen von Sicherheitsdiensten weltweit. Ein Muss für jeden, dem die bürgerlichen Freiheiten am Herzen liegen.“ 

Sabir weist in seinem Buch aber auf eine Möglichkeit hin, diesem System zu trotzen: Auch wenn eine Regelung gesetzlich festgeschrieben ist – wie im Fall des Paragraphen 7 – könne man immer noch deutlich machen, dass man mit dem Verfahren nicht einverstanden ist.

Der Unterschied mag marginal sein. Aber wer sich Verhören unterwirft, ohne sein Einverständnis zu erteilen, zeigt damit, dass er gezwungen wurde, Fragen zu beantworten.

Damit entzieht man den Sicherheitskräften die moralische Überlegenheit – und widerlegt die Vorstellung, dass sie hier zum "Wohle des Staates“ handeln und dass von ihnen keine Bedrohung ausgeht.

Es sind immer wieder Fälle bekannt geworden, bei denen muslimische Menschen ohne begründeten Verdacht vorübergehend festgesetzt werden. Doch in keinem Buch ist diese Erfahrung bisher so eindringlich beschrieben worden wie in The Suspect.

Sabir berichtet über die seelischen Qualen, die ihm die Behandlung seitens der britischen Sicherheitsdienste bereitet hat und noch heute bereitet. 

Seine ganz persönliche Geschichte steht stellvertretend für den Schaden, der einer ganzen Gemeinschaft zugefügt wird, die seit jeher an den Rand gedrängt ist. Doch genau diese Form der Behandlung verstärkt das Misstrauen einer Gemeinschaft gegenüber den Regierenden und ihr Gefühl der Ausgrenzung. 

Sabir liefert zudem eine detaillierte und lesenswerte Analyse der rassistischen und neokolonialen Vorstellungen, die den Methoden der sogenannten Anti-Terror-Einheiten weltweit zugrunde liegen. 

Die Beschreibung der drakonischen Methoden der Sicherheitsbehörden untermauert er mit eigenen Erfahrungen, als er selbst ins Fadenkreuz der Behörden geriet und genau das macht sein Buch so besonders.

Indem er seine persönlichen Erlebnisse mit der Justiz im Vereinigten Königreich schildert, ist Sabir ein Buch gelungen, das niemanden kalt lassen kann. Gleichzeitig geht er über die eigenen Erfahrungen hinaus und bietet uns einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Sicherheitsorgane. Er liefert eine erschütternde und aufschlussreiche Auseinandersetzung mit den ständigen Übergriffen von Sicherheitsdiensten weltweit. Ein Muss für jeden, dem die bürgerlichen Freiheiten am Herzen liegen. 

Richard Marcus

© Qantara.de 2022

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