Manchmal lässt die Krankheit Seifs rechte Hand zittern, aber seine Stimme ist fest. Erst als die Richterin ihn nach seiner Flucht aus Syrien befragt, bricht der bis dahin so starke Mann in Tränen aus. Die Sitzung wird kurz unterbrochen.

Seif weiß noch genau: Es war der 13. Juni 2012, als er seine Heimat verlies. In der Nacht zuvor sei auf sein Haus geschossen worden. Zunächst sei er nach Kairo gereist, von dort weiter nach Berlin.

Dort trifft Seif im August den damaligen Außenminister Guido Westerwelle. "Ich schätze an Riad Seif sein engagiertes und selbstloses Eintreten für ein demokratisches, ziviles und soziales Syrien", sagte Westerwelle über Seif, der schnell zu einem der wichtigsten Akteure der syrischen Exilopposition wird.

Hilfe für den Überläufer

Im selben Jahr hörte Seif erstmals von Anwar R.. Der Kontakt kam über einen langjährigen Freund seines Sohnes aus Geheimdienstkreisen zu Stande. Der hätte berichtet, ein übergelaufener Geheimdienstoberst sei in Jordanien gestrandet und fürchte dort um sein Leben.

Riad Seif wollte helfen. Er leitete R.'s Unterlagen an das Auswärtige Amt weiter. Die Opposition sei generell an Überläufern interessiert gewesen. Und: Man habe sich wichtige Informationen von R. erhofft. Die aber habe Anwar R. nie geliefert, stellt Riad Seif klar.

Seif hat eine Vermutung, warum Anwar R. dem Assad-Regime den Rücken gekehrt haben könnte: R. stammt aus Hula, dem Ort des ersten größeren Massakers im syrischen Bürgerkrieg. Im Mai 2012 wurden dort über 100 Menschen getötet. Seif vermutet, Anwar R.'s Familie könne auf ihn Druck ausgeübt haben, seine Arbeit für das Regime zu beenden.

Ein Prozess, der bewegt

Die syrischen Zuschauer im Gerichtssaal nehmen Anwar R. seine Wandlung zum Oppositionellen allerdings nicht ab. Üblicherweise hätten Überläufer sich offen vom Regime losgesagt, vor der Kamera, heißt es. Sie hätten ihre Dienstausweise und andere Insignien ihrer Macht und ihrer Ämter vorgelegt und klar erklärt, warum sie dem Regime den Rücken kehren. Von Anwar R., betonten die Exilsyrer, gebe es kein solches Video.

Vom Zeugen Riad Seif sind die Prozessbeobachter an diesem Tag tief beeindruckt. Er steht ausführlich Rede und Antwort, trotz seines Gesundheitszustandes. Am Ende eines langen Tages vor Gericht lässt dann aber auch Seifs Konzentration nach. Nach mehr als vier Stunden beendet die Richterin die Zeugenbefragung. Riad Seif sieht erschöpft aus. Es ist ein Prozess, der alle Beteiligten tief bewegt. 

Matthias von Hein

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