Nach und nach wurde so die ganze Küste privatisiert. Dass die Fischer einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren, interessierte weder die Regierung noch die zur Verstaatlichung des Kanals gegründete "Suez Canal Authority".

Eine dokumentarische Anwältin sozialer Ungerechtigkeit

Filmszene aus "Buyers and Sellers"; Foto: Cimatheque
In ihrem Film "Buyers and Sellers" (1992) erforscht Al-Abnoudy die Beziehung der Ägypter zum Suezkanal. Vor allem seit seiner Verstaatlichung durch den damaligen Präsidenten Gamal Abdel Nasser im Jahr 1956 sollte der Kanal als leuchtendes Beispiel für die Kraft des ägyptischen Volkes dienen und Wohlstand für alle bringen.

Solche filmische Kritik an der Regierung oder einzelnen Institutionen verhinderten natürlich, dass Atteyat al-Abnoudy jemals staatliche Unterstützung erhielt. Doch sie prägten ihren Ruf als dokumentarische Anwältin sozialer Ungerechtigkeit. Tamer el-Said beschreibt ihren Antrieb so: "Sie wollte denen eine Stimme geben, die im offiziellen Narrativ nie zu Wort kamen. Sie hat benachteiligte Menschen immer verteidigt, aber sie hat sie zugleich nie als Opfer präsentiert, sondern ihre Stärken gesehen und gezeigt."

Atteyat al-Abnoudy hat ihren filmischen Nachlass der Initiative Cimatheque überlassen. In dessen Archiv in Downtown Kairo können Filmwissenschaftler und Interessierte forschen und recherchieren. Zugleich gibt es in der Cimatheque ein kleines Kino, ein Café, einen Co-Working-Space.

"Es ist ein Ort, an dem sich Filmfreunde und Professionelle aus der Branche zum Treffen, Diskutieren, Streiten und Arbeiten treffen können", beschreibt Mitbegründer Tamer el-Said. "Ein Ort, der die Vielfalt des Kinos feiert." Und an dem die Filmer Problemlösungen entwickeln können, etwa für die Schwierigkeit, internationales Funding zu bekommen. Die Cimatheque ist offiziell 2014 gegründet worden, doch die Idee entstand bereits Jahre zuvor.

Atteyat al-Abnoudy hatte davon gehört und die Macherinnen und Macher schon 2011 davon überzeugt, auch ein Filmarchiv aufzubauen – denn das war anfangs gar nicht der Plan. Nach Al-Abnoudys Tod wurde ihr Werk zunächst in Kairo gezeigt, nun kommt es nach Berlin ins Kino Arsenal.

"Die Welt ist hässlich ohne Menschen", sagt der Dichter Abdel Rahman al-Abnoudy, Atteyats Ehemann, in ihrem Film "Sad Song of Touha" von 1972. In der Tat ist die Welt nach ihrem Tod ein wenig hässlicher geworden. Doch ihr Anliegen – die Stärken benachteiligter Menschen zu zeigen und sie dabei nicht zu Opfern zu machen – bleibt bestehen. In ihrem Werk, aber auch in der Riege an Filmerinnen und Filmern, die sich von ihr inspirieren lassen.

Christopher Resch

© Qantara.de 2019

Das Berliner Arsenal-Kino zeigt vom 2. bis zum 7. Juli an vier Tagen eine Retrospektive des Werks von Atteyat al-Abnoudy. Tamer el-Said hält zu allen Filmen eine Einführung.

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