Religion in Aserbaidschan

Zwischen Toleranz und Unterdrückung

Im mehrheitlich schiitischen Aserbaidschan leben Dutzende religiöse Minderheiten. Der Staat rühmt sich seiner Toleranz. Praktizierenden Muslimen drohen jedoch Repressalien – wenn sie den Machthabern unbequem werden. Von Klaus Heymach

Gebetsraum der Juma-Moschee in Baku; Foto: Klaus Heymach
Toleranz oder Repression: Das Verhältnis Aserbaidschans zu seinen Muslimen ist gespalten.

​​Freitagnachmittag in der Altstadt von Baku. Über den restaurierten Karawansereien scheint die Sonne hinüber zum Kaspischen Meer. Auf den Dächern der Jugendstilpaläste servieren livrierte Kellner Cappuccino und Cocktails, Geschäftsleute lassen die Woche ausklingen.

Aus den Lautsprechern der Restaurants erschallt orientalisch angehauchter Jazz. Auf den Muezzin, der von den Minaretten der alten Moscheen gerade scheppernd zum Gebet ruft, hört hier niemand. Religion spielt keine große Rolle im öffentlichen Leben von Aserbaidschan.

"96 Prozent der Aserbaidschaner sind Muslime, aber nur acht Prozent praktizieren ihre Religion", sagt Hidayat Orujov. Der Minister für religiöse Angelegenheiten hat sein Büro mitten in der geschäftigen Altstadt.

Hier wird auch am Freitag gearbeitet, der den Muslimen eigentlich heilig ist – arbeitsfrei sind in der ehemaligen Sowjetrepublik nur Samstag und Sonntag. "Ich bin als Atheist erzogen worden", sagt der 66-jährige Orujov, der heute für das Verhältnis von Religion und Staat zuständig ist. "Das war die verordnete Staatsdoktrin."

Säkular sei Aserbaidschan schon lange gewesen, religionsfeindlich aber nie, sagt Orujov: "Unser Land war schon immer sehr tolerant." In der Sowjetunion sei Aserbaidschan als die einzige Republik ohne Fälle von Antisemitismus oder Gewalt gegen andere Konfessionen bekannt gewesen. "Mit der Unabhängigkeit haben wir diese Toleranz zur Staatspolitik gemacht."

Außenansicht der Juma-Moschee in Baku; Foto: Klaus Heymach
Mehr als 1.700 Moscheen und 50 Glabensgemeinschaften: "Der aserbaidschanische Staat tut alles, um die religiöse Freiheit aller zu gewährleisten", sagt der Minister für religiöse Angelegenheiten Hidayat Orujov.

​​Habe es vor 20 Jahren nur 18 Moscheen im ganzen Land gegeben, so seien es heute mehr als 1700, sagt der Minister. Mehr als 50 Glaubensgemeinschaften seien offiziell registriert. "Der aserbaidschanische Staat tut alles, um die religiöse Freiheit aller zu gewährleisten." Baku sollte nicht nur Öl und Gas exportieren, sondern auch seine religiöse Toleranz – das Lob des ehemaligen deutschen Botschafters ist in Baku zu einem geflügelten Wort geworden.

70 Jahre Kommunismus, 20 Jahre Kapitalismus

Eine der kleinsten Gemeinden von Aserbaidschan hat ihr Gotteshaus direkt an die Hafenstraße in der Neustadt von Baku gebaut. In der Kirche der unbefleckten Empfängnis feiern die Katholiken am Sonntag ihre Messe: zuerst in der Liturgiesprache Russisch, anschließend auf Englisch – für die Familien der Asiaten, Südamerikaner und Europäer, die hier im Ölgeschäft oder in den Botschaften arbeiten. Kaum mehr als 300 Aserbaidschaner sind katholisch. Doch bei den Messen auf Englisch sei die Kirche immer voll, sagt Pater Vladimir Fekete.

Als Andersgläubiger stoße er auf wohlwollende Offenheit, sagt Fekete, der das priesterliche Collarhemd nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch auf der Straße trägt. "Ich habe noch niemanden getroffen, der fremde Religionen – oder Religion überhaupt – strikt ablehnt. Aber es ist nicht zu übersehen, dass die religiöse Praxis fehlt, das Gebet, die Kirche", räumt der gebürtige Slowake ein. "Das sind die Folgen von 70 Jahren Kommunismus und 20 Jahren Kapitalismus."

​​Die Glaubensfreiheit sei nicht so ausgeprägt wie in Europa, sagt Fekete. So fehle seiner kleinen Gemeinde noch immer die offizielle Registrierung beim Ministerium, und mancher Sekte werde die Anerkennung dauerhaft verweigert. "Aber für ihre Verhältnisse sind die Aserbaidschaner sehr tolerant." Kein Vergleich mit streng muslimischen Ländern wie dem benachbarten Iran, sagt Fekete.

Personenkult um Alijev

Dabei ist Aserbaidschan – rein konfessionell betrachtet – Teil des schiitischen Halbmondes. Neun von zehn Muslimen hier bekennen sich zur Zwölferschia. Den Süden Aserbaidschans verbindet eine mehr als 500 Kilometer lange Grenze mit den von mehreren Millionen ethnischen Aseri besiedelten Nordprovinzen Irans, die Ost- und Westaserbaidschan heißen.

Doch die beherrschende Rolle des Islams und der virulente Antiamerikanismus der südlichen Nachbarn sind den Aserbaidschanern trotz der Jahrhunderte alten gemeinsamen Wurzeln suspekt. Vor einer Islamisierung und Radikalisierung der eigenen Bevölkerung haben die Machthaber in Baku Angst – sei es durch den Einfluss aus dem Iran oder das zunehmende Wirken sunnitischer Fundamentalisten in der islamischen Welt.

Plakat des ehemaligen präsidenten Haidar Alijev über einer Straßenunterführung in Baku; Foto: Klaus Heymach
Angst vor einer Islamisierung der Gesellschaft: Neben dem Personenkult um den verstorbenen Präsidenten Haidar Alijev duldet die Regierung keine anderen Ideologien, schreibt Klaus Heymach.

​​Denn für eine Renaissance der Religion, einen politischen Islam gar, scheint neben dem Personenkult um den verstorbenen Präsidenten Haidar Alijev gar kein Platz. Vom Marktplatz in der Provinz bis zum internationalen Flughafen in Baku tragen alle wichtigen Orte und Einrichtungen den Namen des über Jahrzehnte wichtigsten Politikers in der südkaukasischen Republik. Fassaden und Straßen sind geschmückt mit seinen Aphorismen.

Alijev stand schon 1969 an der Spitze des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, kurz vor seinem Tod 2003 inthronisierte er seinen Sohn Ilham als Nachfolger im Präsidentenamt.

Vergangenes Jahr ließ der Staatschef in einem umstrittenen Referendum eine Klausel aus der Verfassung streichen, die die Zahl seiner möglichen Amtszeiten begrenzt hatte. Im gleichen Jahr ließ er die Vorschriften für die Registrierung religiöser Gemeinden verschärfen. Weil sie angeblich keine ordnungsgemäße Anmeldung vorweisen konnten, gegen Baurecht verstießen oder saniert werden sollten, wurden mehrere Moscheen in Baku geschlossen – darunter Gebetshäuser, die mit türkischem oder saudi-arabischem Geld gebaut worden waren.

Religionsminister Orujov betont, für die Schließungen habe es keinerlei politischen Gründe gegeben – sagt aber zugleich, Aserbaidschan akzeptiere keine "Einmischung ausländischer Mächte".

Angst vor Moscheen

"Der Staat scheint regelrechte Angst vor Moscheen bekommen zu haben", sagt dagegen Ilgar Ibrahimoglu. Bis zur Sanierung der Juma-Moschee predigte der junge Imam in dem eklektizistischen Altstadt-Bauwerk. Doch die vorübergehende Schließung des Gotteshauses nutzten die Behören vor sechs Jahren, um den Regierungskritiker samt seiner Gemeinde kurzerhand vor die Tür zu setzen.

Seitdem trifft sich die Gemeinde im Hinterhof eines Geschäftsviertels – jedoch nicht nur zum Beten. Der 34-jährige Ibrahimoglu gibt auch eine Zeitung heraus, unterrichtet Philosophie und ist in mehreren Organisationen für Religions- und Meinungsfreiheit aktiv.

Betender Muslim in der Juma-Moschee in Baku; Foto: Klaus Heymach
"Der Staat scheint regelrechte Angst vor Moscheen bekommen zu haben", beklagt der Imam der Juma-Moschee, Ilgar Ibrahimoglu.

​​"Gemeinden, die sich nicht mit der Regierung anlegen, haben keine Probleme", sagt Ibrahimoglu. "Wer dagegen anders denkt, dem geht es an den Kragen." Der streitbare Imam verfiel in Ungnade, als er nach der von Betrugsvorwürfen überschatteten Alijev-Wahl 2003 zu Protesten aufrief. "Gläubigen, selbstbewussten Muslimen geht es wie allen Vertretern der Zivilgesellschaft", ist Ibrahimoglu überzeugt. "Das wird nicht gern gesehen."

Der Imam selbst hat enge Kontakte zur Szene der Menschenrechtsaktivisten in Baku und setzt sich für inhaftierte Blogger und von der Schließung bedrohte Zeitungen ein. "Unser Religionsverständnis beschränkt sich nicht darauf, zu beten und zu fasten", sagt Ibrahimoglu. "Wir setzen uns auch für die Annäherung an Europa ein und protestieren gegen Polizeigewalt. Wir machen unsere Agenda selbst. Das verunsichert die Staatsgewalt."

Klaus Heymach

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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