Dabei sind die tunesischen Gefängnisse bereits heute hoffnungslos überfüllt. Der Zustrom von Hunderten neuer Häftlinge mit langjährigen Strafen würde das System überfordern und die Verbreitung extremistischer Ideologien unter bisher ideologisch nicht indoktrinierten Straftätern fördern. "Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass im Gefängnis auf jeden inhaftierten [Extremisten] zehn neue hinzukommen; besonders wenn sie mit Häftlingen zusammen sind, die wegen Verbrechen gegen den Staat verurteilt wurden", erklärt ein zivilgesellschaftlicher Aktivist und Forscher.

Stärkere Differenzierung nötig

In Anbetracht dieser Schwierigkeiten scheint die Regierung mittlerweile eine gewisse Flexibilität an den Tag zu legen. Rückkehrer, die im Ausland keine Gewaltakte begangen haben, werden unter Hausarrest gestellt und müssen sich lediglich regelmäßig bei den örtlichen Behörden melden. Die Erkenntnis, dass ein differenzierter Ansatz erforderlich ist, fand auch in einigen Arbeitsgruppen der Regierung ihren Niederschlag, darunter in der "Nationalen Kommission für die Terrorismusbekämpfung".

In Anbetracht des weiterhin fehlenden politischen Willens scheuen die Verantwortlichen jedoch davor zurück, sich für eine konstruktivere und offenere Debatte über den Reintegrationsprozess einzusetzen. Die übergeordnete Strategie der Regierung erscheint vielen noch unklar. Zudem hat sie offenbar noch nicht hinreichend erkannt, wie wichtig eine Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften ist, in die die betroffenen Personen zurückkehren sollen.

Die Einrichtung eines lokalen Unterstützungssystems für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder psychologischen Bedürfnisse der Rückkehrer ist ein wesentlicher Bestandteil der Rückfallprävention. Denn Rückkehrer, die abgelehnt und gesellschaftlich isoliert werden, neigen eher dazu, sich ihren ehemaligen extremistischen Weggefährten wieder anzuschließen.

Befragung von Fundamentalisten gibt Einblicke

Daten aus einer aktuellen Studie des "International Center for Religion and Diplomacy" (ICRD) und des "Center for the Study of Islam and Democracy" (CSID) zeigen, wie sich dieses Thema auf lokaler Ebene angehen lässt. Die Forscher befragten 139 fundamentalistische religiöse Akteure (darunter Imame, Studenten und Freiwillige religiöser Vereinigungen) aus Tunis, Sousse, Bizerte, Kasserine und Ben Guerdane.

Die Fragen bezogen sich auf ein weites Spektrum von Themen im Zusammenhang mit dem Vorgehen gegen gewalttätigen Extremismus, darunter auch die Wiedereingliederung ausländischer Kämpfer. Das Wissen und die Glaubwürdigkeit der Befragten können dazu eingebracht werden, die Reintegration der Rückkehrer zu unterstützen und Wege zur Lösung der Probleme auf lokaler Ebene zu finden.

Nur sehr wenige dieser fundamentalistischen religiösen Akteure (etwa 10 Prozent) waren bereits mit bestehenden Programmen zur Reintegration von Angehörigen extremistischer Gruppen vertraut. Eine Mehrheit (79 Prozent) war der Meinung, es gebe einen Bedarf an Reintegrationsprogrammen. 91 Prozent gaben an, ein solches Programm unterstützen zu wollen, sollte es in ihrer Gemeinde umgesetzt werden. Dieses Stimmungsbild ist nicht unbedingt repräsentativ für die gesamte Gemeinschaft, da sich die Studie ausschließlich auf religiöse Akteure konzentriert. Doch sie lässt darauf schließen, dass Reintegrationsprogramme im religiösen Sektor eine gewisse Unterstützung finden könnten.

Allerdings glaubten nur 44 Prozent der Befragten daran, dass andere Verantwortliche in ihrer Gemeinde solche Programme unterstützen würden. Zwar gibt es lautstarke Gegner einer Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft, aber noch ist unklar, wie die allgemeine Öffentlichkeit dazu steht.

Vernetzte Gemeinschaften von zentraler Bedeutung

Der Aufbau vernetzter Gemeinschaften zur Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus könnte den tunesischen Behörden dabei helfen, eine ganzheitliche und langfristige Strategie zur Reintegration zurückkehrender Kämpfer zu entwickeln. Bezeichnenderweise sprachen sich nur 46 Prozent der Befragten dafür aus, ein mögliches Reintegrationsprogramm in die Hände der Regierung, der Sicherheitskräfte oder anderer staatlicher Akteure zu legen.

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