Reformdenker Mohammed Arkoun

Ein moderner Kritiker der islamischen Vernunft

Das Denken des Algeriers Mohammed Arkoun fand bisher kaum Eingang in den intellektuellen Diskurs in Deutschland. Die Dissertation "Mohammed Arkoun - Ein moderner Kritiker der islamischen Vernunft" von Ursula Günther versucht diese Lücke zu schließen.

 

Mohammed Arkoun - ein Grenzgänger zwischen den Kulturen und Geistestraditionen von Orient und Okzident, Foto: dpa
Mohammed Arkoun - ein Grenzgänger zwischen den Kulturen und Geistestraditionen von Orient und Okzident

​​Warum wurde Mohammed Arkoun von der deutschen Orientalistik und Islamwissenschaft bislang wenig beachtet, obwohl er zu den bedeutendsten modernen Denkern der islamischen Welt gehört? Mit dieser Frage setzt sich Ursula Günther im Vorwort ihres Buches auseinander und kritisiert dadurch indirekt die Orientalistik und insbesondere die Islamwissenschaft in Deutschland.

Beschäftigt sich die deutsche Orientalistik heute mit dem Islam und der islamischen Welt, so steht Ägypten im Mittelpunkt des Interesses, das aufgrund seines Einflusses auf Kunst und Kultur als wichtigstes Land der arabischen Welt gilt. Der Maghreb mit seiner wichtigen Rolle im intellektuellen und kulturellen Diskurs der heutigen arabischen Welt wird dagegen meist vernachlässigt. Daher sind viele herausragende Denker aus dieser Region in Deutschland bislang unbeachtet geblieben.

Das Hauptaugenmerk der deutschen Orientalistik und Islamwissenschaft richtet sich zudem auf Veröffentlichungen in arabischer Sprache. Arkoun schreibt jedoch auf Französisch - auch das ein Grund, warum seinen Veröffentlichungen in Deutschland bislang wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Zudem ist die Islam- und Orientalistikforschung in Deutschland klassisch geprägt - im Gegensatz zum frankophonen und anglo-amerikanischen Sprachraum. Dies betrifft insbesondere die Forschung in Bezug auf die Zeit nach dem Kolonialismus und das Aufbrechen religiöser Tabus.

Schließlich nimmt auch die arabische Welt selbst diesen außergewöhnlichen Denker der gegenwärtigen islamischen Kultur bislang nicht zur Kenntnis. Ohne die unermüdlichen Anstrengungen des Wissenschaftlers Haschem Saleh und seiner Übersetzungen wäre Mohammed Arkoun bei den arabischen Kultureliten, die keinen Zugang zur französischen Sprache haben, immer noch unbekannt.

Aufgrund seiner provokativen Gedanken stößt er dort jedoch auf Widerstand. Mit ihrem Buch unterstreicht Ursula Günther dagegen die Bedeutung Arkouns, der in der "Oxford Encyclopedia of the Modern Islamic World" als einer der wichtigsten modernen islamischen Denker bezeichnet wird.

Seine Bedeutung besteht für Günther vor allem darin, dass er Erkenntnisse und Methoden der modernen Sozial- und Geisteswissenschaften auf seine Analyse des Islam anwendet. So lässt er Strukturalismus, Semiotik, strukturale Anthropologie, Diskursanalyse und Poststrukturalismus in die Entwicklung seiner eigenen Theorie über den Islam und die islamische Vernunft einfließen.

Entscheidend ist für Günther weiterhin, dass Arkoun seit langer Zeit in Frankreich lebt und so Orient und Okzident in seiner Person vereint. Aufgrund seiner Kenntnisse über die westliche Orientalistik und Islamwissenschaft einerseits und die islamische Forschung und orientalische Sicht auf den Westen andererseits, etwa der Hassan Hanafis, ist er in der Lage, beide Seiten kritisch zu betrachten und sich nicht auf die einseitigen Sichtweisen einzulassen, die einen Großteil der westlichen und islamischen Forschungen und Veröffentlichungen beherrschen.

Entsprechend kann die "Kritik" als Dreh- und Angelpunkt des Denkens Arkouns bezeichnet werden. Sein zentrales Anliegen - die Kritik an der islamischen Vernunft - kommt in all seinen Veröffentlichungen und Interviews zum Tragen, insbesondere in seinem Buch "Pour une critique de la raison islamique".

Zur Biographie Arkouns

Mohammed Arkoun wird 1928 in Taourit Mimoun in der Großen Kabylei in Algerien als Sohn einer Berberfamilie geboren und zieht im Alter von neun Jahren mit seinem Vater in ein wohlhabendes Dorf bei Oran, in dem französische Siedler leben. Dieser Ortswechsel ist ein Schock für Arkoun. Es wird ihm bewusst, dass er als Berber einer Minderheit angehört und nicht den Status und die Rechte der Araber besitzt. Auch muss er nun Arabisch und Französisch erlernen, um sich verständigen zu können.

Durch seinen Onkel, der dem mystischen Islam sehr verbunden ist und der ihm eine gute Ausbildung verschafft, wird Arkoun stark beeinflusst. So erklären sich Arkouns Verständnis vom Einfluss der Religion auf die Menschen und seine Kenntnisse und Erfahrungen in Bezug auf den Volksislam und den Sufismus.

Einerseits macht der Onkel ihn mit den Grundlagen des Korans und des Islam vertraut, andererseits begleitet er ihn und seinen Vater zu den religiösen Versammlungen, die Bestandteil des dörflichen Alltags sind. Die finanzielle Lage der Familie erlaubt es Arkoun jedoch nicht, seine schulische Ausbildung in der Hauptstadt fortzusetzen.

So besucht er von 1941 bis 1945 zunächst eine Schule im Nachbarort, die von Mönchen geleitet wird. Diese Zeit beschreibt Arkoun als Entdeckung der lateinischen Kultur und Literatur, in der er die Kirchenväter Augustinus, Cyprianus, Tertullian und christlichen Werte, insbesondere die Nächstenliebe, kennen lernt.

Von 1950 bis 1954 studiert er in Algier arabische Literatur, er beschäftigt sich jedoch auch mit Jura, Philosophie, Geografie und besonders mit arabischer Philosophie - in der Hoffnung, in Paris studieren zu können. Mitte der Fünfzigerjahre schreibt sich Arkoun an der Sorbonne ein. In dieser Zeit des "Aufbruchs" beschäftigt er sich wie viele andere seiner Generation mit den Interessen der Dritten Welt, der Suche nach einem "Dritten Weg" und dem wachsenden politischen Bewusstsein dieser Länder, beeinflusst durch die Schriften Frantz Fanons. Die Befreiung Algeriens und die Regierung Boumédiennes bereitet den Hoffnungen Arkouns und seiner Generation jedoch ein jähes Ende.

Auch die Folgezeit in Frankreich gestaltet sich schwierig für Arkoun. Wie andere muslimische Intellektuelle, die sich die europäischen Methoden der Wissenschaft angeeignet haben, ist er in Europa unerwünscht. Er gilt als jemand, der die europäische Moderne ablehnt und Europa feindlich gegenüber steht. In seiner Heimat ist er ebenfalls nicht erwünscht, da er als Vertreter des imperialistischen Westens und der europäischen Kultur, ihrer Methoden und ihrer liberalen und feindseligen Publikationen gilt.

1971 erhält Arkoun an der Sorbonne eine Anstellung als Professor für "Islamische Ideengeschichte" und ist seit 1993 Gastprofessor an zahlreichen Universitäten und Forschungsinstituten, vor allem am "Institute of Ismaili Studies" in London. 1999 schließlich gründet er in Paris das "Institut d'Études des Sociétés Musulmanes", für das er sich bereits seit 1970 eingesetzt hatte.

Arkouns Kritik der islamischen Vernunft

Nach Arkoun hat die Entwicklung des islamischen Denkens seit dem 13. Jahrhundert zu einer Inflation von Dingen geführt, über die zu denken unmöglich ist. Das heutige Ergebnis seien erstarrtes Denken und festgefahrene Überzeugungen, die eine Kritik notwendig machten.

In seinem zentralen Werk "Pour une critique de la raison islamique" versucht Arkoun daher, die islamische Legitimation durch seine eigene Quellendeutung aufzubrechen. Er stützt sich dabei auf die Wurzeln der Religion und der islamischen Rechtsprechung, deren Gesetze in Bezug auf Analyse, Interpretation, Forschung und Deduktion bis heute trotz der veränderten historischen und gesellschaftlichen Tatsachen als unfehlbar und unantastbar angesehen werden.

Arkoun negiert diese Gesetzgebung jedoch nicht, sondern er strebt nach einer modernen Auslegung, für die er zwei dringliche Notwendigkeiten sieht: Die Kompensation des Vakuums in Führung und Legitimation der Nationalstaaten, die nach der Unabhängigkeit gegründet wurden einerseits, und die Bekämpfung des Bevölkerungswachstums andererseits, das nach Arkoun einhergehe mit politischer Romantik und Gesetzen, die Arbeitslosigkeit, Frustration, Armut und die Entstehung sozialer Randgruppen begünstigten.

Nach Ansicht Arkouns greifen die Menschen in dieser Situation auf ihr kulturelles Erbe, ihre Religion und Tradition zurück, und werden dabei durch muslimische Wissenschaftler unterstützt, die nicht müde werden, das "Goldene Zeitalter" des Islam hochleben zu lassen, ohne sich mit der Zeit des "Niedergangs", die der Moderne voranging, auseinander zu setzen.

Tatsächlich sei die islamische Vernunft aber seit Jahrhunderten durch intellektuelle Ohnmacht, schablonenhaftes Denken und Trägheit bestimmt, die letztlich zu einer Abschaffung jeglicher Freiräume für Kritik geführt hätten. Mit seiner "Kritik an der islamischen Vernunft" verfolgt Arkoun schließlich das Ziel, den Islam mutig und kompromisslos auf alle fehlerhaften Erkenntnisse, Legenden, Parolen und Visionen zu untersuchen, ohne dabei herablassend zu sein. Aufgrund dieser Analyse könne eine Synthese erfolgen, die ein alternatives Denken im Gegensatz zum bisherigen islamischen Denken möglich mache.

Burhan Schawi

Aus dem Arabischen von Helene Adjouri (gekürzt)

© Qantara.de 2005

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