Rede von Papst Benedikt XVI.

Wissenschaftskritik aus theologischer Perspektive

Bei genauer Lektüre der Regensburger Papst-Rede zeigt sich, was Katholiken und Muslime gemeinsam teilen: nämlich die Vorstellung, dass die moderne Wissenschaft dem Glauben mehr Platz einräumen müsste, schreibt Ehsan Masood.

Kreuz und Halbmond; Foto: AP
Muslime stimmen mit Papst Benedikt auch darin überein, dass es durchaus erstrebenswert sei, mit Hilfe der Vernunft zu einem Verständnis Gottes und der Schöpfung zu gelangen, schreibt Ehsan Masood

​​Die Regensburger Papstrede rechtfertigt den europäischen Katholizismus als einen Glauben, der auf Prinzipien der Vernunft basiert. Eine Vernunft freilich, die nicht rein rationaler, sondern auch religiöser Natur ist.

Ganz im Geiste dieses Anliegens übt Benedikt scharfe Kritik: einerseits am Islam, den er als grundsätzlich irrationalen Glauben betrachtet, andererseits aber auch an einem Christentum, das den eigenen Glauben nur noch als ethisch-moralische Richtschnur begreift, jenseits von Religionsausübung und theologischer Lehre.

Kritik am Verhältnis Wissenschaft und Glauben

Tatsächlich lässt die Papstrede alle Fakten außen vor, die dazu angetan wären, diese Argumentation zu schwächen. Doch darum geht es eigentlich gar nicht – die Hauptintention der Rede ist vielmehr eine Kritik an dem derzeitigen Verhältnis von Wissenschaft und Glauben. Und diese Kritik richtet sich in erster Linie weder an Muslime noch an Christen, sondern an die nicht-religiösen Vertreter der Wissenschaftsgemeinschaft.

Ironischerweise werden viele, wenn nicht gar die meisten Muslime dem Papst mit seiner Meinung zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion durchaus zustimmen. Doch wie sieht diese Meinung aus?

Papst Benedikt stellt den derzeitigen Konsens unter Wissenschaftlern infrage, demzufolge das wissenschaftliche Vorgehen der Bildung von Hypothesen, die sich im nächsten Schritt experimentell bestätigen müssen, ungeeignet zur Erforschung alles Nicht-Messbaren ist. Also auch zur Beantwortung der Frage nach der Existenz Gottes.

Für die meisten Wissenschaftler, die sich der rationalistischen Tradition zugehörig fühlen, ist die Existenz Gottes eine Glaubensfrage, man kann sie weder beweisen noch widerlegen. Viele Wissenschaftler sind Gläubige, manche sind es nicht.

Von einigen bekannten Ausnahmen abgesehen, verfahren beide Seiten nach dem Motto "Leben und leben lassen". Den Gläubigen unter den Wissenschaftlern ist nämlich eines durchaus bewusst: Wenn die Existenz Gottes zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung würde, so müssten sie die Möglichkeit zulassen, dass es Gott nicht gibt. Da dies für einen Gläubigen nicht akzeptabel sein kann, lässt man die Frage am besten ruhen.

Dominanz des Empirismus

Für Papst Benedikt kommt diese Haltung jedoch einem Ausweichen gleich. Dass Wissenschaftler unter sich abgemacht haben, bestimmte Fragen seien der Erörterung nicht wert, hält er für eine fragwürdige "Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare".

Er zeigt sich besorgt über diese zunehmende Vorherrschaft des Empirismus und darüber, dass diese Art der Weltwahrnehmung mehr und mehr auch in geistes- und kulturwissenschaftliche Bereiche eindringt, in die Geschichtswissenschaft, die Philosophie und die Soziologie.

Wenn nur noch empirisches Wissen wissenswert ist, dann bleiben Theologie und Spiritualität als Quellen der Erkenntnis automatisch außen vor. Diese Tendenz betrachtet Benedikt als gefährlich. "Von den tief religiösen Kulturen der Welt wird dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen", heißt es in der Rede.

Ironischerweise könnte die jüngste Papstrede genauso gut von einem Muslim verfasst worden sein, denn sie stimmt mit der vorherrschenden muslimischen Sichtweise auf Wissenschaft und Religion ganz und gar überein.

Gemeinsamkeiten von Katholiken und Muslimen

Viele Muslime meinen, dass der Glaube einen integralen Bestandteil von Vernunft und Wissen bilden sollte. Auch sind sie der Ansicht, dass ethische und moralische Grundsätze sich gleichermaßen an religiösem Glauben wie an wissenschaftlicher Erkenntnis orientieren sollten.

Nicht zufällig stehen Katholiken und Muslime, etwa auch bei Debatten in den Vereinten Nationen, auf der gleichen Seite, wenn es zum Beispiel darum geht, wie der Verbreitung von Aids entgegengewirkt werden kann.

Und schließlich stimmen sie mit Papst Benedikt auch darin überein, dass es durchaus erstrebenswert sei, mit Hilfe der Vernunft zu einem Verständnis Gottes und der Schöpfung zu gelangen.

Papst Benedikt hat wohlweislich sein Bedauern darüber ausgesprochen, dass seine Rede so viel Anstoß erregt hat. Für deren Inhalt entschuldigen mochte er sich nicht. Das hätte auch wenig Sinn ergeben, denn seine Kritik zielte auf die Wissenschaftsgläubigkeit ab, nicht auf den Glauben des Islam.

Verwirrenderweise hat er seine Rede im Nachhinein als Aufruf zum interkulturellen Dialog zu rechtfertigen versucht, während sie in Wirklichkeit zum Dialog zwischen Wissenschaft und Glaube aufrief. Aber schließen wir dieses Kapitel besser. Hätten die Führer der muslimischen Staaten und die Medien den Text seiner Rede gründlicher gelesen, wären uns die unglücklichen Ereignisse der letzten Wochen womöglich erspart geblieben.

Ehsan Masood

Übersetzung aus dem Englischen von Ilja Braun

© OpenDemocracy 2006

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