Rechte von Menschen mit Behinderungen in Tunesien

Der lange Weg der Inklusion

Das richtige Gespür spielt im Leben von Yassine Rihani eine entscheidende Rolle. Der 34-jährige Tunesier verlor 2006 sein Augenlicht, seitdem arbeitet er als Physiotherapeut. Auch als Aktivist erkennt er die neuralgischen Punkte: In Tunesien engagiert er sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Von Wolfgang Kuhnle

Bei seiner Arbeit an der Universitätsklinik Charles-Nicolle in Tunis liegt Yassine nicht nur das Wohl seiner Patienten am Herzen. In seiner Freizeit engagiert er sich auch für die Stärkung der Rechte von Menschen mit Behinderung. Nach jahrelanger Tätigkeit als Präsident der regionalen Blindenunion in Tunis widmet Yassine seine Aufmerksamkeit nun der Inklusion sehbehinderter Mitmenschen in der Nationalbibliothek des Landes.

Um neue Anwendungsmethoden der Physiotherapie kennenzulernen und mehr über den Umgang mit Menschen mit Behinderungen zu erfahren, bewarb sich Yassine Ende 2016 für ein Stipendium des CrossCulture Programms. Dadurch erhofft er sich frische Impulse für seine Arbeit als Menschenrechtler.

Während seines Aufenthalts in Deutschland verbrachte Yassine die meiste Zeit an der Berufsfachschule für Physiotherapie in Nürnberg. Sie ist Teil des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte und ermöglicht jungen Menschen eine dreijährige Berufsausbildung um später in Praxen, Kliniken oder als selbstständige Physiotherapeuten zu arbeiten.

"Viele blinde Menschen verfügen über einen ungemein ausgeprägten Tastsinn", erklärt Gertraud Luce-Wunderle, Ärztin und Lehrerin an der Berufsfachschule. Daher liege eine Ausbildung zum Physiotherapeuten häufig nahe. "Herr Rihani ist hier keine Ausnahme. Das Zusammenspiel seiner Hände mit dem Körper der Patienten haben mich sehr beeindruckt."

Normal ist, dass Unterschiede vorhanden sind

"Inklusion ist bei uns keine Einbahnstraße", erklärt Karin Gätschenberger-Bahler auf dem Weg über den Campus des Bildungszentrums. Der stellvertretenden Schulleiterin ist dieser Aspekt besonders wichtig, denn der Begriff der Inklusion gehöre inzwischen zum guten Ton jeder Bildungseinrichtung. In der Berufsfachschule für Physiotherapie sind nicht nur Sehbehinderte und Blinde willkommen, sondern auch normalsichtige Schüler, die eine Ausbildung beginnen möchten.

Hilfsmittel zum bestimmen von Wertbeträgen von Geldscheinen (Foto: Kuhnle/ifa
Im Reha-Bereich des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte werden blinde und hochgradig sehbehinderte Schüler und Schülerinnen individuell gefördert. Dort lernen Sie beispielsweise (Foto) , Wertbeträge von Geldscheinen mit einfachen Hilfsmitteln zu bestimmen. So simpel wie exakt: Unterschiedlich große Banknoten, die in eine Schablone eingelegt und umgeklappt werden, geben mittels Punktschrift Aufschluss über deren Wert.

Dadurch, so Gätschenberger-Bahler, entstehe eine Lernatmosphäre, in der Gleichberechtigung und Wertschätzung keine Floskeln sind, sondern Teil der täglichen Arbeit. "Wir sind stolz darauf, dass wir alle ausgebildeten Berufsfachschüler anschließend auch im Arbeitsmarkt integrieren können", sagt die stellvertretende Schulleiterin. Denn nur ein festes Arbeitsverhältnis ermögliche eine aktive gesellschaftliche Teilhabe.

In Nürnberg sammelte Yassine Anregungen und gewann neuen Optimismus für sein ehrenamtliches Engagement in Tunesien. Dieser Enthusiasmus ist jetzt besonders wichtig, denn der Moment ist günstig. Im postrevolutionären Tunesien ist vieles möglich, was noch vor sieben Jahren undenkbar war. "Das alte Regime war nicht daran interessiert, über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu diskutieren. Menschrechte, ganz gleich für wen, standen grundsätzlich nicht besonders hoch im Kurs", erinnert sich Yassine an das vorrevolutionäre und autokratisch regierte Tunesien unter Machthaber Zine el-Abidine Ben Ali.

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