Reality-Drama "Aligarh"

Vom zähen Kampf mit Indiens homophoben Tugendwächtern

Ein Film über das Schicksal eines schwulen Professors an der renommierten Aligarh-Universität zeigt Indiens schwieriges Verhältnis zur Homosexualität. Marian Brehmer hat den Film gesehen.

Hin und wieder spuckt die riesige Unterhaltungsmaschinerie Bollywood, in der jährlich mehr als 1.000 Streifen entstehen, beachtenswerte Filme aus. In diese Kategorie fällt auch das Reality-Drama "Aligarh", das die tragische Geschichte des homosexuellen Linguisten Shrinivas Ramchandra Siras erzählt.

Der Film erzählt die wahre Geschichte eines Professors an der "Aligarh Muslim University" (AMU), der angesehensten islamischen Bildungsinstutition Indiens. Siras, der am Institut für moderne indische Sprachen den Marathi-Lehrstuhl besetzt, wird im Februar 2010 in seiner Wohnung von zwei Eindringlingen beim Sex mit einem Rikschafahrer gefilmt und zusammengeschlagen. 

Die Geschichte gelangt an die Medien und führt zu Aufruhr und Straßenprotesten in Aligarh. Daraufhin wird Siras aufgrund von "grobem Fehlverhalten" vom Dienst suspendiert. Zwei Monate nach dem Vorfall stirbt Siras unter ungeklärten Umständen, nur wenige Tage nachdem ein Gerichtsentscheid die AMU verpflichtet hatte, den Professor wieder einzustellen.

Das Unbehagen der Gelehrten

Großer Stoff für einen Film, der im Umfeld jener Universität spielt, die eng mit den islamischen Reformbewegungen auf dem Subkontinent verbunden ist. Als Schmiede muslimischer Freiheitskämpfer spielte die "Aligarh Muslim University" eine wichtige Rolle während der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Noch heute ist die nordindische Hochschule für die rund 180 Millionen indischen Muslime als politisches Symbol sowie als religiöse Autoritätsstelle von Bedeutung.

Umso größer war das Unbehagen der Universitätsleitung nach Erscheinen des Films. In Aligarh premierte der Film zwar zunächst im Kino, wurde dann jedoch aus Angst vor Drohungen nach der ersten Vorstellung ausgesetzt. Die Bürgermeisterin aus Algahr, die der Regierungspartei BJP angehört, unterstützte Forderungen nach einem Verbot mit der Begründung, der Film würde ihre Stadt diffamieren.

Indische Filmkritiker hingegen lobten das Einfühlungsvermögen, mit dem sich Regisseur Hansal Mehta dem in Indien empfindlichen Thema nähert, ohne dabei Klischees zu bedienen. Dem Regisseur gelingt im Film eine hervorragende Charakterdarstellung, die die Qualen des 64-jährigen Professors in einer weitestgehend homosexuellen-feindlichen Gesellschaft deutlich macht.

Kriminalisierte Homosexualität

In den Wochen vor seinem mysteriösen Tod versucht Siras, die ständige Angst und Depressionen in Alkohol zu ertränken. Siras, ein bekannter Dichter in der Regionalsprache Marathi, lebt in einer Welt von Versen und alten Filmsongs, die sich wie ein tragischer Soundtrack über die Einsamkeit des Protagonisten legen. Nach dem Eklat, der sein Leben erschüttert, nimmt der Professor den Kampf gegen die Verletzung seiner Menschenwürde auf, wird jedoch dabei zermürbt vom Widerstand der selbsterklärten Moralritter in Aligarh.

Der Film zeigt eine verstörende Realität: Das Zersetzen der Privatsphäre eines Individuums im Namen der vermeintlichen gesellschaftlichen Moral wird von der Universitätsleitung hingenommen. "Als wenn Siras Schwulsein eine Bedrohung für die paranoiden Normen der hypermaskulinen, heterosexuellen Brigaden sei", kritisiert der Schriftsteller Manash Bhattacharjee in einem Kommentar zu Indiens Umgang mit dem Thema Homosexualität

Artikel 377 im indischen Strafgesetzbuch, der Homosexualität kriminalisiert, ist in den letzten Jahren immer wieder neu verhandelt worden. Der Abschnitt geht auf den britischen Kolonialismus zurück und wurde 1860 nach viktorianischem Vorbild verfasst. Heute gibt der Artikel den religiösen Empfindlichkeiten, sowohl von Hindus als auch Muslimen, eine Grundlage, um Homosexualität als "unmoralisch" zu brandmarken.

Siras und sein Liebhaber machen ein Foto:urbanasian.files.wordpress.com
Schwulsein als gesellschaftliches Tabu: Nur gelegentlich tauchen homosexuelle Protagonisten auch in Bollywoodfilmproduktionen auf. Bis auf ein paar Ausnahmen reproduzieren diese jedoch häufig gängige homophobe Klischees. In "Alghir" gelingt dem Regisseur eine realitätsnahe Darstellung der sozialen Repressionen gegen Homosexuelle in Indien.

Sensibilisierung für ein Tabu

Das sei schlichtweg Ironie, meint Bhattacharjee, sei doch Indien bekannt für seine reiche homosexuell gefärbte Dichtung und lange Transgender-Kultur. Prominente und NGOs haben in vergangen Jahren immer wieder die Abschaffung des Artikels gefordert. 2009 entkriminalisierte der Hohe Gerichtshof Delhi den Artikel, was jedoch 2013 von einer Entscheidung des Obersten Gericht Indiens wieder entkräftet wurde.

Die Anzahl der Gay Pride-Paraden in Indien hat in den letzten Jahren exponentiell zugenommen. Auch wenn vor der TV-Ausstrahlung von "Aligarh" kräftig geschnitten und selbst das Wort "homosexuell" zensiert wurde, hat der Film das Thema erneut auf den Plan gebracht. Denn trotz der Zensur spräche der Film genügend für sich, ließ der Regisseur Hansal Mehta wissen.

In einer Kinokultur, in der Kussszenen als skandalös gelten, ist die Zensur also nichts Weltbewegendes. Wichtiger scheint der Beitrag, den "Aligarh" zur Sensibilisierung des indischen Publikums für das Thema Homosexualität geleistet hat. Viele Studenten der AMU, heißt es in einem Online-Bericht, hätten sich "Aligarh" nach dem Filmverbot einfach in Nachbarstädten angeschaut.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2017 

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