Rap aus Gaza

Worte statt Steine

PR – Palestinian Rappers – nennen sie sich: zwei junge Palästinenser aus Gaza, die den Widerstand gegen die israelische Besatzung mit musikalischen Waffen führen wollen. Peter Schäfer hat sie getroffen.

CD-Cover, arabrap.net
Die Rapper wollen auch ein differenzierteres Bild von Palästina vermitteln.

​​Nachdem er von einem israelischen Soldaten angeschossen worden war, entschloss sich der junge Palästinenser Muhammad al-Fara, sich mit Rap statt mit Steinen gegen die Besatzung zu engagieren. Doch in der durch Gewalterfahrungen und Trauer verbitterten Gesellschaft tut man sich schwer mit dieser musikalischen Form des Widerstands. Khan Junis. Das ist Elend, Arbeitslosigkeit und Tristesse. Im Süden und Osten begrenzt von Todesstreifen. Im Westen versperrt der israelische Siedlungsblock Gush Katif den Zugang zum Meer. Und die Strasse nach Norden, die nach Gaza-Stadt führt, wird regelmäßig abgeriegelt.

Die israelische Armee wagt sich nur mit Panzerunterstützung in die Stadt und das angeschlossene Flüchtlingslager. Der Wille der Bewohner, ihr Land zu verteidigen, ist gross. Das Strassenbild bestimmen fliegende Händler und eine islamische Kleiderordnung. Wer hier aufwächst, muss sich einordnen und schon früh Verantwortung für die Familie übernehmen. Die palästinensische Autonomiebehörde ist hier im Süden des Gazastreifens schwach, die Menschen bleiben sich selbst überlassen. Aus diesem Umfeld auszubrechen, ist in jeder Hinsicht kaum möglich.

Keimzelle des palästinensischen Hip-Hop

Aber Muhammad al-Fara (19) und Nadir Abu Ayish (21) fallen auf. Muhammad trägt Sonnenbrille, einen modischen schwarzen Jogging-Anzug und neue Turnschuhe. Und Nadir hat eine quietschbunte Jacke an. Man dreht sich nach den beiden um. So sieht sie aus, die Keimzelle des palästinensischen Hip-Hop aus dem Gazastreifen: P. R., die Palestinian Rappers. Über die Frage nach Konzerten in Khan Junis lachen sie. Das lasse die Gesellschaft nicht zu.

"Viele Fans haben wir in Khan Junis sowieso nicht", sagt Muhammad, der sich auch D. R. nennt, kurz für Dynamic Rapper. "Zwanzig vielleicht. Aber in Gaza sind es mehr." In der grossen Stadt, bei freier Fahrt eine Autostunde nördlich von Khan Junis, traten sie im letzten Jahr bereits fünfmal auf. Mundpropaganda lockte Schüler und junge Studenten beider Geschlechter an. Und die waren begeistert. "Allerdings ist es auch in Gaza nicht so leicht", erklärt Nadir. "Bei einem Konzert warf jemand eine Granate auf den Konzertraum. Es hat aber hauptsächlich laut geknallt. Verletzt wurde niemand." Mitgenommen hat sie der Vorfall nicht sonderlich. Wer im Gazastreifen lebt, ist Schlimmeres gewohnt. Kämpfen mit Musik

In ihren Texten bringen P. R. insbesondere ihre Erfahrungen mit der israelischen Besatzungsmacht zur Sprache. "Wir kämpfen mit unserer Musik", erklärt Muhammad. "Einige unserer Freunde wurden bereits erschossen." Der 19-jährige Englischstudent warf auch einmal Steine auf die Panzer. "Vor vier Jahren traf mich eine Gewehrkugel in den Oberarm. Das bringt doch alles nichts. Gegen die israelische Armee kommen wir nicht an. Damals habe ich angefangen zu rappen. Und jetzt ist Rap unsere Waffe."

Seither sitzt Muhammad meist vor seinem Computer und probiert verschiedene Sounds aus. "Wir singen aber auch über andere Dinge. Ich habe ein Lied über eine unglückliche Liebe gemacht. Dann haben wir eines über das Drogenproblem. Und zum Beispiel habe ich auch ein Lied über meine Mutter geschrieben." Sozialkritik wird allerdings nicht geübt. Im Mittelpunkt steht bis anhin die israelische Besatzung. Neun Lieder hat das Duo bisher aufgenommen, in einem Studio in Gaza. CD wurden allerdings nicht produziert. "Dafür fehlte uns das Geld", sagt Nadir. "Und wie sollten wir die auch unter die Leute bringen? Es gibt ja keine Plattenläden."

So verbreiten sie ihre Lieder per E-Mail oder über Handy. Palästinensische Charts gibt es nicht. Von Auftritten im Rundfunk können Rapper höchstens träumen: Im ganzen Gazastreifen und in großen Teilen Cisjordaniens ist laute Musik oder gar dazu zu tanzen verpönt. "Kultur des Todes" nennen kritische Palästinenser diese Haltung: Solange Landsleute erschossen und verwundet werden oder im Gefängnis sitzen, soll Freude sich nicht öffentlich manifestieren. Im Gazastreifen finden mittlerweile zwar wieder große Hochzeiten statt. Zur Tanzmusik wird jedoch nicht einmal im Sitzen geklatscht. Diese Haltung verbindet die Generationen. Musik und Ausgelassenheit sind ein Angriffsziel.

Tournee mit Folgen

Da es zu Hause nicht ungehindert vorangeht, ist der ganze Stolz der Palestinian Rappers ihre Nordirland-Tour vom vergangenen März, organisiert von einem dortigen Solidaritätskomitee. Muhammad hat damals zum ersten Mal überhaupt den Gazastreifen verlassen. "Und als wir zurückkamen", lacht er, "hat uns erst einmal der palästinensische Geheimdienst vorgeladen. Sie wollten wissen, ob ich Amerikaner kenne und was ich in Irland machte." Von Rap hatten die Beamten noch nie etwas gehört. "Wir erzählten ihnen, dass wir über die Lage in Palästina singen." Als Muhammad jedoch erwähnte, dass sein Vater eine hohe Position in der palästinensischen Autonomiebehörde innehabe, machte das mehr Eindruck. "Da war die Sache auf einmal erledigt."

Gerappt wird zu selbst gebastelten fetten Beats und zu Samples klassischer arabischer Musik. So entsteht eine Mischung aus dem im Westen bekannten Rap und orientalischen Klängen. "Arabische Pop-Musik ist doch langweilig, das ist immer dasselbe", beschwert sich Nadir. Inspiriert hatten das Duo zu Beginn US-amerikanische Bands, von denen sie jedoch heute nichts mehr halten. "Bei denen geht es nur noch um große Autos, Geld und Frauen", so Nadir weiter. "Am Anfang wurden Rassismus und Unterdrückung in den USA thematisiert. Und hier leben wir ja immer noch unter diesen Bedingungen."

Misstrauen

"Ich höre Rap beim Arbeiten", sagt Nadir, der im Flüchtlingslager Marasi im Zentrum des Gazastreifens lebt und dort einen Friseursalon hat. "Nebenan wohnt ein Scheich, der kommt immer rein und regt sich auf", lacht er. Aber die Leute im Lager kennen den Friseur, und er hat keine Schwierigkeiten. Unbekannte machen mehr Probleme. "Mir ist schon klar, dass wir anders aussehen", räumt Nadir ein. "Mit unseren Klamotten und unserer Musik fallen wir aus dem Rahmen. Die Leute denken zuerst einmal, dass wir gottlos sind, nicht zur Gesellschaft gehören. Aber unsere Eltern unterstützen uns." P. R. versuchen denn auch, die Gefühle der Leute nicht zu verletzen, und zensiert sich selbst, auf witzige Weise. In einem Lied beispielsweise verdecken sie das Wort "ba'bus", das sich als "jemandem den Stinkefinger zeigen" übersetzen lässt, mit einem Schrei.

"Die meisten Leute wissen sowieso, was wir meinen", so Muhammad, "und die anderen haben auf diese Weise keinen Grund, sich aufzuregen." Neben den Palestinian Rappers gibt es mindestens zwei weitere Rap-Bands im Gazastreifen, RFM und Gazista. Eine Hip-Hop- oder eigenständige Jugendkultur wie in den USA oder in Europa existiert hier aber höchstens in den Anfängen. Die Rapper pflegen keine eigene Sprache, szenetypische Graffiti gibt es nicht. Dafür fände sich auch kaum Platz, sind doch fast alle Häuserwände voller politischer Parolen. Aber das coole Gehabe beherrschen die jungen Musiker. Von Lachanfällen unterbrochen, posieren sie für die Foto auf dem Dach des Hauses von Muhammads Eltern. Das Internet ist für viele die einzige Möglichkeit, dem Eingesperrtsein zu entfliehen.

"Ich bin mit vielen Menschen in Kontakt", sagt Muhammad. "Aber es schmerzt mich, zu sehen, wie viele nicht einmal wissen, wo Palästina liegt und welche Vorstellungen über uns vorherrschen." Die Palestinian Rappers streben deshalb nach weiteren Auftritten im Ausland. "Uns geht es darum", so Muhammad, "den Leuten in anderen Ländern klar zu machen, dass im Gazastreifen nicht jeder mit einer Waffe in der Hand herumläuft."

Ein differenziertes Bild der palästinensischen Gesellschaft wollen sie vermitteln und natürlich die palästinensische Sichtweise des Nahostkonflikts. P. R. thematisieren zwar bessere Beziehungen zwischen Palästinensern und Israeli; eine Zeit nach dem Ende der Besatzung ist für sie jedoch noch kaum vorstellbar. An den geplanten israelischen Abzug aus dem Gazastreifen wagen sie noch nicht recht zu glauben: Nur das Heute ist wichtig.

Peter Schäfer

© Neue Zürcher Zeitung 2005

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