Since the BJP was re-elected to power in 2019, tensions between Hindus and Muslims have escalated.

Rahman Abbas' Roman "Zindeeq"
Südasiatische Lehren aus dem Holocaust

Der neue Roman des auf Urdu schreibenden indischen Schriftstellers Rahman Abbas spielt gegen Ende des 21. Jahrhunderts. Die Idee zu dem Buch entsprang der großen Sorge angesichts der jüngsten Entwicklungen in seinem Heimatland. Von Almuth Degener

Zur Identitätspolitik der hindu-chauvinistischen BJP, der Partei von Premierminister Narendra Modi, gehört die kontinuierliche Agitation gegen die muslimische Minderheit. Staatliche Stellen dulden – oder unterstützen sogar – wiederkehrende pogrom­artige Gewalt, die als "Religionskonflikt“ verharmlost wird. Abbas sieht Parallelen zur brutalen Identitätspolitik der deutschen Nazis in 1930er-Jahren.

Die in Indien seit Jahrzehnten zu beobachtende Tendenz, nicht nur Muslime, sondern auch andere Minderheiten als Randgruppen zu brandmarken, die der als hinduistisch definierten Nation schaden wollen, hat stark zugenommen. Die BJP und verbündete Organisationen schüren diese Stimmung. Aus Abbas’ Sicht droht eine Katastrophe, die dem Holocaust der Nazi­diktatur ähneln würde. Das sehen internationale Experten wie Gregory Stanton von der Nichtregierungsorganisation Genocide Watch ähnlich.

Cover von Rahman Abbas' "Zindeeq", wörtlich "Ketzer" (erschienen auf Urdu bei Arshia Publication, Neu Delhi)
Begeisterte Kritiken: "Zindeeq“ ist der mit Spannung erwartete neue Roman des von der Kritik hochgelobten auf Urdu schreibenden Autors Rahman Abbas. Für seinen vierten Roman "Rohzin“ (dt. "Die Stadt, das Meer, die Liebe“, Draupadi Verlag 2018 ) hatte er den renommierten indischen Literaturpreis Sahitya Akademi Award erhalten. 2019 bereiste Rahman Abbas mit einem Stipendium des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin einen Monat lang Deutschland. Er besuchte ehemalige Konzentrationslager und sprach mit Zeitzeugen und deren Nachkommen. Streckenweise bezieht sich der Roman unmittelbar auf diese Reise.

Ein dystopischer Roman

Der neue Roman heißt Zindeeq, was "Ketzer“ bedeutet.

Der Protagonist stammt aus einem gebildeten und liberalen muslimischen Elternhaus. Auf schulische Erfolge folgt eine steile Karriere in der Armee.

Aber dann rücken andere Eindrücke in den Vordergrund. Das Leben des jungen Mannes wird geprägt von Unruhen in Kaschmir, nationalistisch-rassistischen Attitüden und wachsenden Spannungen mit Pakistan.

Zunehmende Gewaltbereitschaft und immer unverhohlenere Ausgrenzung von Minderheiten prägen beide Länder, aber der Protagonist hält auch Abstand zu islamistischem Extremismus.

2019 bereiste Rahman Abbas mit einem Stipendium des Grenzgänger-Programms der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) einen Monat lang Deutschland.

Er besuchte ehemalige Konzentrationslager und Dokumentationszentren, sprach aber auch mit Zeitzeugen und deren Nachkommen.

Streckenweise bezieht sich der Roman unmittelbar auf diese Reise.

Ob sich der furchtbare Verdacht des Autors während seiner Recherchen bestätigt oder zerstreut hat? Nur so viel: Zindeeq ist ein dystopischer Roman, dessen Ausgang schon am Anfang des Buches vorweggenommen wird: "Ließ man von dem dunklen Himmel über der Garnison, in der er zuletzt stationiert gewesen war, den Blick über die trostlose Landschaft schweifen, war auf der einen Seite das traurige Meer, dessen Rauschen wie Weinen klang und die melancholische Stimmung noch vertiefte, auf der anderen Seite lag etwa 600 Kilometer weiter die bedeutende Stadt, die jetzt zum größten Teil aus Ruinen bestand," heißt es in Zindeeq.

Und weiter: "Im Norden und Süden waren zahlreiche Städte dem Erdboden gleichgemacht worden. Im Westen waren in der Küstenregion und in den dichten Wäldern einige Dörfer verschont geblieben, aber die Menschen litten unter bitterer Armut, Verzweiflung und dem Gefühl der Unsicherheit.“

Mehr als Politik

Zindeeq ist ein packender Roman – und eine Warnung an die Gesellschaft, nicht zuzulassen, dass bornierte Identitätspolitik eine freiheitliche und pluralistische Grundordnung erdrückt. Der Roman enthält derweil auch allerlei nicht unmittelbar – aber im Zusammenhang eben doch – Politisches: Sex, Philosophie, Drogen, einen Schuss Sufismus und nicht zuletzt Poesie. Alle, die Abbas’ preisgekröntes Werk Rohzin – der deutsche Titel ist "Die Stadt, die Liebe, das Meer“ (Draupadi Verlag, Heidelberg 2018) – kennen, werden davon nicht überrascht sein.

In der Originalsprache Urdu ist seit seinem Erscheinen 2021 bereits die dritte Auflage von Zindeeq erschienen. Urdu ist mit Hindi eng verwandt, wird aber mit einem anderen Alphabet geschrieben, das aus der arabischen Schrift abgeleitet wurde. Urdu ist sowohl in Teilen von Indien als auch Pakistan Amtssprache. Ein bemerkenswerter, ein beeindruckender Roman.

Almuth Degener

© E+Z | Entwicklung & Zusammenarbeit 2022

Almuth Degener ist außerordentliche Professorin für Indologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie arbeitet derzeit an der deutschen Übersetzung von "Zindeeq" und war auch für die deutsche Fassung von "Rohzin" (Die Stadt, die Liebe, das Meer, Draupadi Verlag Heidelberg 2018) verantwortlich.

Die Redaktion empfiehlt