Rafik Schami

Die dunkle Seite der Liebe

Etwa hundert Jahre syrischer Geschichte und die verbotene Liebesgeschichte zweier Mitglieder verfeindeter Damaszener Familien erzählt Rafik Schami in seinem neusten, fast 900 Seiten umfassenden Roman. Mayke Walhorn und Alexander Bühler stellen das Buch vor.

Etwa hundert Jahre syrischer Geschichte und die verbotene Liebesgeschichte zweier Mitglieder verfeindeter Damaszener Familien erzählt Rafik Schami in seinem neusten, fast 900 Seiten umfassenden Roman. Mayke Walhorn und Alexander Bühler stellen das Buch vor.

Rafik Schami, Foto: dpa

​​"Die "Dunkle Seite der Liebe" ist die Frucht von genau 30 Jahren Arbeit. Das war mein Geheimprojekt! Ich habe viele Bücher - kleine, große Bücher - gemacht, und ich habe immer ein Geheimprojekt. Jeder Autor, glaube ich, jede Autorin hat ein Lieblingskind, das man versteckt und daran bastelt in den Nächten, wo man jetzt genug getan hat oder genug für den Monat verdient hat, sagt: 'Jetzt machst Du diese Herzenssache!'"

Rafik Schamis Herzenssache ist die Geschichte einer verbotenen Liebe in seinem Heimatland Syrien. Ins Zentrum seines Romans stellt er darum zwei verfeindete Familien, die Muschtaks und die Schahins. Eine Generationen überdauernde Blutsfehde verbietet alle menschlichen Gefühle zwischen ihnen - nur den Hass nicht. Sippenfeindschaften wie diese gibt es in Syrien viele, und Liebe zwischen Menschen aus verfehdeten Familien kann tödlich sein, erinnert sich der Autor:

"Nicht jetzt, dass Sie denken, man wurde im Dunkeln erschossen! Vor allen Leuten wurde eine Frau umgebracht, weil sie einen Mann geliebt hat, verbotenerweise. Wie mich das schockiert hat! Als Jugendlicher wollte ich sofort eine kämpferische Geschichte schreiben und da habe ich entdeckt: Das bringt nichts. Das kann man nicht schreiben."

Schockierende Erinnerungen

Doch vergessen konnte er dieses Erlebnis auch nicht. Verbotene Gefühle, Hass und Blutrache auf offener Straße - kaum hatte Schami Syrien verlassen, war ihm klar, dass er darüber schreiben musste. Die schockierenden Erinnerungen aus seiner Jugend ließen ihn nicht los. In "Die dunkle Seite der Liebe" beschreibt er sie durch die Augen seines Protagonisten Farid:

Farid stand gerade auf dem Balkon und trank Tee, als Aischa auf dem Dorfplatz ausstieg. Der Bruder kam schnellen Schrittes aus dem Friseurladen schräg gegenüber der Haltestelle und rief "Du Verräterin, du lässt dich von einem Feind unserer Familie schänden!" Er schoss dreimal. Farid fiel das Glas aus der Hand.

Farid gehört zur Familie der Muschtaks. Die gnadenlose Blutsfehde mit den Schahins hat den Dreizehnjährigen bislang nicht viel gekümmert. Das ändert sich allerdings schlagartig, als er sich in die junge Rana verliebt. Denn wie sich herausstellt, gehört Rana zur Familie der Schahins. Und so scheint das Glück der Jungverliebten von vornherein zum Scheitern verurteilt:

Rana schaute Farid an. In seinen Augen sah sie Sehnsucht und Trauer, und obwohl sie große Angst hatte, war sie in diesem Augenblick sicher, dass sie mit ihm leben wollte. Doch einen Moment später erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter: "Ein Muslim ist immerhin ein Mensch, aber die Muschtaks sind Ratten! Ratten! Ratten!" hallte die Stimme durch ihren Kopf.

Sippe oder Staat?

Trotz aller Hindernisse entschließen sich Farid und Rana, an ihrer Liebe festzuhalten. Und damit beginnt für sie ein gefährliches Versteckspiel: Sie treffen und schreiben sich heimlich - immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Eine Liebe wie diese hat in der Sippengesellschaft kaum eine Chance, weiß Schami:

"Jeder beobachtet den anderen. Die Sippe sitzt überall. Sie sitzt in der Regierung, und die Regierung verteidigt die Mörder! Im Namen der Sippe. Nicht dass Sie denken, wenn jemand eine Frau erschießt, die jemanden geliebt hat, würde der hart bestraft! Der kriegt eine milde Strafe! Als ob der Staat sagt: Ja! Ist in Ordnung so."

Der Sippenkrieg macht vor den führenden Köpfen des Regimes nicht Halt - das macht Schami in seinem Buch immer wieder deutlich. Vom hohen Beamten des Innenministeriums bis zum Geheimdienstoffizier - mit spürbarem Groll beschreibt der Autor die zwielichtigen Machenschaften von Staatsdienern, die sich weniger dem Staat als der Sippe verpflichtet fühlen. Intrigen Folter und Korruption - "Die dunkle Seite der Liebe" greift alle diese Themen auf - und trotzdem bleibt es ein Liebesroman, betont Schami:

"Im Mittelpunkt bleiben diese zwei: Rana und Farid. Und ihr Leben, ihre Empfindungen, ihre Abenteuer und die Schwierigkeiten mit den Eltern. Dass alle Putsche in 20 Jahren abgehandelt werden, in einer Art Satire, das ist notwendig, damit der Leser in der Atmosphäre bleibt. Sonst reden wir über Schweden oder über ein glückliches Arabien - nee. Aber ich will keinen politischen Roman schreiben!"

Panorama des syrischen Lebens

Ob Polit- oder Liebesroman - Rafik Schami spannt seinen Erzählbogen über ein Jahrhundert syrischer Geschichte. In 304 Kapiteln lässt er seine Leser nicht nur am Schicksal von Rana und Farid und vieler anderer Figuren teilhaben - er führt sie auch mitten ins syrische Leben, lässt sie den Alltag des Landes in all seinen Facetten miterleben. Dass er beim Schreiben dabei nie den Faden verloren hat, hält Schami heute selbst für ein kleines Wunder:

"Ich bin jeden Tag aufgewacht und habe gedacht, das schaffst Du nicht. Das wird immer komplizierter, das ist unmöglich! Du hast dich übernommen mit dem Thema! Das heißt: Ich bin erleichtert jetzt, nachdem ich dieses Projekt meines Lebens wirklich zu Ende gebracht habe!"

Mayke Walhorn / Alexander Bühler

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2004

​​Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe
Hanser Verlag, 896 Seiten, Hardcover
3-446-20536-5, 24,90 Euro

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