Hinzu kommt die Isolation der betroffenen Stadtteile. Diese sind zum einen infrastrukturell aufgrund fehlender U-Bahnen oder Buslinien von den Aktivitätszentren der Stadt abgekoppelt, zum anderen symbolisch durch eine mentale Ausgrenzung der Enklaven von anderen Gebieten. Dies wiederum weckt bei den betroffenen Jugendlichen das Gefühl, einem Teil der Menschheit anzugehören, der keine Schnittmenge mit dem anderen, bessergestellten Teil hat. Diese Dichotomie macht eine Kommunikation untereinander unmöglich.

Kulturelle Unterlegenheit

Die spezifische Stadtstruktur prägt die Identität der sozial Ausgegrenzten und kulturell Diskreditierten. Die Betroffenen verinnerlichen die soziale Ausgrenzung und erheben sie zum Identitätsmerkmal und zur Lebensform. Die "Viktimisierung" wiederum verstärkt diesen Prozess und wird zu einem erschwerenden Faktor: Der Einzelne sondert sich von der Mehrheitsgesellschaft ab und verweigert sich der Integration.

Betroffen sind meist Personen mit Migrationshintergrund, die unter sozialer Zurückweisung oder relativer Deprivation (vor allem in den wohlhabenden skandinavischen Ländern) oder unter tatsächlicher Armut leiden und die gleichzeitig als kulturell minderwertig behandelt werden. Sie sind oft wirtschaftlich marginalisiert, verinnerlichen diese Zwangslage und definieren sich antagonistisch gegenüber der Gesellschaft.

Als Mittel zur sozialen Aufwertung treten sie Banden oder kriminellen Gruppierungen bei. In Frankreich befinden sich die einschlägigen Bezirke meist in den Randzonen der Städte und werden als "Bannmeilen"(Banlieue) bezeichnet. Gelegentlich liegt eine solche Enklave auch in einem Teil der Stadt. So wie beispielsweise die "nördlichen Stadtviertel" von Marseille oder Straßburg-Neuhof.

Die suburbane Struktur mit ihren isolierten, prekären und ausgegrenzten Stadtteilen innerhalb der Großstadt fördert oft den Dschihadismus. Dies gilt für Waltham Forest in London ebenso wie für Kleinstädte, wie Lunel, wo Ausgrenzung und Stigmatisierung noch deutlicher zutage treten.

Dieses Modell ist kein typisch französisches, existiert in abgeschwächter Form aber auch in anderen Ländern. In Deutschland findet man es beispielsweise in Dinslaken mit seinem Stadtteil Lohberg. In Schweden in Malmö mit dem Stadtteil Rosengård. In Belgien im Brüsseler Bezirk Molenbeek sowie in der Kleinstadt Vilvoorde. In Dänemark in den Kopenhagener Bezirken Mjølnerparken und Nørrebro. Und in den Niederlanden im Amsterdamer Bezirk Overtoomse Veld.

Die "Nicht-Staatsbürgerschaft"

Die Alltagssprache kennt in ganz Europa ein umfangreiches Vokabular, das die Nicht-Staatsbürgerschaft bzw. Nicht-Dazugehörigkeit insbesondere der Söhne oder Enkel von Einwanderern unterstreicht. Denn Mädchen und Enkelinnen werden unterschiedlich wahrgenommen und verhalten sich im Allgemeinen auch anders.

In Schweden heißen sie dezent "nicht-ethnisch schwedische Menschen". In Frankreich sind es die "Franzosen auf dem Papier", in Deutschland die "Passdeutschen", also diejenigen, die einen französischen bzw. deutschen Pass haben - aber keine "echten" Franzosen oder Deutschen sind. In England lautet die Bezeichnung stark abwertend "Pakis" für Menschen pakistanischer oder allgemein südostasiatischer Herkunft. In Dänemark "Perker" mit der gleichen abwertenden Konnotation wie "Paki" auf Englisch. Oder abschätzig "Arab", "Bougnoul", "Bicot", "Beur" in Frankreich.

Ersatzidentität Islam

Diese Menschen leiden unter dem Dilemma, weder Franzosen noch Araber, weder Pakistaner noch Engländer zu sein.... sie tragen das Stigma der doppelten "Nicht-Identität". In Frankreich sind sie "dreckige Araber", in Algerien mutieren sie zu "dreckigen, arroganten Franzosen". Sie finden eine Ersatzidentität im Islam und setzen damit ihrer doppelten Nicht-Identität ein Ende.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Enklaven des Zorns

"In England lautet die Bezeichnung stark abwertend "Pakis" für Menschen pakistanischer oder allgemein südostasiatischer Herkunft."
Ich lese immer beschönigend "asians", wohl weil Pakistaner nicht p.c. ist. Und mit südostasiatischen Menschen (Indochina, China, Korea, Japan) hat man weniger Probleme, oder ist mir da etwas entgangen?

"Als Reaktion darauf betonen sie durch aggressives Verhalten ihre Nicht-Staatsbürgerschaft und Nicht-Dazugehörigkeit. Diese Geste wird von anderen als bedrohlich und als provokativ empfunden."

Es ist bedrohlich und provokativ. Vermutlich wird sie auch von denen, die diese Geste zeigen, bedrohlich und provokativ gemeint.

Wie die Weltmeisterschaftsfeiern zeigten, ist die Gefahr nicht eingebildet. Leider scheint noch niemand herausgefunden zu haben, wie man sie beseitigt, und zwar komplett und anwendbar, nicht als Grundlagenforschung mit einer kleinen Versuchsgruppe.

Norbert Schnitzler19.07.2018 | 17:31 Uhr