Als Reaktion darauf betonen sie durch aggressives Verhalten ihre Nicht-Staatsbürgerschaft und Nicht-Dazugehörigkeit. Diese Geste wird von anderen als bedrohlich und als provokativ empfunden. Sprachlich entwickeln sie ihr eigenes Idiom und grenzen sich gegenüber den Einheimischen ab – den "babtou" (französisch für Weiße) oder "gaouri", zu denen sie nicht gehören.

Rassismus und Gegenrassismus vermengen sich untrennbar in einem Spiegelspiel. Der Übertritt einer kleinen Minderheit von ihnen zum Dschihadismus stellt auf der imaginären Ebene den Stolz, ja sogar die Ehre im Kampf gegen die Gesellschaft wieder her und legitimiert blinde Gewalt gegen sie.

Die Ausgeschlossenen

Die Geschichte der vergangenen 50 Jahre kann ebenfalls ein maßgeblicher Faktor sein. In Nizza hatte die Gründung von Stützpunkten der "Islamischen Heilsfront" (FIS) und später in den 1990er Jahren die Abspaltung der "Groupe Islamique Armé" (GIA) nach dem Militärputsch in Algerien erhebliche Auswirkungen und führte im folgenden Jahrzehnt zur Indoktrination oder gar Radikalisierung eines Teils der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.

Auch wenn die Stadtstruktur nicht alles erklärt, so kommen die meisten europäischen Dschihadisten doch aus Gebieten, Städten oder Regionen, die räumlich relativ gut umrissen werden können: meist arm, stigmatisiert und von Söhnen und Enkeln der Einwanderer bewohnt.

Dschihadisten werden allerdings auch in bürgerlichen Vierteln rekrutiert. Das Unbehagen der bürgerlichen Jugend, das Fehlen von Utopie, die Angst vor sozialem Abstieg und ein oft atomisierter und anomischer Individualismus bilden dort den Nährboden der Radikalisierung einer Jugend, die sich nicht mehr auf die Ideale der extremen Linken beziehen kann. Im letzteren Fall spielt die Stadtstruktur nicht die gleiche Rolle wie in den Armenvierteln. Aus den prekären Stadtteilen speist sich weiterhin die große Mehrheit der europäischen Dschihadisten.

Europa krankt an seinen verarmten Enklaven mit einem großen Anteil junger Menschen, die zumeist von Einwanderern abstammen und wirtschaftlich marginalisiert sind. Ohne das Wissen, wie man diese Menschen integriert, und ohne Infragestellung dieser Stadtstruktur werden wir entweder mit dem Dschihadismus oder mit einer ungezügelten Kriminalität in einem umschlossenen Raum konfrontiert, in dem sich gleichzeitig eine puritanische und sektiererische Religiosität als pietistischer Salafismus entwickelt.

Farhard Khosrokhavar

© Open Democracy 2018

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Der französisch-iranische Soziologe Farhard Khosrokhavar ist Studienleiter an der École des hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sein Buch "Radikalisierung" ist 2016 bei der Europäischen Verlagsanstalt erschienen.

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Leserkommentare zum Artikel: Enklaven des Zorns

"In England lautet die Bezeichnung stark abwertend "Pakis" für Menschen pakistanischer oder allgemein südostasiatischer Herkunft."
Ich lese immer beschönigend "asians", wohl weil Pakistaner nicht p.c. ist. Und mit südostasiatischen Menschen (Indochina, China, Korea, Japan) hat man weniger Probleme, oder ist mir da etwas entgangen?

"Als Reaktion darauf betonen sie durch aggressives Verhalten ihre Nicht-Staatsbürgerschaft und Nicht-Dazugehörigkeit. Diese Geste wird von anderen als bedrohlich und als provokativ empfunden."

Es ist bedrohlich und provokativ. Vermutlich wird sie auch von denen, die diese Geste zeigen, bedrohlich und provokativ gemeint.

Wie die Weltmeisterschaftsfeiern zeigten, ist die Gefahr nicht eingebildet. Leider scheint noch niemand herausgefunden zu haben, wie man sie beseitigt, und zwar komplett und anwendbar, nicht als Grundlagenforschung mit einer kleinen Versuchsgruppe.

Norbert Schnitzler19.07.2018 | 17:31 Uhr