Der 22-jährige Muhammad wurde 2015 aus dem Gefängnis Istikbal Tora entlassen. Er berichtet von einem Mithäftling, der Student am Fachbereich für Ingenieurwesen war. Mit Politik habe dieser laut Mohammeds Aussagen nichts zu tun gehabt, bis ein Freund von ihm während einer Demonstration im Zuge der Räumung des Protestcamps auf dem Rabia-al-Adawiyya-Platz in Kairo getötet wurde. Danach ging er zum ersten Mal zu einer Demonstration, wurde dabei jedoch festgenommen und kam in Vorsorgehaft.

Der Student hatte sich im Verlauf seiner Haftzeit komplett verändert, stellt Muhammad verblüfft fest: "Als er ins Gefängnis kam, hat er geraucht, nicht gebetet und kannte viele Mädchen. Seine Besuche waren meistens von ehemaligen Freundinnen. Einige Mithäftlinge haben ihn dafür gerügt und belehrt, was verboten und was zulässig sei. So fing er an, sich an diese Regeln zu halten. Er beendete all seine Beziehungen zu Mädchen, hörte mit dem Rauchen auf, ließ sich Haare und Bart lang wachsen, aß kein Fleisch mehr aus der Haftanstalt und leistete al-Baghdadi einen Treueschwur."

Mythos vom Siegeszug der Dschihadisten

Auch mit ihm selbst wollte er nicht mehr sprechen oder die gemeinsame Mahlzeit teilen, erinnert sich Muhammad. Er hatte ihm lediglich ausrichten lassen, dass man sich nach der Haftentlassung in einer Schlacht auf zwei widerstreitenden Seiten treffen werde. Bestürzt fragte daraufhin Muhammad: "Sind wir nicht alle Muslime?", fragte er. Doch sein ehemaliger Freund verneinte nur – er sei für ihn ein Abtrünniger.

Der Rabia-al-Adawiyya-Platz in Kairo nach der Räumung des Protestcamps; Foto: AFP/Getty Images
Mit brachialer Gewalt gegen friedliche Demonstranten: Am Morgen des 14. August 2013 stürmten Polizei und Militär das Protestcamp auf dem Rabia-al-Adawiyya-Platz im Kairoer Stadtteil Nasr City. Zwischen 600 und 2.000 Menschen, je nach Quelle, kamen ums Leben. Die Verbrechen sind bis heute noch immer nicht aufgeklärt.

Die Prahlereien von den angeblich großartigen Siegen des IS im Nordsinai, in Libyen, Syrien und im Irak kommen bei den verzweifelten und frustrierten jungen Männern gut an, weiß Muhammad. "Sie stellen sich dann vor, die Terrormiliz sei so etwas wie eine legendäre Erlöserin - das rechtgeleitete Kalifat, das auch sie erretten wird." Insbesondere nach brutaler Folter verfielen sie sehr leicht der Propaganda des IS, so Muhammad. Die Abschottung von der Außenwelt und die fehlenden Informationen verliehen den imaginären Erfolgen des IS und deren sagenhaften Eroberungen eine gewisse Glaubwürdigkeit, berichtet er weiter.

Muhammad ist auch der Meinung, dass viele inhaftierte junge Männer den "Islamischen Staat" auch nicht per se als Terrororganisation betrachteten. Vielmehr projizieren sie in die Organisation ihre persönliche Befreiung von Folter und Isolation.

Ein weiterer Inhaftierter namens Hamed, der Anfang des Jahres aus dem Gefängnis Istikbal Tora entlassen wurde, berichtet, dass alle unpolitischen Insassen von anderen Häftlingen schikaniert und radikalisiert werden. Hamed selbst war Mitglied der Muslimbrüder, hat sich jedoch von ihrer Ideologie distanziert. Er schlägt nun radikalere Töne an. So glaubt Hamed nicht mehr an die Strategie der Muslimbrüder im Umgang mit der unrechtmäßigen "Putschregierung". Gewaltsame Ideologien sind ihm viel plausibler geworden, obgleich er einen Beitritt zum IS noch immer ablehnt.

Die Muslimbrüder - Ketzer im gemeinsamen Glauben

Der IS hat die Muslimbrüder mehrmals offiziell angegriffen. Im Namen der Demokratie könne man nicht zum Dschihad und Tod aufrufen, so die Dschihadisten. Sogar der Sprecher des IS, Abu Mohammad al-Adnani, verspottete die Organisation in seiner Rede nach der Räumung der Protestcamps auf dem Rabia-al-Adawiyya-Platz, bei der mindestens 800 Menschen getötet wurden.

"Es ist höchste Zeit, dass wir der Tatsache ins Auge sehen, dass Friedfertigkeit weder der Wahrheit zum Recht verhilft noch das Verkehrte aufhebt", eiferte Abu Mohammad al-Adnani. "Die Prediger des friedlichen Weges sollen endlich ihre verlogene Propaganda aufgeben, denn die

Graffiti in Kairo zeigt inhaftierten Ex-Präsident Mohammed Mursi; Foto: Reuters
Fanal gegen Mohamed Mursi und die Muslimbrüder: Seit der Absetzung von Ex-Präsident Mursi hat der Staat die Einrichtung von insgesamt 16 neuen Gefängnissen angeordnet. Ägyptens höchstes Gericht hatte im letzten November das Todesurteil gegen Ex-Präsident Mohammed Mursi gekippt. Der Prozess wegen eines Gefängnisausbruches solle neu aufgerollt werden, ordneten die Richter in Kairo an. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe während der Arabischen Aufstände 2011 gemeinsam mit der palästinensischen Hamas und der libanesischen Hisbollah eine Flucht aus der Haftanstalt organisiert.

Ketzer sind nicht fähig, den Gläubigen friedlich zu begegnen. Wahrlich sind die Muslimbrüder bereit, sich vorm Teufel zu verneigen, nur um an die Macht zu kommen."

Geschichte wiederholt sich

Dass Gefängnisse zu Brutstätten des Terrorismus werden, ist nichts Neues. Die Erfahrungen aus der Zeit von Gamal Abdel Nasser und Anwar El-Sadat wiederholen sich gerade vor unseren Augen. In den 1960er Jahren rekrutierten Dschihadisten, vor allem Anhänger von Shukri Mustafa, neue Mitglieder in den Jugendvollzugsanstalten. Sayyid Qutb schrieb den Großteil seiner radikalen politischen Traktate während seiner Haftzeit.

Radikale Ideologien blühten in den Gefängnissen in der achten Dekade des vergangenen Jahrhunderts, bis der Staat 1976 brutal gegen ihre Prediger vorging: Die Anführer der Gruppe "Al-Takfir wa al-Hijra" wurden hingerichtet, darunter Shukri Mustafa selbst. In den 1980er und 90er Jahren trugen jedoch Gruppen wie "Al-Tawaqquf wa al-Tabayyun" oder die Anhänger von "Shawqi al-Shaykh" ihre Gedanken weiter.

Die Radikalisierungstendenzen werden aufgrund der widrigen Umstände in den ägyptischen Gefängnissen nur noch weiter zunehmen. Reformen sind daher dringend nötig, vor allem in Hinblick auf den Umgang mit den Gefängnisinsassen. Die Praxis der Folter kommt den extremistischen Organisationen sehr entgegen. Und der fehlende Kontakt zu Religionsgelehrten und Gefängnisseelsorgern trägt zudem zu dieser gefährlichen Entwicklung bei. Ein ehemaliger Häftling berichtet etwa, während seiner eineinhalb jährigen Haft im Gefängnis Istikbal Tora kein einziges Mal mit Gelehrten der Al-Azhar-Moschee über Glaubensthemen gesprochen zu haben. So ist es für die IS-Extremisten ein Kinderspiel, die verzweifelten und frustrierten Jugendlichen davon zu überzeugen, dass letztlich nur Gewalt und bewaffneter Widerstand zum Erfolg führt.

Mustafa Abduh

© Qantara.de 2017

Aus dem Arabischen von Filip Kaźmierczak

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