Radikalisierung in ägyptischen Gefängnissen

Wie Häftlinge zu Dschihadisten werden

Folter, Misshandlungen und Zusammenlegungen von islamistischen Häftlingen fördern die Radikalisierung in ägyptischen Gefängnissen und bescheren dem "Islamischen Staat" beachtlichen Zulauf. Mustafa Abduh hat sich mit einigen ehemaligen ägyptischen Inhaftierten unterhalten.

Der 19-jährige Mahmoud Shafiq wurde 2013 mit einigen Büchern unterm Arm auf dem Weg zu seiner Oberschule verhaftet. Der Grund: Er passierte zufällig eine Demonstration der Muslimbrüder. Nach einem Jahr Präventivhaft verließ er das Gefängnis – als anderer Mensch. Am 11. Dezember 2016 sprengte er sich inmitten der von zahllosen Christen besuchten St.-Peter-und-Paul-Kirche in Kairo in die Luft und tötete dabei 26 Personen.

Während seiner Haft wurde er von der Staatsanwaltschaft vom Verdacht befreit, Mitglied einer "verbotenen terroristischen Organisation" (offizieller Begriff für die Muslimbruderschaft) zu sein, sowie im Besitz von Waffen und Sprengstoff. Und dennoch wurde er nach seiner Freilassung wegen Teilnahme an Demonstrationen zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zu jener Zeit war er jedoch untergetaucht und erreichte – laut Informationen der Sicherheitsdienste – den Sinai, wo er sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" anschloss.

Mahmouds Vater, der vor einigen Jahren gestorben ist, diente als Offizier in der ägyptischen Armee. Es wird also angenommen, dass sich der Junge erst im Gefängnis infolge brutaler Folter radikalisiert hat. Man kann sich jedoch nicht komplett sicher sein, ob er tatsächlich der Attentäter war. In einem Video bekennt sich zwar der IS für den Terrorakt, führt aber einen anderen Decknamen an, als den, welchen die ägyptischen Behörden ermittelt haben.

Trotzdem hat die Tragödie eine öffentliche Debatte über die Radikalisierung der Jugend in ägyptischen Gefängnissen ausgelöst. Die Gefahr nimmt ständig zu, zumal der IS seine Rekrutierungsaktivitäten in diesem Bereich intensiviert hat.

Nicht nur Islamisten im Fadenkreuz des Staates

Immer mehr junge Oppositionelle jeden Couleurs werden in Ägypten festgenommen. Eine Statistik des "Ägyptischen Koordinierungsbüros für Rechte und Freiheiten" ("Egyptian Coordination for Rights and Freedoms") spricht eine deutliche Sprache: 2013 wurden mehr als 8.435, 2014 bereits 32.718 Menschen festgenommen. 2015 sank die Ziffer auf ca. 23.000. In der ersten Hälfte des Jahres 2016 waren es 3.209 Fälle. Insgesamt handelt es sich also um 64.000 Festgenommene, von denen ungefähr 20.000 Personen später wieder entlassen wurden.

Beerdigung der Opfer des Anschlags auf die St. Peter-und Paul-Kirche in Kairo; Foto: dpa
Spur des Todes: Nach dem Anschlag auf die St.-Peter-und-Paul-Kirche in Kairo hatte das ägyptische Innenministerium umgehend führende Vertreter der verbotenen Muslimbruderschaft als Drahtzieher bezeichnet. Die Islamisten hätten den Selbstmordattentäter und seine Helfer von Qatar aus finanziert und ausgebildet, erklärte das Innenministerium. Doch die Dschihadistenmiliz IS dementierte daraufhin und bekannte sich zum Anschlag auf die Kirche.

Seit der Absetzung von Ex-Präsident Mursi hat der Staat die Einrichtung von insgesamt 16 neuen Gefängnissen angeordnet. Einige wurden bereits offiziell eröffnet, andere befinden sich noch in der Bauphase. Zu den berüchtigtsten Haftanstalten, in denen auch die Aktivitäten des IS zugenommen haben, zählt zweifelsohne das Hochsicherheitsgefängnis Al-Aqrab, sowie in Istikbal Tora und in Burj al-Arab. Allein in der Haftanstalt Istikbal Tora haben sich bis Mitte 2015 mindestens 30 Häftlinge der IS-Terrororganisation angeschlossen. Der älteste Radikalisierte ist noch nicht mal 35 Jahre alt.

Misshandlung und Isolation als Triebfedern der Radikalisierung

Ehemalige Häftlinge aus mehreren Gefängnissen schätzen die Radikalisierungsgefahren in Al-Aqrab am höchsten ein. Angesichts brutaler Foltermethoden und heftiger Schikanen sei dort die Bereitschaft, sich dem IS anzuschließen, am größten. Hinzu kommen Isolationshaft und monatelange Besuchsverbote. Normalerweise hängt die Radikalisierungstendenz vom Grad der Misshandlungen ab, aber auch vom eigenen Leidenswillen sowie vom Verhalten der Mithäftlinge.

Anfangs verfolgte die zentrale Gefängnisbehörde eine strenge Isolationspolitik in Hinblick auf Terrorismusfälle. So wurde das Hochsicherheitsgefängnis Al-Aqrab ausschließlich für Insassen vorgesehen, die der Zusammenarbeit mit Organisationen wie "Ansar Bait al-Maqdis" (seit dem Anschluss zum IS im November 2014 "Wilayat Sinai" genannt), "Ajnad Misr" oder den Muslimbrüdern verdächtigt wurden. Mit der Zeit konnte jedoch eine strikte Zuordnung aufgrund des Zuwachses radikaler Häftlinge nicht mehr beibehalten werden.

Inhaftierte Muslimbrüder; Foto: Reuters
Muslimbrüder als Staatsfeinde: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat die Haftbedingungen in dem berüchtigten ägyptischen Hochsicherheitsgefängnis Al-Aqrab bereits im Vorjahr scharf kritisiert. Insassen - darunter viele politische Gefangene - würden regelmäßig misshandelt und in der Al-Aqrab-Haftanstalt unter unmenschlichen Bedingungen gehalten. Unter den Inhaftierten befinden sich zahlreiche Muslimbrüder.

Ahmad, 35, ehemaliger Häftling, Arzt und Anführer der Muslimbrüder, wohnt heute in einem asiatischen Land. Er hatte vor seinem Exil den Umgang mit Terrorverdächtigen vor einigen Jahren selbst erlebt. Ende 2014 hatte die Verwaltung im Gefängnis Istikbal Tora entschieden, insgesamt sieben Zellen im Trakt A zu räumen. Bei der Verlegung der Inhaftierten sollen die Gefängniswärter die Gefangenen misshandelt und auf andere, bereits überfüllte Zellen verteilt haben. In dem geräumten Trakt sollten fortan ausschließlich Anhänger des IS und anderer Organisationen aus dem Gefängnis Al-Aqrab untergebracht werden.

Hymnen des Todes

"Nachdem die IS-Mitglieder in den Trakt verlegt wurden, wandelte sich die Situation dort dramatisch", berichtet Ahmad. "Sie riefen gesondert zum Gebet auf, nachdem die Insassen des Traktes bereits gebetet hatten. Und sie verketzerten alle anderen. Jede Nacht ertönten Kampflieder der Organisation 'Wilayat Sinai'."

Ahmad konnte nicht glauben, dass die Verwaltung dieses Verhalten noch länger duldete. "Bei unseren einfachsten Rufen wie 'Weg mit der Militärregierung!' oder 'Das Innenministerium ist eine Schlägerbande!' regierte die Verwaltung mit drakonischen Strafen. Jedes mal brach dann im Trakt die Hölle aus. Doch wenn die Kampflieder des IS ertönten scherten sich die Aufseher in keinster Weise darum. Einer ihrer Lieder lautete 'Sprenge und zerstöre'... Ein weiteres: 'Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mit dem Schwert und dem Koran sagen wir unserem Kalifen in voller Überzeugung: Oh, Abu Bakr, wenn du uns ins Meer des Todes schickst, tun wir es für dich!'."

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