Als im vergangenen Jahr die 900 Teilnehmer einer "Konferenz zur Nationalen Verständigung" ebenfalls einen Dialogversuch forderten, ließ Staatspräsident Ibrahim Boubacar Keïta seinen Versöhnungsminister verkünden: "Mali ist bereit, mit all seinen Söhnen zu verhandeln." Wenige Tage später widerrief er unter französischem Druck. Der damalige Außenminister Jean-Marc Ayrault befand bei einem Mali-Besuch kategorisch, es gebe im Kampf gegen den Terrorismus "nur einen Weg, nicht zwei", und der malische Präsident versprach Gehorsam.

"Es war schockierend zu sehen, wie begrenzt unser Handlungsspielraum ist", sagt die Oppositionelle und Ex-Außenministerin Sy Kadiatou Sow. "Mali steht faktisch unter Vormundschaft. Aber wir müssen den Mut haben, zu debattieren, was gut ist für uns selbst, für unser Land." Die Politikerin ist als Verfechterin von Frauenrechten bekannt; niemand unterstellt ihr Sympathie für einen radikalisierten Islam.

Auch die nordirische IRA und Palästinas PLO galten früher als Ultraterroristen, mit denen Gespräche niemals möglich sein würden. Das Ausmaß begangener Verbrechen sei kein Kriterium, schreibt Jonathan Powell in seinem Buch "Terrorists at the Table". Der einstige Stabschef von Tony Blair, ein Experte in internationaler Konfliktmediation, schlug bereits vor zehn Jahren Gespräche mit Al-Qaida vor.

Französische Truppen in Mali im Jahr 2013; Foto: REUTERS/Francois Rihouay
Fragwürdige militärische Interventionen: Als Frankreich 2013 in Mali intervenierte, schien der Vergleich mit Afghanistan ("Sahelistan") noch abwegig, doch nach fünf Jahren internationaler Interventionen ist Mali von einem komplexen Muster der Gewalt gezeichnet. Kaum ein Tag vergeht ohne Anschläge, meist zielen sie auf die ausländischen Truppen.

Dennoch hält sich die Vorstellung, mit Dschihadisten könne schon deshalb nicht rational verkehrt werden, weil es sich um religiöse Fanatiker mit wirren Kalifatsfantasien handele, ohne Bezug zum sozialen Geschehen vor Ort. Für Afrika trifft das kaum zu.

Dschihadismus als Antwort auf staatliche Willkür und soziales Unrecht

Leonhard Harding, emeritierter Professor für afrikanische Geschichte an der Universität Hamburg, schreibt über die Sahel-Dschihadisten: "Ein gemeinsames Konzept zur Schaffung eines islamischen Staats oder die Ausrufung eines neuen Kalifats ist nirgendwo in Sicht." Die Kämpfer seien primär an lokalen Veränderungen interessiert und wollten die Bevölkerung gewinnen. Über Boko Haram sagt der französische Politologe Jean-François Bayart, es handele sich um "den religiösen Ausdruck eines sozialen Phänomens".

Bereits im Westafrika des 18. und 19. Jahrhunderts kämpften sogenannte Dschihadisten mit religiösen Losungen gegen ungerechte Herrscher. Ähnlich präsentiert sich der heutige Dschihadismus in Zentralmali als Antwort auf staatliche Willkür und soziales Unrecht. Die Region wird von einer Bewegung erschüttert, in der sich Terror mit sozialer Revolte verbindet.

Diese rekrutiert sich oftmals aus jungen Fulbe-Hirten; sie vertreiben die Repräsentanten eines Staats, den sie nur als Unterdrücker kennen, richten Steuereintreiber und Bürgermeister hin. Als ein Richter auf offener Straße entführt wurde, habe die örtliche Bevölkerung "zufrieden" reagiert, berichtet ein Regisseur aus der Region. "Wenn derartiges passiert, höre ich jedes Mal: 'Das geschieht den Beamten recht!'"

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