In dieser Atmosphäre sucht nun der Vorsitzende des Hohen Islamischen Rats von Mali Pfade zum Dialog. Mahmoud Dicko, ein politisch agiler und religiös gemäßigter Wahhabit, hat dafür zunächst die Koranschulleiter und traditionellen Autoritäten der Region zu mehreren großen Versammlungen geladen; 800 folgten dem Ruf. Sie haben dort, wo kein Staat mehr existiert, den größten Einfluss und sollen für Dicko Kontakte zum Kern der Dschihadisten herstellen.

"Ich will Wege zum Dialog öffnen, indem ich frage, was wir für die Region tun können." Womöglich könne jenseits der staatlichen Justiz, unter deren Korruptheit besonders die Ärmsten leiden, die Einsetzung von traditionellen islamischen Richtern (Kadis) befriedend wirken.

Andere schicken Killerdrohnen

"Wir müssen die Bevölkerung dazu bringen, aus dem Sog der Gewalt herauszukommen", sagt Dicko. "Aber wo ist die rote Linie, über die eine Republik nicht hinausgehen darf? Das muss das Land, das Volk entscheiden." Ein offizielles Mandat für seine Bemühungen hat er nicht.

Ein malischer General a. D., dem Westen freundlich zugetan, mit schönen Erinnerungen an einen Lehrgang der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr, beschreibt ein mögliches Szenario nach einem Abzug ausländischer Truppen so: "Dann würden wir mit den Dschihadisten verhandeln, und wenn sie islamisches Recht einführen wollen, werden wir sehen, was genau das sein soll. Vielleicht ist es ja nicht schlecht. Die Dschihadisten wollen eine saubere Gerichtsbarkeit und haben in manchen Fragen recht."

Malis Imam Mahmoud Dicko; Foto: Getty Images/AFP/H. Kouyate
Pfade zum Dialog mit militanten Islamisten: Mahmoud Dicko, ein politisch agiler und religiös gemäßigter Wahhabit, hat die Koranschulleiter und traditionellen Autoritäten Malis zu mehreren großen Versammlungen geladen; 800 folgten dem Ruf. Sie haben dort, wo kein Staat mehr existiert, den größten Einfluss und sollen für Dicko Kontakte zum Kern der Dschihadisten herstellen.

Ob und wie verhandelt werden kann, muss auf jedem Schauplatz gesondert bestimmt werden. Und niemand vermag vorherzusagen, wie groß die Chance auf Erfolg ist. Es aber zumindest zu versuchen, dazu ermuntern zahlreiche Experten.

"Man kann nicht alle Dschihadisten töten. Es gibt auch in Mali keine Alternative zu Verhandlungen", sagt die Leiterin des Berliner Zentrums für internationale Friedenseinsätze, Almut Wieland-Karimi. Dass dies zuallererst eine Entscheidung der Malier sei, meint nun immerhin auch das Auswärtige Amt.

Entscheidung über Dialog oder Krieg

Zwölf Forscher aus Mali, Senegal, den USA und Frankreich warnten jüngst die französische Regierung, sie drohe mit ihrer Blockade von Dialogversuchen "auf der falschen Seite der Geschichte" zu stehen. Das militärische Vorgehen sei einem politischen Ziel unterzuordnen, über das die Gesellschaften des Sahel bestimmen müssten.

Bei der Bekämpfung des Terrors nationale Souveränität wiederzuerlangen, danach rufen nun auch Intellektuelle der Region, etwa Moussa Tchangari, der im nigrischen Niamey die "Alternative Espaces Citoyens" leitet. In Mali, Niger und Nigeria seien Verhandlungen mit Dschihadisten immer dann zulässig gewesen, wenn sie der Freilassung westlicher Geiseln dienten.

Dies zeige, wie sehr "die Entscheidung über Dialog oder Krieg von den Interessen der großen Mächte des Westens dominiert" sei. In der Tat: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian antwortete in einer derartigen Situation einmal auf die Frage, ob der berüchtigte Iyad Ag Ghali ein Terrorist sei, ganz behutsam: "Es liegt an ihm selbst zu sagen, als was er sich betrachtet."

Für die Forderung ihrer Bürger nach mehr nationaler Eigenständigkeit sind die Regierenden in Mali wie in Niger bisher schlechte Bündnispartner: weil ausländische Militärpräsenz ihre Macht stärkt und aufgeblähte Verteidigungsbudgets Einnahmen aus Korruption sichern.

Der bitterarme Niger gibt 15 Prozent seines Haushalts für Militärisches aus – und erlaubt nun den USA, von einer neuen Basis aus erstmals Killerdrohnen in die Sahara zu schicken.

Charlotte Wiedemann

© Qantara.de 2018

Charlotte Wiedemann ist freie Autorin von Auslandsreportagen und Büchern mit dem Schwerpunkt "islamische Lebenswelten". Zuletzt erschien von ihr "Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten", München (dtv) 2017.

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