«Wir können uns auch 2022 noch nicht als LGBT-Festival der großen Öffentlichkeit zugänglich machen,» sagt Aktivist und Filmfest-Organisator Karam Aouini.

Queeres Filmfestival in Tunesien
Zwischen Angst und Mut

Am 22. September beginnt in Tunis das Mawjoudin Queer Film Festival, das angesichts der in Tunesien weit verbreiteten Diskriminierung von queeren Menschen halb-öffentlich stattfindet. Von Sarah Mersch aus Tunis

Ein queeres Filmfestival in Tunesien zu organisieren ist nach den Worten des Aktivisten Karam Aouini eine Gratwanderung. Die Beteiligten wollten einerseits die Öffentlichkeit sensibilisieren, fürchteten sich aber zugleich vor Übergriffen, sagte der künstlerische Leiter des Mawjoudin Queer Film Festival, das am 22. September beginnt, dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Wir können uns auch 2022 noch nicht als LGBT-Festival der großen Öffentlichkeit zugänglich machen.»

Das Festival, das sich vorrangig an lesbische, schwule, bisexuelle und trans-Menschen sowie andere sexuelle Minderheiten richtet, findet zum dritten Mal in der tunesischen Hauptstadt Tunis statt und dauert vier Tage. Die Sicherheit des Publikums habe absolute Priorität, betont Aouini. «Wir hatten in der Vergangenheit zwar keine Probleme, aber wegen der Gewalt und der Diskriminierungen, denen wir allein auf den sozialen Netzwerken ausgesetzt sind, treffen wir Vorsichtsmaßnahmen.»

Das Festival wolle sich langsam öffnen und finde dieses Jahr halb-öffentlich statt, erläutert Aouini. Geladene und den Organisierenden bekannte Gäste dürften Freunde und Angehörige mitbringen. «Das Kino und Kunst im Allgemeinen sind sehr wichtige Mittel, um den Menschen queere Themen nahezubringen und den Horizont zu erweitern.» Wenn dies gelinge, könne er die Edition des Festivals als Erfolg verbuchen.

Symbolbild Regenbogenflaggen in Tunis; Foto: Shams
Schwierige Gratwanderung: Für die LGBTQ-Community in Tunesien ist die Situation angesichts weit verbreiteter Vorurteile in der Gesellschaft prekär. Mit dem Mawjoudin Queer Film Festival wollen die Beteiligten einerseits an die Öffentlichkeit gehen und sie sensibilisieren, gleichzeitig fürchten sie sich aber auch vor Übergriffen, sagte der künstlerische Leiter des Festivals, Karam Aouini.

Heikles Thema in der tunesischen Gesellschaft

In Tunesien wird Homosexualität kriminalisiert, homosexuelle Handlungen können mit drei Jahren Haft bestraft werden. «Neben der rechtlichen gibt es auch die gesellschaftliche Diskriminierung: im öffentlichen Raum, den sozialen Netzwerken, politischen Reden, den Medien», sagt der künstlerische Leiter des Festivals. Und im Gegensatz zu anderen Ländern gebe es in Tunesien keine Gesetze, die Menschen vor Diskriminierung wegen ihrer sexuellen Orientierung schützen.

Insgesamt 32 Spiel- und Dokumentarfilme vor allem aus Ländern des globalen Südens sind bei dem Festival zu sehen. Dazu kommen Kunstausstellungen, Workshops und Podiumsdiskussionen. Entstanden ist die Idee für das Festival bei einem internen Filmclub der 2014 gegründeten tunesischen Organisation Mawjoudin (arabisch für «Wir existieren»). Aouini: «Wir wollen Filme zeigen, die die queere Gemeinschaft in Tunesien und der Region repräsentieren, denn die westlichen Produktionen haben oft wenig mit dem Leben hier zu tun.»

Wegen der Corona-Pandemie musste das Festival mehrfach verschoben werden. Nun biete es eine wichtige Gelegenheit für die queere Gemeinschaft in Tunesien, sich endlich wieder persönlich zu treffen, sagt Aouini. Das Motto dieses Jahres ist Solidarität. Das habe nicht nur mit der Pandemie zu tun. «Wir mussten in letzter Zeit viele neue Fälle von HIV-Infektionen beobachten, deshalb organisieren wir einen Schwerpunkt zu sexueller Gesundheit.» 

Sarah Mersch

© epd 2022

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