Über die genaue Bezeichnung für das Geschehen im Iran können sich die Gelehrten streiten. Klar ist, momentan wird in dem Land Geschichte geschrieben, schreibt Ali Sadrzadeh

Proteste im Iran 2022
Iran: Wie buchstabiert man Geschichte?

Über die genaue Bezeichnung für das Geschehen im Iran kann sich die Nachwelt streiten. Klar ist, momentan wird in dem Land Geschichte geschrieben, schreibt Ali Sadrzadeh

"Sucht euch neue Wörter und wenn ihr keine Begriffe findet, solltet ihr schweigen.“ Der Satz sagt alles darüber aus, was derzeit im Iran passiert. Ihre Stimme zittert, im Hintergrund hört man Schreie, Parolen, Polizei- und Feuerwehrsirenen. Die junge Frau spricht hastig: Sie müsse bald aufhören, wiederholt sie bei jedem Satz, sie wisse nicht, was gleich passiere und wie lange ihr Handyinternet noch funktioniere.

Es ist 11 Uhr am Samstag, dem 8. Oktober 2022. Die junge Frau steht vor der Teheraner Universität. An diesem Tag finden in fast allen Städten Irans Demonstrationen statt, heftiger als an den Tagen zuvor. In kleinen wie in großen Orten sind junge Menschen, vor allem Frauen, auf der Straße, es wird geschossen, geprügelt und verhaftet. Die Schergen des Regimes scheinen heute noch brutaler vorgehen zu wollen als an den vorangegangenen Tagen.

Die Protestierenden sind einem Aufruf der Studierenden der Eliteuniversität Sharif gefolgt. Grund ist der blutige Überfall der Basidjis, der paramilitärischen Gruppen, auf ihre Hochschule vor einer Woche.

Macht auch der Bazar mit?

Heute streiken auch die Händler im Teheraner Bazar, die Läden sind alle geschlossen, die Gänge leer, die Polizeiwache davor steht in Flammen. Der Bazar war einst das pulsierende Herz der iranischen Wirtschaft, die Händler standen 1979 geschlossen hinter Chomeinis Revolution.

Aktivisten in Beirut sagen während einer Demonstration einem schiitischen Kleriker, er soll gehen Beirut, Lebanon, Sunday, Oct. 2, 2022; Foto: AP/Hassan Ammar
"Welchen Gott betet ihr an?“ In Beirut diskutieren Demonstranten mit einem schiitischen Kleriker, der sich den Protesten gegen den Tod von Mahsa Amini anschließen wollte. "Die Religion sagt nichts (zum Kopftuchzwang)“ steht auf einem der Plakate. Am gleichen Tag warnte Irans Parlamentssprecher Mohammed Bagher Qalibaf, dass die Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini das Land destabilisieren könnten und wies die Sicherheitskräfte an, hart gegen die "Gefährder der öffentlichen Ordnung“ vorzugehen.

Doch das ist eine Ewigkeit her, und vor 43 Jahren gab es weder das Wort Globalisierung, noch wussten viele Bazaris, wo China liegt. Heute liefert China sogar Leichentücher und Gebetskränze und auf dem Teppichweltmarkt spielt das heutige Iran keine Rolle mehr. Perserteppiche kauft man in Pakistan, der Türkei oder Indien, hergestellt natürlich aus chinesischer Wolle, Seide und Farbe.

Peking umgeht die internationalen Sanktionen und nutzt Knebelverträge, die es mit der durch und durch korrupten Islamischen "Republik“ abschließt. Unter falscher Flagge geliefertes Öl wird gegen Waren oder Dienstleistungen getauscht.

Geld gibt es nicht, kann es nicht geben – selbst für die chinesischen Banken ist ein Währungstransfer mit dem Iran nicht möglich. Denn das Land wurde aus dem Swift-System ausgeschlossen – dank Chameneis Hass auf alles Westliche und seinem Blick gen Osten.

In seinen letzten Herrschafts- und Lebensjahren steht der iranische Revolutionsführer Ali Chamenei vor einem Scherbenhaufen. Er hat einen Namen für das, was er sieht: Er nennt es eine Verschwörung der verhassten Zionisten. Aber der Rest der Welt streitet darüber, was im Iran dieser Tage zu sehen ist.

Club House und die Revolution

"Wenn ihr keinen Namen habt, dann schweigt!“, ruft die junge Frau ihrem Publikum zu. Ihre Zuhörer sind belesene, erfahrene Intellektuelle und fast alle haben eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. Sie sitzen in Teheran, Washington, Frankfurt oder an anderen Orten dieser Welt. Fast dreitausend haben sich dank der App Club House virtuell versammelt.

Das Virtuelle und das Reale sind im heutigen Iran zu einer Einheit verschmolzen. Die Audio-App ersetzt dieser Tage für viele Iranerinnen und Iraner das, was sie in der realen Welt vermissen: Rede- und Versammlungsfreiheit, ein offenes Forum für den ernsthaften Gedankenaustausch, einen Raum für Journalistinnen und Journalisten, um zu kommentieren und zu bewerten.

 

Als die Studentin sich zu Wort meldet, sind die Versammelten in diesem virtuellen Raum bereits seit fast sieben Stunden dabei, eine zutreffende Bezeichnung für das zu suchen, was Irans Oberster Religionsführer Ali Chamenei "Ereignisse“ nennt. Doch kein Begriff ist passend: weder Revolution noch Bewegung oder Aufstand, weder Unruhe noch Protest.

Die junge Frau ruft zum Schweigen auf. Was sie sagen will, ist: Seht euch genau an, was passiert. Eine ganze Generation ist dabei, das gesamte Land umzukrempeln. Sie sagt, Mut habe die Angst überwunden. Inzwischen seien Gymnasiastinnen ohne Kopftuch zum Motor der Ereignisse geworden. Das Regime hat inzwischen in vielen Städten die Schließung der Schulen angeordnet. Vor allem in der Provinz.

Eine Generation sagt "nein"

Im heutigen Iran gibt keinen Unterschied mehr zwischen Stadt und Land, wenn es um die Lebensumstände der Menschen geht. 40 Prozent der Iranerinnen und Iraner leben offiziell unter der Armutsgrenze, andere sind nahe daran.

Diese Menschen schlagen sich entweder am Rande der Großstädte als Obdachlose durch oder sie kämpfen in den Dörfern mit Wasserknappheit, der Mittelstand ist fast verschwunden. Gleichzeitig stellen die Sprösslinge der herrschenden Clique ihren Reichtum schamlos zur Schau.

Fast 74 Prozent der Iranerinnen und Iraner leben in Städten. Dank Internet sind Informationen grenzenlos verfügbar. Die iranische Bevölkerung, ob arm oder reich, ist internetaffin.

Zweifellos sehen wir heute, wie eine Kulturrevolution stattfindet, welche Bezeichnung man für diese historische Phase letztendlich auch finden mag. Eine ganze Generation, allen voran die jungen Frauen, sagt Nein zur offiziellen Politik der Islamisierung.
 

 

An dem Tag, als die junge Studentin ihr Publikum auffordert, sich lieber die Wirklichkeit näher anzuschauen, anstatt weiter nach einer passenden Bezeichnung für sie zu suchen, genau an diesem Tag meldet die Nachrichtenagentur Tasnim, 46 Organisationen und Institutionen seien im Iran ausschließlich für die Propagierung und Durchsetzung des Kopftuchzwangs zuständig, manche dieser Organe hätten mehr Geld zur Verfügung als ein ganzes Ministerium.

Tasnim steht den Revolutionsgarden nahe und fragt, warum das Kopftuch der getöteten 22-jährigen Mahsa Amini trotz all dieser Anstrengungen überall in großen wie kleinen Städten als Symbol für den Aufruhr "in den Händen der Konterrevolution“ benutzt werde.

Erste Risse im Sicherheitsapparat?

Tasnim und der innerste Machtzirkel haben genug Bezeichnungen für die "Ereignisse“: Zionistische Machenschaft, Verschwörung diverser Geheimdienste, Lügen der westlichen Presse, die Liste ist lang. Probleme passende Bezeichnungen zu finden, haben sie also nicht.

Aber haben sie auch genug Ausdauer, um sie zu bekämpfen? Vier Wochen nach Beginn der Proteste werden die ersten Anzeichen für Risse im Sicherheitsapparat sichtbar. Der Gouverneur der Provinz Teheran sprach am vergangenen Freitag bei einer Pressekonferenz von der Müdigkeit der "kämpfenden Einheiten“, die im Dauereinsatz seien.

Wer den längeren Atem hat, werden die nächsten Wochen zeigen. Was sich auch ereignen mag: Wir haben einen neuen Iran, die Islamische "Republik“, wie wir sie in den letzten 43 Jahren gesehen haben, gehört der Geschichte an. Der Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini war ein Fanal. Für was? Den Namen dafür mögen die Kommenden finden.

Ali Sadrzadeh

© Iran-Journal 2022

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