Proteste gegen libanesische Sängerin Fairuz
Lobeslieder auf das Regime in Damaskus?

Die Konzerte der Star-Sängerin Fairuz in Damaskus werfen ihre Schatten auf die politischen Zustände in Syrien: Ist ein solcher Auftritt vor dem Hintergrund von Verhaftungen prominenter syrischer Dissidenten nicht äußerst fragwürdig? Von Jan Marron

Auftritt der libanesischen Sängerin Fairuz; Foto: Picture-Alliance/dpa
Ein Politikum - der Auftritt der libanesischen Sängerin Fairuz Ende Januar im Damascus Opera House ist vor allem bei libanesischen Intellektuellen äußerst umstritten.

​​Eine Welle der Aufregung ging durch Syrien, als bekannt wurde: Sie kommt. Fairuz, die Stimme der Einheit und Freiheit Arabiens. Nach 21 Jahren stand die Libanesin am 28. Januar im Zuge der Festivitäten zu "Damaskus. Hauptstadt der arabischen Kultur 2008" erstmals wieder auf einer Damaszener Bühne – mit dem dort 1970 uraufgeführten Theaterstück "Sach an-naum" ("Guten Morgen").

Die Geschichte ist simpel und symbolträchtig: Ein selbstsüchtiger Herrscher mit ererbten Herrschaftsinsignien und eine aufgeblähte Bürokratie überdauern auf Kosten der Untertanen. Ein einfaches Mädchen aus dem Volk (Fairuz) stiehlt dem Herrscher schließlich das wichtigste Instrument seiner Macht – seinen Stempel – und segnet damit sämtliche Bittstelleranträge ab. Intellektuelles Leben und wirtschaftlicher Aufschwung kehren in das gelähmte Land zurück. Der Herrscher scheitert am einfachen Mädchen.

Fairuz' Sohn Ziad al-Rahbani – selbst eine lebende Musiklegende – überarbeitete das von seinem Vater und Onkel kreierte Stück für die Aufführung in Syrien. Für einen Teil des mitunter auch als "Nation Rahbani" bezeichneten Libanon war soviel Ehrerweisung gegenüber Damaskus unerträglich.

Auf feindlichem Boden

Als "Verrat" erschien es den Anhängern des anti-syrischen Lagers des "14. März", dass ihre Ikone feindlichen Boden betritt. Eine entsprechende Medienkampagne wurde losgetreten. "Fahr nicht!" - so auch ein flehentlicher Aufruf im französischen Courrier International. Und in der libanesischen Tageszeitung An-Nahar, deren Herausgeber Ghassan Tueni ist, war zu lesen, dass die syrische Diktatur nur danach trachte, "mit deinen Konzerten, ihr Image zu vergolden". Tuenis Sohn Gibran gehört zu den prominentesten Opfern der Bombenanschläge, die den Libanon seit 2004 heimsuchen - Anschläge, die das Lager des "14. März" Syrien zuschreibt.

Doch es gab auch libanesische Stimmen, die sich für den Auftritt einsetzten: In einem emotional verfassten Artikel schrieb Pierre Abi-Saab, Cheffeuilletonist des libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar: "Fairuz, fahr doch!" Schon allein aufgrund des "Symbols der Brüderlichkeit" zwischen dem Libanon und Syrien dürfe sie die Syrer nicht für ihre Diktatur abstrafen, so Abi-Saab. "Sing dort für die Freiheit, und Michel Kilo und seine Freunde werden dich in ihren Gefängnissen hören (…), so wie dir all diejenigen, die wegen ihrer Meinung inhaftiert und wegen ihrer Überzeugungen bedrängt werden, zuhören."

Opposition gegen syrische Erbfolge

Das syrische Regime antwortete auf seine eigene Weise: Am 28. Januar, eine Stunde vor Fairuz' Auftritt, klingelte es an der Tür des Oppositionellen Riad al-Seif. Der Bürgerrechtler war am 1. Dezember bei der Erstversammlung der Gruppierung "Erklärung von Damaskus" zu deren Generalsekretär gewählt worden. Seither kamen 11 Mitglieder hinter Gitter. Bereits 2001 hatte al-Seif die Initiative "Damaszener Frühling" mitbegründet. "Damals war dies unsere Form des Protests gegen die Art und Weise, wie nach dem Tod von Präsident Hafez al-Assad die Verfassung geändert und aus der syrischen Republik eine syrische Erbfolge gemacht wurde", erinnert sich sein Mitstreiter Muhammad Ali Atassi.

Baschar Assad; Foto: AP
Geht mit eiserner Hand gegen die Opposition im eigenen Land vor: Syriens Präsident Baschar Assad

​​Riad al-Seif galt dem Regime seit jeher als besonders gefährlich: Der Sohn eines Zimmermanns schuf Fabriken für Hunderte von Arbeitnehmern mit exzellentem Management und vorbildlichen Sozialleistungen – zwei Drittel seiner Angestellten waren Frauen. Mit großer Mehrheit wurde er zudem als unabhängiger Kandidat ins Parlament gewählt, wo er die Wirtschaftspolitik und den endlosen Korruptionssumpf in der Regierung anprangerte.

Soviel Reformgeist brachte ihm letztlich fünf Jahre Gefängnis ein. Nach seiner Freilassung in 2006 trieb er unerschrocken die "Damaskus-Erklärung" voran, die für einen pluralistischen Rechtsstaat eintrat. Nationalisten, Linke, Liberale, demokratisch orientierte Islamisten und Minderheiten wie Kurden und Assyrer gehören ihr seitdem an. Insgesamt 163 Menschen versammelten sich auf dem Gründungstreffen. Gegen zehn von ihnen, darunter die Vorsitzende Fida Hurani und die beiden Sekretäre Akram al-Bunni und Ahmed Tuame, begann am 28. Januar ein Gerichtsverfahren. Die Anklage lautet auf "Schwächung des Staats durch sektiererische Ideen, Gründung einer Partei zum Sturz des Regimes und Verbreitung von Propaganda."

Todesurteil auf Raten

Nach Informationen der Menschenrechtsanwältin Razan Zeitouneh weist der Mitangeklagte Ali Abdallah Verletzungen an der Luftröhre auf, die auf Misshandlungen zurückgehen. Al-Seif selbst ist schwer krebskrank. Seit Mitte letzten Jahres bittet er um die Erlaubnis zur Ausreise, um medizinisch behandelt zu werden.

Doch vergeblich - für ihn mit Gewissheit ein Todesurteil auf Raten. Und Fairuz? Sie wird noch mehrere Konzerte in Syrien geben und dem syrischen Volk damit etwas Unterhaltung bieten. Doch auf der politischen Bühne zählt etwas völlig anderes. Denn das syrische Regime ist zu ignorant, um zu begreifen, was der bedeutende libanesische Politologe Joseph Samaha einst zur Inhaftierung des syrischen Dissidenten Kilo schrieb: Das Regime wird erst erstarken, wenn Kilo frei ist.

Jan Marron

© Qantara.de 2008