Die Vorstellung, der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi könnte das Erbe Nassers fortführen, begann bereits mit der Abtretung der beiden Inseln Tiran und Sanafir an Saudi-Arabien zu bröckeln und erwies sich durch die militärische Kooperation mit Israel im Sinai endgültig als Luftschloss.

Ägypten steht allerdings nicht völlig allein für diese Entwicklung, auch andere Staaten des Arabischen Frühlings, die heute von autoritären Machthabern beherrscht werden, kennen nur ein Thema: nämlich für Sicherheit zu sorgen! Sie haben keine Vision außer der Repression um der Repression willen. Und nur durch direkte Unterdrückung können sie ihre Herrschaft sichern – allen Versuchen zum Trotz, durch politische und soziale Reformen Legitimität zu erlangen. Ein solches Schicksal erleiden derzeit nicht nur Syrien und das auseinanderfallende Libyen, sondern auch andere Staaten in der Region.

Das beste Beispiel für das Unvermögen der autoritären Regime ist gegenwärtig in Algerien zu beobachten. Symbolik und Realität verschwimmen hier auf eigentümliche Weise: Präsident Bouteflika hatte sich nicht nur politisch in Schweigen gehüllt, er ist nunmehr gänzlich verstummt. Auch die mächtigen Generäle und die Finanzlobby in seinem Umfeld scheinen - angesichts der Tahrir-Plätze Algeriens - wie gelähmt und schweigen.

Die Angst durchbrechen

Der Tahrir-Platz während des Volksaufstands gegen Husni Mubarak im Januar 2011; Foto: dpa/picture-alliance
Der Tahrir-Platz in Kairo als Symbol des Aufstands gegen Diktatur und Willkür: "Die Frage, was aus dem Tahrir-Platz geworden ist, wird momentan im Maghreb beantwortet. Mittlerweile finden wir ihn in Algerien genauso wie in Khartum und dieses Phänomen könnte sich wohl auch andernorts entfalten. Das Geheimnis des Arabischen Frühlings liegt wohl nicht in dessen Siegen oder Niederlagen, sondern in dessen Fähigkeit, den Menschen die Furcht zu nehmen", schreibt Elias Khoury.

Die Frage, was aus dem Tahrir-Platz geworden ist, wird momentan im Maghreb beantwortet. Mittlerweile finden wir ihn in Algerien genauso wie in Khartum und dieses Phänomen könnte sich wohl auch andernorts entfalten. Das Geheimnis des Arabischen Frühlings liegt wohl nicht in dessen Siegen oder Niederlagen, sondern in dessen Fähigkeit, den Menschen die Furcht zu nehmen. Auch wenn das Gemetzel in Syrien den Regimen als warnendes Beispiel dient, um die Menschen abzuschrecken ändert es doch nichts daran, dass die Mauer der Angst längst durchbrochen ist.

Es schien, als würde die Niederschlagung des Arabischen Frühlings den Verlust des gerade neu entdeckten Horizonts bedeuten. Als würde dieses Scheitern die Rückkehr der arabischen Welt unter das Joch autoritärer, ölfinanzierter Militärregime einläuten und sein Vermächtnis in den Mühlen des sunnitisch-schiitischen beziehungsweise des iranisch-saudischen Konflikts zerrieben werden.

Doch diese Niederlage bedeutet offensichtlich weder das Ende der Geschichte, noch kann sie den Weg für eine bessere Zukunft aufhalten. Die arabische Welt ist zwar an einem Tiefpunkt angelangt. Doch noch tiefer zu sinken, dürfte unmöglich sein. Ewig anhalten kann die derzeitige Misere aber auch nicht. 

Der Prozess gegen den ägyptischen Schriftsteller Alaa al-Aswani, der Vorwurf des Hochverrats gegen Waked und Abol Naga, die Festnahme der jugendlichen Aktivisten vom Tahrir-Platz und die vielen Formen der Vertreibung, die aus den Menschen in Syrien Flüchtlinge gemacht hat, sind Teil einer Episode, die die arabische Welt derzeit erleiden muss: Der Geist der Freiheit, den damals der Tahrir-Platz entfesselte, sollte endgültig erstickt werden. Doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Der Geist der Freiheit benötigt allerdings einen tiefgreifenden gedanklichen Umbruch in der arabischen Welt. Es braucht neue Denkansätze, die aus den Aufständen des Arabischen Frühlings gegen die autoritären Regime ein moralisches, politisches und intellektuelles Projekt machen, das den Begriffen Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit wieder Bedeutung verleiht.

Elias Khoury

© Qantara.de 2019

Elias Khoury zählt zu den namhaftesten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Er war Mitherausgeber zahlreicher politischer Journale und für einige Zeit der künstlerische Leiter des Beiruter Theaters. Heute ist er leitender Literaturredakteur der Beiruter Zeitung "An-Nahar". Zu Khourys Werk zählen das auch auf Deutsch erschienene Buch "Der König der Fremdlinge" sowie "Bab Ashams", sein großer Roman über die Geschichte der Palästinenser, für den er 1998 den Palästina-Preis erhielt.

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

 

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