Pressefreiheit und Demokratie in Jemen

"Jemen ist ein Planet für sich"

Nadia A. Al-Sakkaf ist Chefredakteurin der englischsprachigen und unabhängigen Tageszeitung Yemen Times, die seit 1990 existiert. Mit ihr sprach Alfred Hackensberger über Medien und Pressefreiheit sowie Stammeskultur und Demokratie im Jemen.

Nadia A. Al-Sakkaf; Foto: privat
"Jemen ist eine aufstrebende Demokratie, die von einem großen tribalen und sozialen Kulturerbe herausgefordert wird", so Nadia A. Al-Sakkaf, Chefredakteurin der Yemen Times.

​​ Bei arabischen Zeitungen, die im Ausland produziert werden, kann man verstehen, dass sie in englischer Sprache erscheinen. Aber bei einer Tageszeitung im Jemen?

Nadia A. Al-Sakkaf: Als die Zeitung 1990 begründet wurde, gab es keine englischen Medien über Jemen. Sie war die einzige unabhängige Informationsquelle über das Land und sollte eine Brücke zwischen Jemen und dem Rest der Welt schaffen. 1998 waren wir auch die ersten, die eine Webseite einrichteten.

Sie sprechen von Unabhängigkeit. Was verstehen Sie darunter, und kann man im Jemen tatsächlich unabhängig sein?

Al-Sakkaf: Es gibt keine absolute Unabhängigkeit, genauso wenig wie es eine absolute Objektivität gibt. Was wir mit unabhängig meinen ist, mit keiner politischen, religiösen, sozialen oder kulturellen Partei oder Organisation verbunden zu sein.

Wir versuchen "konstruktive Informationen" zu übermitteln, um die Entwicklung des Jemen zu fördern und für Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit zu werben.

In vielen anderen arabischen Ländern ist das nur bedingt möglich. Gibt es im Jemen dabei keine Probleme?

Al-Sakkaf: Natürlich haben wir auch Probleme. Es gibt Einschränkungen bei einigen politischen Themen, aber viel öfter beim Zugang zu Informationen. Die Situation im Jemen kann man jedoch nicht mit dem Rest der Region vergleichen. Wir haben mehr Demokratie und Möglichkeiten, uns auszudrücken, als in allen anderen Ländern der Region.


Jemens Präsident Ali Abdallah Saleh im Februar 2008 zum Staatsbesuch in Berlin mit Angela Merkel; Foto: AP
Im Februar 2008 war der jemenitische Präsident Ali Abdallah Saleh auf Staatsbesuch in Berlin. Direkte Kritik am Präsidenten ist im Jemen unerwünscht.

​​Über was können Sie nicht oder nur bedingt schreiben?

Al-Sakkaf: Der Journalist Abdelkarim Al-Kaiwani, der wegen seiner Berichterstattung über den Sa'ada Krieg zu sechs Jahren verurteilt wurde, war in das Fadenkreuz des Staates geraten, weil er über den Präsidenten und seinen Sohn als Machtnachfolger geschrieben hatte. Sachverhalte, die die jemenitische Einheit, die Effektivität der Armee oder die Person des Präsidenten infrage stellen, sind Tabuthemen. Aber um ehrlich zu sein, man kommt mit Vielem ungeschoren davon, auch mit Kritik an der Regierung.

Jedoch wenn man einen mächtigen Geschäftsmann oder einen Sheikh ins Visier nimmt und über deren Korruption oder irgendetwas Negatives spricht, dann wird es persönlich.

Was meinen Sie mit persönlich?

Al-Sakkaf: Es ist der Alptraum eines jeden jemenitischen Journalisten, wenn Würdenträger des Staats gleichzeitig auch sozial und geschäftlich einflussreich sind. Diese Leute stehen außerhalb jeder Diskussion. Sie standen hinter den plötzlichen und wahllosen Angriffen auf Journalisten zuhause oder auf der Straße. Wir geben dem Staat eine Mitschuld daran, weil er uns hätte beschützen und die Übeltäter zur Rechenschaft ziehen sollen.

Wären das Internet und Blogging nicht eine Möglichkeit, solche Gefahren zu umgehen – man kann notfalls im Netz seine Identität schützen.


Lehmbauten in Shibam; Foto: ap/dpa
Die Lehmhäuser wie hier in Shibam fördern den Tourismus als wichtige Einnahmequelle im Jemen. Anders als die Nachbarstaaten auf der arabischen Halbinsel besitzt das Land keine Ölreserven.

​​Al-Sakkaf: Blogging ist sicherlich sehr wichtig und eine Art Ventil der Meinungsfreiheit. Ich denke, Regierungen können das Netz nicht auf ewig kontrollieren, wenngleich sie es auch versuchen. Mit der Zeit werden Informationen für alle erhältlich sein, die Zugang zum Netz haben. Und das ist der springende Punkt.

Im Jemen haben weniger als ein Prozent der Bevölkerung eine Internet-Verbindung. Sie können also sehen, für die jemenitische Gesellschaft wird sich nicht viel ändern. Aber für uns als Journalisten ist das Internet natürlich hilfreich, weil wir Zugang zu mehr Meinungen und Ideen bekommen und so mehr professionelle journalistische Geschichten entstehen.

Im Westen haben die Medien weit weniger Kontrolle zu befürchten als in vielen arabischen Ländern. Wie beurteilen Sie die westliche Berichterstattung über muslimische Länder?

Al-Sakkaf: Westliche Medien haben ihre ganz eigenen Probleme. Ich habe festgestellt, dass viele der westlichen Medien nicht die Freiheit und Objektivität haben, mit der sie so angeben.

Wie meinen Sie das?

Al-Sakkaf: Sie sind an einen Regelsatz von Stereotypisierungen und den Verkauf von salonfähigen Geschichten gebunden. Über einen terroristischen Muslim eine Story zu schreiben, verkauft sich besser, als eine über den Gewinner des Nobelpreises.

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, das kennt man. Aber was meinen Sie bezüglich Pressefreiheit, die Sie ansprachen?

Al-Sakkaf: Häufig folgen Medien einer politischen Agenda. Ich habe im Westen mehr Objektivität und Wahrheit in kleineren Zeitungen und Medien gefunden, denn in großen.

Westliche Journalisten haben viele Freiheiten und Möglichkeiten an Informationen zu gelangen. Sie können vielfach auch ihre Meinung sagen. Aber wenn diese Meinung nicht mit der Agenda des Herausgebers übereinstimmt, muss der Journalist einen Blog starten, um dort seine Meinung zu veröffentlichen.

Wenn Sie lesen wollen, was die Leute wirklich denken, gehen Sie ins Internet, dann lesen Sie keine Zeitung.


Anschlag auf US-Botschaft im Jemen im September 2008; Foto: AP
Im September 2008 wurde ein Anschlag auf die US-Botschaft in Jemens Haupstadt Sanaa verübt, es gab 16 Tote. Die mutmaßlichen Täter sollen Verbindungen zu Al Qaida haben.

​​Der Jemen wird als Land aus 1001 Nacht beschrieben, als Al Qaida-Stützpunkt oder als Land der wilden Stämme, konservativ und traditionsverbunden. Wie sehen Sie den Jemen?

Al-Sakkaf: Für mich ist der Jemen eine aufstrebende Demokratie, die von einem großen tribalen und sozialen Kulturerbe herausgefordert wird. Das reale Bild ist eine Kombination aus all diesen Beschreibungen. Der Jemen ist wunderschön, hat eine traumhafte Landschaft und eine großartige Geschichte.

Das Gesellschaftssystem wird überwiegend von Stämmen beherrscht. Die meisten Menschen identifizieren sich zuerst mit dem Stamm und danach mit dem Staat – wenn sie das überhaupt tun. Das Stammessystem bestimmt Machtbefugnisse, Rangzuordnungen, Beziehungen und existentielle Fragen wie Beruf und Geschäftsleben. Tradition diktiert, wie das Leben funktioniert.

Und der Jemen als Rückzugsgebiet von Al Qaida?

Al-Sakkaf: Ja, ganz sicher. Stellen sie sich einen Ort vor, in dem es keine Infrastruktur gibt, keine Rechtsstaatlichkeit aber Korruption in einem Ausmaß, dass man sich innerhalb eines Tags aus dem Gefängnis freikaufen kann. Was den Radikalen von Al Qaida entgegen kommt ist, dass viele Jemeniten arm und ungebildet sind.

Wenn sie schon kein anständiges Leben auf Erden haben, scheint der Verkauf einer Fahrkarte zu einem besseren Leben im Himmel ein gutes Angebot zu sein.

Wie betrachten eigentlich die Nachbarn am Golf den Jemen?

Al-Sakkaf: Unsere reichen Nachbarn sehen auf uns herab, wegen der extremen Armut und der großen Bevölkerung. Im Jemen zählen wir 25 Millionen Menschen, mehr als der ganze Golf zusammen. 2030 werden 60 Millionen erwartet.

Der Jemen ist also kein typisches Beispiel für die Länder der Golf-Region?

Al-Sakkaf: Absolut nicht. Jemen ist ein Planet für sich. Es gibt frappierende ökonomische Unterschiede und Sie dürfen nicht vergessen, dass wir eine Republik sind und relativ faire Wahlen haben im Vergleich zu allen Königtümern und Staaten um uns herum.

Wir sind eine Quelle der Bedrohung, was Demokratie und politische Rechte der Frauen betrifft, weil wir ihnen um Kilometer voraus sind.

Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2008

Qantara.de

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