Predigtverbot für Islamisten in Ägypten

Die kontrollierte Botschaft

Die von der ägyptischen Armee eingesetzte Übergangsregierung will islamistische Prediger aus den Moscheen verbannen. Regimetreue Imame dürfen hingegen weiterhin Religion und Politik vermischen. Von Markus Symank

Die Regierung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi ist gestürzt, seine Anhänger im Gefängnis oder auf der Flucht. Nun wollen die neuen Machthaber in Kairo auch den Zugriff der Muslimbruderschaft auf die Religion einschränken: Mit einer Reihe von Gesetzen strebt das Ministerium für religiöse Angelegenheiten an, die Moscheen des Landes stärker unter staatliche Kontrolle zu stellen. Wer politische Botschaften von der Kanzel verbreitet, dem soll künftig die Lizenz entzogen werden. Seit diesem Monat dürfen überdies nur noch Imame mit einem Abschluss der als moderat geltenden Al-Azhar-Universität Freitagspredigt halten. Damit entließ die Regierung über Nacht effektiv 53.000 Prediger.

Abdulghani Hendi, Vorsitzender der ägyptischen Gewerkschaft für Imame, begrüßt diesen Schritt: "In den zwei Jahren seit der Revolution hat sich gezeigt, dass es Leute gibt, die die Predigt für politische Zwecke missbrauchen. Sie profitieren von ihrer Präsenz in den Moscheen finanziell, ideell und auf andere Weise." Wie Hendi erachten viele Ägypter die neuen Gesetze als notwendig für die Schaffung eines Zivilstaates. Andere hingegen warnen vor einer Überwachungspolitik wie unter Husni Mubarak.

Verquickung von Religion und Politik

Freitagsgebet auf dem Tahrirplatz in Kairo; Foto: Reuters
Maulkorb für politisch nicht genehme Imame: Der Muslimbruderschaft wird vorgeworfen, Orte des Gebets wie große Versammlungsräume und Moscheen für politische Zwecke zu missbrauchen und seit Jahrzehnten neue Mitglieder zu rekrutieren.

Nicht erst seit den politischen Umbrüchen wird der Muslimbruderschaft vorgeworfen, Moscheen für politische Zwecke zu missbrauchen. In den Gotteshäusern rekrutieren die Islamisten seit Jahrzehnten neue Mitglieder. Existierten unter dem Mubarak-Regime allerdings rote Linien, fielen diese nach der Revolution vom 25. Januar 2011 weg. Vielerorts warben islamistische Prediger nach dem Volksaufstand offen für die Muslimbruderschaft. Präsident Mursi trat nach seiner Wahl zum Präsidenten selbst mehrfach als Redner in Moscheen auf.

Die offene Vermengung von Religion und Politik stieß im Volk jedoch auf Widerstand. Scheich Refaat, Imam einer Moschee im Zentrum Kairos, versteht das Vorgehen der neuen Regierung daher als Reaktion auf die Ablehnung der islamistischen Ideologie durch das Volk: "Die Leute, die beten sind es, die über den Imam richten. Die Muslimbrüder und die gesamte islamistische Strömung sind von diesen Leuten verstoßen worden. Warum? Weil das Volk seine Religion genau kennt und von Natur aus fromm ist." Um keine Zweifel an der Gesinnung seiner Moschee zu lassen, hat Scheich Refaat ein Plakat am Eingang angebracht: "Nein zu politischen Parteien", steht darauf.

Forderung nach Verfassungsartikel

Nicht überall lassen sich die islamistischen Prediger so leicht verbannen. Mehr als 110.000 registrierte Moscheen gibt es in Ägypten. Die Zahl der Imame mit Al-Azhar-Zertifikat liegt hingegen nur bei 58.000 - viel zu wenige also, um flächendeckend alle Kanzeln zu bemannen. Besonders in Oberägypten, wo die Islamisten ihre Hochburgen haben, befinden sich viele Moscheen im Besitz von Familienclans. Diese bestimmen in der Regel auch, wer sich am Freitag an die Gläubigen richten darf. Die Regierung will diesem Dilemma mit weiteren gesetzlichen Einschränkungen beikommen. So sollen beispielsweise nach ihrem Willen Freitagspredigten nur noch in Moscheen erlaubt sein, die mindestens 80 Quadratmeter groß sind.

Der frühere Großmufti Ali Gomaa ; Foto: picture-alliance/Landov
Kodavergehorsam gegenüber der Armeeführung: In einer Predigt lobte der frühere Großmufti Ali Gomaa den Armeechef Abdel Fattah al-Sisi für dessen "außergewöhnlichen Mut". Den Muslimbrüdern hingegen sprach er das Recht ab, sich als Ägypter bezeichnen zu dürfen.

Auch aus Sicht von Abdulghani Hendi greift die Verbotspolitik zu kurz. Der Vorsitzende der Imam-Gewerkschaft fordert stattdessen, dass sich die verfassungsgebende Versammlung dem Thema annimmt: "Wir wollen einen Verfassungsartikel, der den Berufsstand des Predigers reguliert und dem Land dadurch Schutz garantiert. Dies ist ein sehr wichtiger, aber auch gefährlicher Beruf. So wie die Berichterstattung, wie der Journalismus. Er ist sogar noch gefährlicher, weil der Imam direkt mit den Menschen kommuniziert."

Mordaufruf von der Kanzel

Auch Aktivisten am Nil melden Bedenken am Vorgehen der Übergangsregierung an. Sie warnen, dass anstelle der Islamisten künftig die neuen Machthaber die Moscheen für ihre Propaganda missbrauchen könnten. In den vergangenen Wochen haben bereits zahlreiche Imame den Sicherheitskräften, die brutal gegen Mursi-Anhänger vorgehen, ihren Segen gegeben. Ein Scheich, der häufig auf dem Tahrirplatz in Kairo predigt, rief kürzlich offen zum Mord an Mitgliedern der Hamas, dem palästinensischen Arm der Muslimbruderschaft, auf: "Passt auf, Ägypter! Solltet ihr in irgendeiner ägyptischen Provinz einen Hamas-Anhänger finden, der die Muslimbruderschaft unterstützt, dann ist es euch erlaubt, ihn zu töten, denn er hat die Regeln unseres Landes verletzt."

Auch Vertreter der Al-Azhar beteiligen sich an der Hetze: In einer Predigt lobte der frühere Großmufti Ali Gomaa den Armeechef Abdel Fattah al-Sisi für dessen "außergewöhnlichen Mut". Den Muslimbrüdern hingegen sprach er das Recht ab, sich als Ägypter bezeichnen zu dürfen. Noch gilt das Politikverbot für Imame offenbar nur für die eine Hälfte der Gesellschaft.

Markus Symank

© Qantara.de 2013

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

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Leserkommentare zum Artikel: Die kontrollierte Botschaft

Werter Autor! Als in Aegypten auf dem Land lebende Deutsche moechte ich Ihnen was sagen. Es stoert mich gewaltig ein Wort in Ihrem Vorspanntext: Dieses Wort ist "regimetreu". Darum geht es gar nicht! Und deshalb ist diese Beschreibung einfach falsch! Es geht darum, dass keine Hassprediger und Rattenfaenger mehr erlaubt sein sollen, und das ist auch richtig und gut so! Es sollen keine Prediger mehr erlaubt sein, die ihre politischen Ansichten und Ziele hinter der Religion verstecken! Auch das ist gut so! Es sollen keine Prediger mehr erlaubt sein, die fuer ihre politischen Ziele Reklame in der Moschee machen. Und das ist gut so! Es sollen keine Prediger mehr erlaubt sein, die ihren meist ungebildeten Schaeflein mit der Hoelle und anderen ueblen Strafen drohen, wenn diese denn nicht "richtig" waehlen. Es sollen keine Prediger mehr erlaubt sein, die zur Gewalt aufrufen gegen Andersglaeubige oder politisch anders ausgerichtete Menschen. Das alles wuerde hoechste Zeit und ES IST GUT SO! Bravo Aegypten!!! Und es waere noch besser, wenn auch in Deutschland solche Prediger ebenfalls schleunigst verboten wuerden, denn was sich bei uns in Salafisten-Kreisen und einigen anderen Gruppierungen abspielt und wie dort teilweise junge Menschen verfuehrt werden zum Beispiel ins jihadistische Lager abzuwandern und dann in Syrien oder am Hindukusch ihren Jihad zu fuehren, ist einfach nur noch unglaublich! UND UNSER STAAT SCHAUT DABEI ZU!

Ingrid Wecker23.10.2013 | 13:25 Uhr

Etwas Ähnliches in schwächerer Form hatten wir 1995 in Jordanien, als der verstorbene König Hussein (ein hochgradiger Freimaurer) den Friedensvertrag mit Israel gegen den – falls überhaupt ermittelbaren – mehrheitlichen Willen des Volkes durchsetzte. Vorher hatten die Muslimbrüder die Moscheen als Plattformen für ihre Zwecke gebraucht, doch da sie sich strikt gegen diesen schändlichen Friedensvertrag (die jordanische Seite hat sich damals sehr über den Tisch ziehen lassen) aussprachen, wurden sie aus den Moscheen verbannt, und es durften fortan nur noch „qualifizierte“ Prediger in den Moscheen sprechen und Unterricht geben, obwohl die meisten der (nach antimuslimischer Terminologie) „islamistischen“ Prediger tatsächlich weitaus qualifizierter waren als die vom Staat zugelassenen. Die unpolitische Bewegung der Tabligh-Dschama´a hatte mit ihrer rührigen inneren Mission die Leute dazu eingeladen, in die Moscheen gehen, und die dortigen Prediger der Muslimbrüder hatten dann zahlreiche der neuen Moscheebesucher für ihre Sache zu gewinnen vermocht.
Wenn Prediger in Moscheen Wahlwerbung für einen bestimmten Kandidaten oder eine politische Partei betreiben, ist dies sicherlich abzulehnen, üben sie jedoch Gesellschaftskritik und versuchen, die Leute für die Forderung nach Beseitigung von Korruption und anderen Mißständen zu gewinnen, so wird ihnen dies von den Behörden als (unerlaubtes) Sprechen über „Politik“ ausgelegt, und sie bekommen ein Predigtverbot.
Der Putschist Abdel Fattah as-Sisi ist ein Usurpator, und was er tut, kann man nur als ein großes Verbrechen bezeichnen. Der frühere Mufti ´Ali al-Gom´a behauptet – wenn ich ihn richtig verstanden habe – er habe den Propheten Muhammad nicht nur im Traum, sondern im Wachzustand gesehen, und leidet somit entweder unter Halluzinationen oder ist ein Lügner. Nach islamischem Recht richtet sich die Abhaltung des Freitagsgebets nach der Teilnehmerzahl der ortsansässigen männlichen Anwesenden – nach der schafi´itischen Rechtsschule mindestens 40 Personen – und nicht nach einer Mindestfläche von 80 qm.
Was in Ägypten derzeit läuft, ist ein eklatanter Verstoß gegen demokratische Prinzipien und die Religionsfreiheit. Nach den Regeln eines gemäßigten Säkularismus – wie in der BRD – hätten die jeweiligen Moscheegemeinden oder deren Dachverbände selbst zu bestimmen, wer bei ihnen als Prediger tätig sein darf und wer nicht, und der Staat dürfte ihnen das Predigen nur dann verbieten, wenn sie zu wirklichen Straftaten aufrufen.
Es sollte nicht vergessen werden, daß ein großer Teil der „Salafisten“, die Angehörigen jener islamischen Richtung, die häufig die sog. „Haßprediger“ stellen, auf der Seite der Putschisten stehen. Vermutlich wird das Putschistenregime ihnen gestatten, ebenfalls als Prediger tätig zu sein, wenn die Zahl der Azhar-Absolventen nicht ausreicht, und die zugelassenen „Salafisten“ nichts gegen die Putschisten sagen und sich mit ihren extremen Meinungen etwas zurückhalten.

Frank Walter26.10.2013 | 22:36 Uhr